PfadnavigationHomeWissenschaftKrebsforschungDarmkrebs am Mikrobiom ablesen? Forscher finden auffälliges BakterienmusterStand: 06:50 UhrLesedauer: 3 MinutenDas Darmmikrobiom rückt zunehmend in den Fokus der KrebsforschungQuelle: Getty Images/Science Photo Library RF/SEBASTIAN KAULITZKI/SCIENCE PHOTDarmkrebs entwickelt sich oft über Jahre unbemerkt. Forscher haben nun Tausende Proben ausgewertet und dabei einen überraschend eindeutigen Befund gemacht. Was er für die Krebsforschung bedeutet.Seit Jahren vermuten Forscher, dass Darmbakterien bei Darmkrebs eine wichtige Rolle spielen. Viele Studien lieferten Hinweise darauf. Doch weil sie oft klein waren und unterschiedliche Methoden nutzten, blieb unklar, welche Veränderungen typisch für die Erkrankung sind. Jetzt zeigt die bislang größte Analyse des Darmmikrobioms: Menschen mit Darmkrebs weisen weltweit ein auffallend ähnliches Bakterienmuster auf.Ein internationales Forschungsteam des Europäischen Laboratoriums für Molekularbiologie (EMBL) in Heidelberg und des Universitätsklinikums Leiden hat dafür Daten aus 27 Studien mit 6779 Stuhlproben und 906 Gewebeproben ausgewertet. Die Ergebnisse der Metaanalyse sind im Fachjournal „Cell Host & Microbe“ erschienen. „Die Stärke der Studie liegt in ihrer Vollständigkeit“, wird Studienleiter Georg Zeller zitiert. „Wir haben Stuhl- und Gewebeproben, Ernährungsdaten, taxonomische Analysen bis auf die Ebene einzelner Bakterienstämme und Virulenzfaktoren kombiniert“, so Zeller. Lesen Sie auchUm die Datensätze vergleichbar zu machen, schauten sich die Wissenschaftler die Rohdaten aus 27 Studien und 15 Ländern an. Es zeigte sich: Unabhängig davon, wo die Teilnehmer lebten, wie alt sie waren oder mit welcher Sequenzierungsmethode ihre Proben untersucht wurden, fanden sich immer wieder dieselben Bakterien bei Darmkrebspatienten. Gleichzeitig fehlten auch Bakterien. Und zwar die, die kurzkettige Fettsäuren produzieren und gut für die Darmgesundheit sind. Die Forscher nutzten die Bakteriensignatur, um einen Algorithmus zu trainieren. Dieser konnte Darmkrebsproben zuverlässig von gesunden Kontrollproben unterscheiden. Das Modell funktionierte unabhängig von Alter, Herkunft oder Untersuchungsmethode. Lesen Sie auchFrühere Arbeiten hatten vermutet, dass sich das Mikrobiom von Menschen, die bereits vor dem 50. Lebensjahr an Darmkrebs erkranken, von dem älterer Patienten unterscheidet. Dafür fand die neue Analyse jedoch kaum Hinweise. Die typischen Bakterienmuster waren bei jüngeren und älteren Patienten fast identisch. Lesen Sie auchDer Vergleich mit Tumorgewebe bestätigte das. Viele der Bakterien, die sich direkt im Tumor anreicherten, fanden sich in den Stuhlproben wieder. Auch wenn sie im Gewebe deutlich häufiger vorkamen. Die Forscher vermuten, dass sich die Mikroorganismen auf ihrem Weg durch den Darm im Stuhl gewissermaßen verdünnen. Das könnte auch erklären, warum sich frühe Tumore oder Tumore im rechten Dickdarm bislang schlechter über das Mikrobiom erkennen lassen.„Diese Ergebnisse legen nahe, dass krebsassoziierte Veränderungen des Mikrobioms möglicherweise früh in der Krankheitsentwicklung auftreten“, sagt Michael Zimmermann, Gruppenleiter am EMBL. Lesen Sie auchWer über das Mikrobiom spricht, kommt nicht umhin, auf die Ernährung zu schauen. Der Markt rund um ein gesundes Mikrobiom boomt. Dabei reichen Nahrungsergänzungsmittel aktuell von Probiotika über Präbiotika hin zu Symbiotika.Und tatsächlich: Menschen mit einer höheren Ballaststoffzufuhr wiesen im Durchschnitt einen niedrigeren Darmkrebs-Mikrobiom-Score auf. In mehreren Ernährungsstudien nahm dieser Wert ab, nachdem Teilnehmer ihre Ernährung auf mehr Ballaststoffe umstellten. Das deutet darauf hin, dass sich krankheitstypische Veränderungen des Mikrobioms zumindest teilweise beeinflussen lassen. Die Ergebnisse bedeuten nicht, dass sich anhand des Mikrobioms vorhersagen lässt, wer später an Darmkrebs erkrankt. Ebenso kann die Studie nicht beantworten, ob bestimmte Bakterien die Krebsentstehung fördern oder ob der Tumor das Mikrobiom verändert. Wahrscheinlich beeinflussen sich beide Prozesse gegenseitig. Für Patienten bedeutet das allerdings noch keinen neuen Früherkennungstest. Vorstufen von Darmkrebs ließen sich anhand des Mikrobioms nur unzuverlässig erkennen. Etablierte Stuhltests sind derzeit weiterhin treffsicherer. Die Studie liefert jedoch erstmals eine Referenz dafür, welche Veränderungen des Darmmikrobioms typisch für Darmkrebs sind. Künftig könnte sie laut den Forschern helfen, bestehende Verfahren zur Risikoabschätzung oder Früherkennung zu ergänzen.