Das Lob für Amad Diallo kam von oberster Stelle, von einem, der sich auskennt mit dem Toreschießen. „Was für ein Schuss mit der Innenseite. Bravo, mein Bruder“, schrieb Didier Drogba, Rekordstürmer der Elfenbeinküste, auf Instagram. Den Beitrag versah er mit mehreren Feuersymbolen. Drogba hatte seinem Landsmann nach dessen Siegtreffer im ersten Spiel dieser Fußball-Weltmeisterschaft gegen Ecuador gehuldigt. Auch dank dieses Tors hatten die Ivorer im vierten Anlauf erstmals die Vorrunde einer WM überstanden, sie treffen am Dienstagabend im Sechzehntelfinale auf Norwegen (19 Uhr im SZ-Liveticker). Für Diallo war der Treffer zugleich der vorläufige Höhepunkt im Dress der Ivorer – nach einem teilweise fragwürdigen Weg in den Profifußball.Sein erstes WM-Tor habe „viele Emotionen in ihm ausgelöst“, sagte Diallo, 23, der mit Yan Diomande die Flügelzange der Westafrikan­er bildet. Auf Instagram veröffentlichte er mehrere Fotos des Abends, ohne sie zu kommentieren. Vielleicht dachte er dabei daran, wie er es aus den Slums von Abidjan, dem größten Ballungsraum der Elfenbeinküste, an die Weltspitze geschafft hat.Diallos Fall berührt ein heikles Terrain: den fragwürdigen Umgang mit jungen Fußballtalenten. Laut einem Bericht der Wohltätigkeitsorganisation Foot Solidaire aus dem Jahr 2013 werden jährlich etwa 15 000 Kinder aus Westafrika nach Europa geschmuggelt. Die Abteilung der Vereinten Nationen für Drogen- und Verbrechensbekämpfung nannte vor drei Jahren dieselbe Zahl.Unseriöse Vermittler bewegen Familien häufig dazu, erhebliche Summen zu investieren, um ihren Kindern den Traum von einer Fußballlaufbahn in Europa zu ermöglichen. Die Aussicht, in die Fußstapfen erfolgreicher Idole zu treten, lässt Betroffene an falsche Versprechen glauben – etwa an Verträge bei Jugendakademien europäischer Profivereine. Viele Eltern seien „vollkommen naiv“, schrieb der ehemalige kamerunische Nationalspieler Jean Claude Mbvoumin schon 2007 in einem Gastbeitrag in der Financial Times: „Sie vertrauen jedem Weißen, der verspricht, ihre Kinder nach Europa zu bringen.“ Mbvoumin gründete im Jahr 2000, gewissermaßen zur Aufklärung und Prävention, Foot Solidaire, das sich dem Schutz junger Fußballer verschrieben hat. Oft wird der Betrug erst ersichtlich, wenn es zu spät ist. Am Ende seien die Kinder „auf sich allein gestellt in einer unbekannten Welt ohne Sicherheitsnetz“, erklärt die Nicht-Regierungsorganisation „Play The Game“.Traorè verteidigt sich: Er habe Diallo und seinen vermeintlichen Bruder wie „eigene“ Kinder behandeltFern der Heimat kann der Weg direkt in ausbeuterische Arbeitsverhältnisse führen – bis hin zur Kriminalität und Prostitution. Diallo blieb dieses Schicksal erspart, weil er im Gegensatz zu vielen Gleichaltrigen trotz widriger Umstände wahrscheinlich besonderes Glück hatte. Seinen Werdegang zeichnete das Online-Magazin The Athletic im vergangenen Dezember nach: „Die Geschichte von Amad Diallo – und des Mannes, der beschuldigt wird, ihn nach Europa gebracht zu hab­e­n“.Im Alter von etwa zwölf Jahren soll Diallo demnach im Rahmen des Projekts Leader Foot, das der Strippenzieher Hamed Mamadou Traorè ins Leben gerufen hatte, von der Elfenbeinküste in die Gegend von Parma gelangt sein – offenbar mit gefälschten Einreise­papieren. Nach Auffassung des italienischen Fußballverbands (FIGC) manipulierte Traoré dafür Dokumente. An der Aktion sollen laut italienischer Staatsanwaltschaft aber mehrere Erwachsene beteiligt gewesen sein. Traorè und seine Frau Marina Edwige Teher gaben sich seinerzeit offensichtlich als Diallos Eltern aus; das deckt sich mit Angaben des FIGC. Gemeinsam mit Diallo kam sein vorgeblicher Bruder, Hamed Junior Traorè, nach Italien, der heute ebenfalls Profifußballer ist.Zunächst spielten beide für den Lokalverein Boca Barco, später wechselte Amad Diallo in die Nachwuchsabteilung von Atalanta Bergamo. Sowohl in der U17 als auch in der U19 gehörte er zu den Leistungsträgern, steuerte eine beachtliche Zahl an Toren und Vorlagen