GastkommentarChinas blinde Flecken: warum grundlegende Reformen im Reich der Mitte so schwierig sindGrossmächte neigen dazu, ihre Probleme zwar wahrzunehmen, aber sie nicht ernsthaft anzugehen. Das gilt auch für das Reich der Mitte.Francesca Ghiretti30.06.2026, 05.30 Uhr6 LeseminutenVorbereitungen für den Volkskongress in der Grossen Halle des Volkes in Peking, 9. März 2026.Vincent Thian / APGrossmächte gehen selten daran zugrunde, dass sie ihre Probleme nicht erkennen. Viel häufiger zerfallen sie, weil sie die Ursachen der Probleme falsch einschätzen oder zum Teil übersehen. Während es einigen gelungen ist, ihre Schwächen präzise zu identifizieren, stagnieren andere oder rutschen in die Krise. Der Unterschied liegt darin, kurzfristige Herausforderungen von strukturellen Limiten zu trennen und den nötigen politischen Willen für Gegenmassnahmen aufzubringen. So finden manche Staaten zurück zu neuer Blüte.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.China steht heute vor einer Reihe gewaltiger Herausforderungen. Das Wirtschaftswachstum verlangsamt sich, die Bevölkerung altert, das Finanzsystem steht unter Druck. Andere Länder haben ihre Handelsschranken erhöht oder bauen ihre Industriepolitik aus, um wettbewerbsfähig zu werden oder zu bleiben.Hohe Wachstumsraten verschleierten lange Chinas Schwächen, auch innerhalb des Landes. Dem ist nicht länger so. In parteiinternen Dokumenten wie auch in öffentlichen Reden räumen führende Politiker Schwierigkeiten ein. Doch ein Problembewusstsein ist noch keine Diagnose, und es führt auch nicht automatisch zu griffigen Massnahmen.Die Herausforderungen werden in China häufig als entwicklungsbedingte oder technokratische Probleme beschrieben, oder man lastet die Entwicklungen dem Ausland an. Damit verpasst es Peking, zentrale Schwachpunkte als Folge von systemischen Problemlagen zu sehen. Diese Reaktion hat Methode; sie verharmlost politische und institutionelle Schwachstellen. Zu diesen gehören: die Machtkonzentration unter Xi Jinping, ideologische Inflexibilität, Spannungen zwischen Vorgaben aus der Zentrale und Umsetzung vor Ort, Diskrepanzen zwischen Führungspersonal und niederem Kader.Reformen brauchen DiagnosenGenauso wichtig wie die Schwächen selbst ist Chinas Sicht auf sie. Wenn Peking strukturelle Probleme etwa konsequent als technische Hürden darstellt, schränkt es den Bereich denkbarer Gegenmassnahmen bereits ein. Wird die Verantwortung auf andere Länder abgewälzt, rücken Reformen in weite Ferne.Politische Entscheidungsträger in Amerika und Europa müssen verstehen lernen, wie China seine eigenen Probleme interpretiert. Der Einblick hilft, im Wettbewerb bestehen zu können, etwaige Abschreckungsmassnahmen klug aufzugleisen und Ebenen zu identifizieren, wo Zusammenarbeit möglich bleibt.Chinas Probleme haben sich verändertAuf rhetorischer Ebene zeigt die chinesische Führung gegenüber gewissen Kritikpunkten wenig Berührungsängste. 2017 signalisierte Xi Jinping, dass er sich der zunehmenden Probleme des jahrzehntelangen Wirtschaftswachstums bewusst sei. Er erklärte, der zentrale Widerspruch des Landes – die Spannung, die laut Mao Zedongs Theorie jede Ära prägt und die Entwicklung antreibt – habe sich verändert.Chinas grösster Widerspruch bestehe nicht mehr zwischen Wachstum und Knappheit, der treibenden Kraft der Reformära, er finde sich vielmehr zwischen «unausgewogener und unzureichender Entwicklung» und dem «stetig wachsenden Bedürfnis der Bevölkerung nach einem besseren Leben». Xi Jinping räumte ein, dass das rasante Wirtschaftswachstum Probleme hinsichtlich der Lebensqualität, der Einkommensschere und der Umweltbelastung mit sich gebracht habe.Ebenso deutlich hat der Partei- und Staatschef technologische Schwachstellen angesprochen. Schon der 13. Fünfjahresplan betonte 2016, dass die heimischen Innovationen gefördert werden müssten. Und Xi hat immer wieder kritisiert, dass Chinas «Schlüssel- und Kerntechnologien von anderen kontrolliert» würden. Erwähnung fanden etwa die Halbleiterindustrie und die Fertigungssoftware als strategische Engpässe. Externe Analysen chinesischer Universitäten und Think-Tanks bestätigen die Abhängigkeit von kritischen Vorprodukten und vorgelagerten Technologien.Inzwischen hat Peking durchaus energische Massnahmen ergriffen, um diese Schwächen zu mindern, darunter staatliche Subventionen und gezielte industriepolitische Unterstützung für strategische Sektoren. China richtete ausserdem Fonds zur Finanzierung seiner technologischen Ambitionen ein und bemühte sich, wo immer möglich, die Lieferketten zu diversifizieren und die Importabhängigkeit zu verringern.Der 15. Fünfjahresplan, der die politischen Pläne des Landes bis 2030 festlegt, will unter anderem drei zentrale Risiken angehen: den anhaltenden Abschwung am Immobilienmarkt, die übermässige Verschuldung der Kommunen und die