Sollte mich in naher Zukunft mal ein Alien fragen, wie es sich anfühlt, als Mensch am Leben zu sein, werde ich ihm von diesem Moment erzählen. Ich stehe vor einem Biosupermarkt. Die Sonne strahlt den Wiener Platz in München an. Das Frühsommerlicht fängt sich in der Abgaswolke eines Motorrads, was ein bisschen poetisch aussieht und sicher eine Metapher für irgendetwas ist, und aus dem Schlag meiner Hose ragen die Spitzen meiner Cowboystiefel. Wenn ich mit dem Alien spreche, werde ich sie wahrscheinlich meine Cowboyboots nennen, weil mir etwas daran liegen wird, dass dieses Wesen mich für cool hält. Ich stehe da und „fühle mich“, wie man das heute gerne sagt. „So fühlt es sich an, am Leben zu sein, verstehen Sie?“, werde ich dann trotz aller Coolness vorsichtshalber siezend sagen. Wahrscheinlich wird das Alien nicht verstehen, und ich hole weiter aus.Seit Neuestem bin ich Besitzer eines Paars Cowboystiefel. Sie sind schwarz, haben eine eingenähte Verzierung auf dem Schaft und sind für mich eine modische Ausnahme. Normalerweise versuche ich mich möglichst zeitlos zu kleiden, um nicht zu sagen, unauffällig. Ich mache keine Versuche, trage gerne Wollhosen, Pullover, Hemden und dazu schwarze Dr.-Martens-Halbschuhe, ohne die gelbe Naht, weil das schon zu viel wäre. Aber jetzt habe ich diese Boots, und seitdem bin ich zwar kein anderer, das nicht, aber es hat sich etwas verschoben in meinem Leben.Ein Accessoire war durch meinen Alltag gezogen wie eine Sternschnuppe über den nachtschwarzen HimmelAlles begann damit, dass ich allein in einem französischen Restaurant saß und mir beim zweiten Glas Wein so meine Donnerstagabend-Gedanken machte. Meistens dümpelt das Leben so vor sich hin, da passiert nicht viel, da verändert sich nichts. Der Wecker klingelt immer zur selben Zeit, man arbeitet, und abends schaut man sich völlig egale Netflixserien an, bevor man schlafen geht, und so weiter. Was kann ich ändern? Das ganze Leben wäre zu drastisch. Aber manchmal reicht es ja, stattdessen eine neue Klamotte um das alte Leben zu hüllen. Also schmiss ich meine Vinted-App an. Und da waren sie. Schwarze Stiefel, für Cowboystiefel fast zurückhaltend, ja, ich will sagen, elegant. Ich nahm noch ein Schlückchen vom Wein und machte ein Angebot. Am nächsten Morgen hätte ich die Sache fast wieder vergessen, wenn nicht eine Mail reingekommen wäre: Der Verkäufer hat Ihr Angebot angenommen.Ein Fall von Enclothed Cognition? Die Stiefel unseres AutorsMoritz HacklAls die Stiefel ankamen, stieg ich sofort rein. Ich klackerte durch die Wohnung und fühlte, wie ein Dopaminstoß durch meinen Körper ging. Ich fühlte mich, wie es Menschen beschreiben, die psychoaktive Substanzen „microdosen“. Mein Tag hatte einen Schimmer, ein warmes Leuchten. Ich ging aufrechter, fühlte mich phantastisch. Ich hatte kein LSD oder Pilze in minimalen Dosen zu mir genommen, die Vorahnung eines Rauschs ergriff auch so Besitz von mir. Zugleich hatte ich mich aber auch keinem Umstyling im Klum’schen Sinn unterzogen, es war bloß ein Accessoire durch meinen Alltag wie eine Sternschnuppe über den nachtschwarzen Himmel geschossen.Machen Kleider Leute?2012 taten sich die beiden Sozialpsychologen Hajo Adam und Adam Galinsky von der Northwestern University zusammen, um ein wenig zu experimentieren. Zuerst teilten sie 58 Studierende in zwei Gruppen auf, die einen trugen einen weißen Kittel, die anderen ihre Straßenkleidung. Dann setzten sie ihre Probanden vor Aufmerksamkeitsaufgaben, und es stellte sich heraus: Die Kittel-Gruppe machte halb so viele Fehler wie die ohne Kittel. Im zweiten Experiment trugen alle Probanden Kittel. Allerdings wurde der einen Gruppe gesagt, es handle sich um einen Arztkittel; für die andere Gruppe war es ein Malerkittel. Wieder mussten die Probanden Konzentrationsaufgaben lösen. Das Ergebnis: Die Gruppe im Arztkittel schnitt besser ab als die im Malerkittel.Das liegt nicht daran, dass die Probanden im Arztkittel zufälligerweise die begabteren Studenten waren, die auch nackt Höchstleistungen erbracht hätten. Sondern daran, dass sie dem Arztkittel eine Bedeutung beimaßen. Menschen, die einen Arztkittel tragen, so die