bei. Nach seinem Profidebüt und vereinzelten Einsätzen in der ersten Mannschaft Atalantas ging er im Winter 2021 dann als 18-Jähriger für 27 Millionen Euro zu Manchester United. Parallel dazu nahm der italienische Fußballverband Ermittlungen gegen Traorè auf. Ihm wurde vorgeworfen, die beiden jungen ivorischen Fußballer mithilfe falscher Dokumente nach Italien geschleust zu haben.Im Alter von etwa zwölf Jahren soll Amad Diallo von der Elfenbeinküste in die Gegend von Parma gelangt sein. Zu seiner Kindheit und seinem Leben in Italien sind von ihm keine öffentlichen Aussagen verbrieft. Mike Segar/ReutersAuf Traorès Namen waren die Ermittler im Zuge einer früheren Untersuchung gegen einen mutmaßlichen Menschenhändlerring im Fußball gestoßen. DNA-Tests belegten, dass Traorè und seine Frau nicht die leiblichen Eltern der beiden Jungen waren. Gegenüber den Reportern des Athletic verteidigte sich Traorè: Er sei kein Menschenhändler, er habe Diallo und seinen vermeintlichen Bruder wie „eigene“ Kinder behandelt. Es sei ihm nie ums Geld gegangen, beteuerte er. Zugleich räumte er ein, von Diallos Entwicklung finanziell profitiert zu haben.Im weiteren Verlauf kam eine italienische Behörde zu dem Schluss, dass kein Menschenhandel im enger­en Sinne vorgelegen habe, da sich die Jungen ihrer Lage angeblich bewusst gewesen seien und ein „einigermaßen vernünftiges Leben mit ihren falschen Eltern“ geführt hätten. Diallo selbst musste nach einem Geständnis eine Geldstrafe in Höhe von 48 000 Euro an den italienischen Fußballverband zahlen, wie sein angeblicher Bruder. Ihm wurde vorgehalten, Vorschriften zur rechtmäßigen Einreise nach Italien indirekt umgangen zu haben – obwohl er zu diesem Zeitpunkt noch ein Kind gewesen war.Zuvor hatte er den italienischen Pass erhalten und seinen Namen von Amad Diallo Traorè zu Amad Diallo geändert. Auf Instagram schrieb er: „Nennt mich nie mehr Traorè.“ Sein vorgeblicher Vater sagte dem Athletic, sein Verhältnis zu Diallo sei nach wie vor eng, der Spieler habe sich durch den Namenswechsel allein von einer „negativen Geschichte“ distanzieren wollen.Zu seiner Kindheit und seinem Leben in Italien sind von Diallo in jedem Fall keine öffentlichen Aussagen verbrieft. Lediglich verriet er einmal, dass seine biologische Mutter nach seinem ersten Spiel für Manchester United im Februar 2021 in Tränen ausgebrochen sei. Sie habe stets daran geglaubt, dass er es schaffen würde – wie er selbst.Fußball-WM:Elf Spieler für die große WM-BühneMessi, Mbappé, Haaland: Berühmte Namen stehen bei dieser WM im Fokus. Dabei gibt es auch ein paar (noch) nicht so prominente Profis, die in der Vorrunde überzeugt haben. Eine Auswahl.Nach seiner Verpflichtung spielte Diallo ein Jahr für United, kam jedoch nur zu sporadischen Einsätzen. Deshalb wurde er für ein halbes Jahr an die Glasgow Rangers und anschließend für eine weitere Saison an den AFC Sunderland in die zweite Liga ausgeliehen. So brachte es der Offensivspieler in seinen ersten dreieinhalb Jahren beim Rekordmeister auf gerade einmal 20 Einsätze. Trainer bemängelten damals, der nur 1,73 Meter große Diallo sei zu schmächtig, um sich in der körperbetonten Premier League durchzusetzen.Der Durchbruch gelang ihm erst mit der Ankunft von Rúben Amorim als Cheftrainer im November 2024. Von da an entwickelte er sich rasch zum Stammspieler bei United und sorgte mit seinen Dribblings für Aufsehen. Meist kam er auf der rechten Seite zum Einsatz – entweder als offensiv ausgerichteter Schienenspieler in der Fünferkette oder als Flügelangreifer. United verlängerte daraufhin vor anderthalb Jahren seinen Vertrag langfristig. In der vergangenen Rückrunde verlor Diallo unter dem neuen Trainer Michael Carrick jedoch an Bedeutung. Derzeit wird er mit italienischen Spitzenklubs in Verbindung gebracht.Wie es für Diallo weitergeht, könnte auch vom Abschneiden bei dieser Weltmeisterschaft abhängen. Führt er die Elfenbeinküste noch eine Runde weiter, dürfte sich Didier Drogba in jedem Fall erneut melden.