Beim zehnten Mal ist alles anders für Alexander Zverev. Diesmal ist der deutsche Tennisprofi nicht als Jäger nach Wimbledon gekommen, der seinem ersten großen Titel hinterherhechelt und den einen oder anderen Grand-Slam-Turniersieger aus dem Weg räumen muss. Nun gehört Zverev selbst zum elitären Kreis derer, die eines der vier bedeutendsten Turniere der Welt gewinnen konnten und vom Rest der Tenniswelt als Referenzgröße angesehen werden.Im standesbewussten All England Club wird der Deutsche ehrerbietig als „French-Open-Champion“ begrüßt. „Es fühlt sich schon anders an, da muss ich auch ehrlich sein zu mir selbst“, sagte Zverev in London: „Mit mehr Freude einfach, mehr Freiheit irgendwo auch, weil ich weiß, dass ich eins gewonnen und es geschafft habe.“Es ist das erste Mal, dass er als Grand-Slam-Turniersieger bei einem anderen Wettbewerb der höchsten Güteklasse aufschlägt. In der vorvergangenen Woche im ostwestfälischen Halle hatte sein erster Auftritt als Champion nicht wie erhofft geendet, weil Zverev im Halbfinale wieder einmal am Amerikaner Taylor Fritz scheiterte. In Wimbledon wolle er seinen „Job zu einhundert Prozent tun und mein bestes Tennis zeigen“. Der Hamburger sieht sich – trotz Rasenallergie – als Mitfavorit auf den Titel. In der ersten Runde blüht ihm eine knifflige Aufgabe: Der Belgier Alexander Blockx, auf Platz 37 der Weltrangliste notiert, ist für seine gewaltigen Aufschläge bekannt.„Im Tennis muss man ein kurzes Gedächtnis haben“Mit der Furcht von Menschen, ihrem Erfolg keinen weiteren folgen lassen zu können, verdienen Motivationscoaches eine Stange Geld. Ihre Ratschläge, wie man weiterhin motiviert und zu Bestleistungen fähig bleibt, hören sich mal gut an, mal wie ein Kalenderspruch für Spitzensportler und Turbokapitalisten. Zum Beispiel: „Die Zukunft sollte größer sein als die Vergangenheit.“ Oder: „Was du als Nächstes tun wirst, sollte immer größer, besser und ambitionierter sein als alles, was du zuvor getan hast.“ In diesem Sinne gilt der frühere Football-Superstar Tom Brady als Gewährsmann. Auf die Frage nach seinem liebsten Superbowl-Sieg antwortete er: „Der Nächste.“Zverev weiß, dass er kein bisschen entspannen darf, wenn er seine Titelsammlung erweitern will. Und wirkt so, als ob er einen Motivationstrainer weder wolle noch brauche. Anders als vor Jahresfrist in Wimbledon, als er gleich sein Auftaktmatch gegen den Franzosen Arthur Rinderknech verlor und danach von fehlender Lebensfreude und einem mentalen Tief sprach.In diesem Jahr ist Zverev besser drauf. Auch wenn er noch nicht weiß, wie es sein wird, als Grand-Slam-Champion auf dem Londoner Rasen zu stehen. „Im Tennis muss man, auch wenn es positiv ist, ein kurzes Gedächtnis haben“, sagte Zverev neulich in Halle. 41 Grand-Slam-Teilnahmen benötigte er, um in Paris den von ihm ersehnten Titel zu gewinnen.Niemand wird dem French-Open-Sieger Alexander Zverev die Coupe des Mousquetaires wieder nehmen können.dpaDer letzte Tennisprofi aus Deutschland, der Ähnliches erlebte, war Angelique Kerber. Auch die gebürtige Bremerin war jahrelang voller Hoffnungen und Erwartungen von einem Grand-Slam-Turnier zum nächsten gereist, doch blieben sie unerfüllt. Bis zum 30. Januar 2016 in Melbourne, als sie im Australian-Open-Finale Serena Williams besiegte.Der Grand-Slam-Triumph beflügelt„Es hat alles komplett auf den Kopf gestellt“, sagte Kerber gegenüber der F.A.Z: „Es hat Klick gemacht, ich war erleichtert und trat bei den folgenden Grand Slams ganz anders auf.“ Die Selbstzweifel waren in den Hintergrund getreten. Eine „neue Zeitrechnung“ habe für sie begonnen, ihr Leben sei fortan unterteilt gewesen „in ein Davor und Danach“, erinnerte sich die Achtunddreißigjährige. In den Monaten danach zog Kerber ins Wimbledon-Finale ein, gewann die olympische Silbermedaille und den Titel bei den US Open. 2018 erfüllte sie sich mit dem Triumph in Wimbledon einen Kindheitstraum.Die frühere Weltranglistenerste kann sich gut vorstellen, dass es bei Zverev ähnlich läuft. Durch den Erfolg bei den French Open, auf den er viele Jahre hingearbeitet hatte, habe er zusätzliches Selbstvertrauen bekommen, glaubt sie. „Ich bin mir sicher, dass er nun ein bisschen freier bei den Grand Slams aufspielen kann.“Allerdings scheint der Überschwang bei dem einen oder anderen Beobachter hierzulande größer als im Zverev-Lager selbst. „Ich traue ihm jetzt den einen oder anderen Grand-Slam-Titel direkt hinterher zu, weil er jetzt weiß, wie es geht“, sagte Angelique Kerber der F.A.Z. Altmeister Boris Becker, der schon mit 17 den ersten seiner sechs Major-Titel gewann, hatte sich jüngst sogar dazu verstiegen, Zverev zum Favoriten auf dem Londoner Rasen zu erklären: „Es gibt keinen Grund für mich, warum er nicht auch Wimbledon gewinnen kann.“ Solche Sätze kommen vor allem von Herzen.Nicht der heißeste TitelanwärterIst der Blick nicht vom Pariser Erfolg verklärt, fallen einem schon ein paar Gründe ein, warum Zverev nicht der heißeste Titelanwärter in Wimbledon ist. So stehen solche Vorhersagen wie von Becker in krassem Kontrast zu Zverevs bisherigen Ergebnissen. 16 Siege, neun Niederlagen auf dem Londoner Rasen sind eine kümmerliche Bilanz für einen Tennisprofi seines Rangs. Mehr als drei Runden überstand Zverev in Wimbledon noch nie. „Persönlich habe ich dieses Jahr allerdings ein anderes Gefühl“, sagte der French-Open-Sieger.Sein schlechtes Abschneiden im vergangenen Jahr könnte sein Gutes haben: Da der Hamburger kaum Weltranglistenpunkte zu verteidigen hat und der abwesende Vorjahresfinalist Carlos Alcaraz seine Punkte verlieren wird, könnte Zverev den Spanier überholen und zur neuen Nummer zwei hinter Jannik Sinner aufsteigen. Dafür müsste Zverev allerdings ins Endspiel einziehen.