Annahme, sind fokussiert, klug, tendenziell hochbegabt. Die beiden Kognitionspsychologen nennen dieses Phänomen „Enclothed Cognition“, was man grob mit „bekleidetem Denken“ übersetzen könnte. Der Begriff beschreibt, dass Kleidung nicht bloß Ausdruck von Identität ist, sondern aktiv in unsere kognitiven Prozesse eingreift. Dabei geht es nicht darum, wie wir wirken, sondern wie wir denken, wie wir uns bewegen, wenn wir diese Kleidung tragen.Was bedeutet es also, dass ich ohne jeden Selbstzweifel durch meine Interviews walzte, herausfordernd war, nicht lange nach Fakten und Anschlussfragen kramen musste, sondern sie sofort auf der Hand lagen – bloß weil ich meine Cowboystiefel trug? Ein bisschen seltsam ist es ja schon. Cowboystiefel sind kein Arztkittel. Ich frage mich, was die beiden Kognitionspsychologen wohl in ihrem Experiment herausgefunden hätten, wenn alle Probanden mit Boots ausgestattet gewesen wären. Vermutlich nichts Eindeutiges.Den Leuten ist es völlig egal, was für Schuhe ich trageAber es ist so: Neulich war ich auf dem Konzert von Tristan Brusch, Sänger, Chansonnier, Poet und ohne die kleinste Übertreibung der vollständigste Künstler der deutschen Musikszene. Und diese Legende trug Cowboyboots. Meine Frau war auch dabei, nickte zu mir rüber, als Tristan gerade ein Lied darüber sang, wie eine Taube ein Riesenstück Dönerfleisch findet, und raunte: „Geile Boots.“ Das fand ich auch. Megageile Boots. Er kombinierte sie mit Sakko, schwarzer Hose und schwarzem Shirt, was sehr urban und überhaupt nicht nach Cowboy-Cosplay aussah.Tristan Brusch wohnt in Berlin, und als ich einer dort ansässigen Freundin von meinen lebensverändernden Boots erzählte, lachte sie ein bisschen verächtlich. In Berlin sei so was schon seit Jahren nicht mal mehr ein Stirnrunzeln wert, versicherte sie mir. Aber ich wohne zum Glück nicht in Berlin. Trotzdem muss ich zu meinem großen Erstaunen feststellen: Auch in München ist den Leuten auf der Straße völlig egal, was ich für Schuhe trage.Nicht, dass ich durch meinen modischen Vibeshift auf vermehrte Aufmerksamkeit gehofft hätte. Bloß bedeuten sie für mich eine so große Veränderung, dass ich darüber staune, wie gleichgültig die Menschen ihrer Wege gehen, einkaufen, sich streiten, lachen und tanzen, als wäre nichts. „Hört ihr mich nicht klackern?“, will ich ihnen zurufen, besinne mich dann aber eines Besseren, denn mein Klackern ist mir selbst genug.Sei’s drum. Enclothed Cognition bedeutet, dass Kleidung uns nicht bloß anders fühlen lässt; sie verändert die Art und Intensität unseres Denkens. Aber was ich noch wissen will: Was genau verändert sich eigentlich? Woher kommt dieser Schimmer, der auf allem liegt, wenn ich die Boots trage? Warum war das Sonnenlicht im Motorrad-Abgas plötzlich so bedeutsam für mich?Habe ich möglicherweise den Verstand verloren?Zuerst muss man aber vielleicht die Frage beantworten, die sich bei all diesen Erfahrungen rund um die Cowboyboots am stärksten aufdrängt: Habe ich möglicherweise den Verstand verloren? Mode, genau wie Literatur oder Musik, hat das Potential, einen aus dem Gewohnten herauszuheben und ins offene Feld der Empfindsamkeit zu stoßen. Oder anders formuliert: Man wird verrückt. Von hier nach dort gerückt. Die Welt scheint mit einem Mal eine andere zu sein, sie leuchtet, schimmert, summt und säuselt. Deshalb die Antwort: Ja, wahrscheinlich bin ich verrückt geworden.Allerdings weniger in einem klinisch psychiatrischen als mehr in einem Hartmut-Rosa-Sinn. Bei ihm ist diese Verrücktheit ein Glücksfall. Der seltene Moment, in dem die Welt aufhört, stumm zu bleiben, und anfängt zu antworten. Da resoniert etwas, wie der Soziologe sagt. Die Welt bleibt nicht belanglos, zieht nicht fade an einem vorbei, sondern man tritt in Beziehung zu ihr. Sodass selbst die Rauchschwade des Motorrads, über die ich mich sonst ärgern würde, eine Schönheit transportiert.Vielleicht helfen die Cowboystiefel dabei, sie treten die durch den Alltag verrammelte Tür zur Welt ein. Möglicherweise kann man es auch so verstehen, dass ich buchstäblich mit neuen Füßen in die Welt trete, als neuer Mensch, verwandelt durch ein Kleidungsstück.