Instabilität der Finanzinstitutionen. Zudem diskutieren wichtige Parteiorgane, darunter die führenden Zeitschriften, inzwischen auch die rasche Alterung der Bevölkerung.Zur Stabilisierung des Immobilienmarktes hat Peking zwar die Finanzierungsanforderungen gesenkt, Beiträge an Bauprojekte erhöht und die Förderung bezahlbaren Wohnraums intensiviert. Auch im Finanzsektor wurden Massnahmen ergriffen, hier haben die Aufsichtsbehörden die Kontrolle kleinerer Banken verschärft und zu Konsolidierung angehalten. Den Kern des eigenen Entwicklungsmodells hat das Land jedoch nicht aufgegeben.Schuld sind die anderenPeking führt die wirtschaftlichen Ungleichgewichte weiter auf Chinas Entwicklungsstand zurück anstatt auf ein System, in dem staatliche Eingriffe und politische Prioritäten die Märkte verzerren. In derselben Rede von 2017, in der Xi Chinas neuen Hauptwiderspruch beschrieb, behauptete er beispielsweise, China befinde sich noch im «primären Stadium des Sozialismus» – was suggeriert, dass das bestehende System auf dem aktuellen Entwicklungsweg Lösungen für die Herausforderungen des Landes bieten werde.Wenig überraschend vermeiden Parteidokumente es auch, die zunehmende Konzentration politischer Macht oder die wachsende Präsenz der Partei in privaten Unternehmen als potenzielle Risiken darzustellen. Politische Führungskräfte räumen zwar schnell Mängel in der Regierungsführung ein, schieben die Verantwortung aber auf inkompetente Kader, mangelnde Disziplin oder Korruption ab. Ihre Haltung ist, dass das zugrunde liegende System intakt ist; seine Stabilität gilt ihnen als Voraussetzung für die Lösung der anderen Probleme.Infolgedessen bevorzugt Peking weiterhin kurzfristige Korrekturmassnahmen gegenüber tiefgreifenden Strukturreformen. Der private Konsum verdeutlicht dies. Der 15. Fünfjahresplan hebt den privaten Konsum zwar als wirtschaftliche Priorität hervor, enthält aber keine Verpflichtung, den Anteil des Konsums am BIP zu erhöhen. Die angekündigten Finanztransfers zur Stärkung des Sozialstaats sind nach wie vor viel zu gering, um den Menschen genügend Geld zur Verfügung zu stellen und sie so zu höherem Konsum anzuregen. Das Programm zum Eintausch von Haushaltsgeräten beispielsweise kurbelte die Verkäufe 2025 zwar leicht an, seine Wirkung liess jedoch 2026 nach. Die Budgets sanken, und den Menschen gingen Dinge aus, die sie hätten ersetzen können.Chinas langfristige Strategie zur Steigerung des Konsums hat sich somit als geradezu konzeptlos erwiesen; vielmehr setzt China seit je auf denselben Plan: Produktionssteigerung, in der Erwartung, dass die Haushaltseinkommen mitsteigen. Die zugrunde liegenden Probleme bleiben ungelöst.Grossmächte und StrukturproblemeChina ist nicht die erste Grossmacht, die mit Strukturreformen kämpft. Im späten 19. Jahrhundert befürchteten die britischen Eliten, dass ihr Weltreich von schneller wachsenden Konkurrenten wie Deutschland und den Vereinigten Staaten überholt werden würde. Als Reaktion darauf drängte Grossbritannien auf den Ausbau der technischen Ausbildung und die Modernisierung seiner Industriestruktur, weg von etablierten Sektoren wie der Textil- und der Kohleindustrie hin zu anspruchsvolleren Branchen. Diese Lösungsansätze unterschätzten jedoch die tieferliegenden Probleme eines überdehnten Kolonialreichs.Ähnlich verhielt es sich mit der Sowjetunion. Als Leonid Breschnew 1964 die Macht übernahm, sprach die sowjetische Führerschaft offen über Stagnation und Korruption. Die Reformbemühungen stellten die Probleme jedoch als Versäumnisse bei der Umsetzung dar und nicht als systembedingte Fehler.Grossmächte erkennen ihre Horizontverengung, oft lange bevor sie bereit sind, deren institutionelle Ursachen anzugehen. Die Folge ist allmähliche Schwächung. Wie lange diese fortschreitet, hängt vom politischen Willen zu grundlegenderen Reformen ab. Es gibt zahlreiche Beispiele kleinerer und regionaler Mächte, die sich so weit anpassen konnten, dass ihr Niedergang verzögert oder ein neuer Weg erfolgreich eingeschlagen wurde. So modernisierten beispielsweise die Meiji-Reformen Japans im späten 19. Jahrhundert das Militär, industrialisierten die Wirtschaft und führten eine Verfassungsordnung ein. Allerdings sind solche Kehrtwenden unter Grossmächten selten und erfolgen oft erst nach einschneidenden politischen Erschütterungen. Sowohl für das britische Empire als auch für die Sowjetunion war es bereits zu spät.Externer Druck wird China nicht dazu bewegen, sich mit strukturellen Herausforderungen auseinanderzusetzen, die es bereits erkennt, aber nur widerwillig angeht. Stattdessen wird das Verständnis dieser Diskrepanz amerikanischen und europäischen Entscheidungsträgern ermöglichen, kostspielige politische Fehlentscheidungen zu vermeiden und Chinas zukünftige Entwicklung zuverlässiger vorherzusagen.Ein Zusammenbruch oder eine Transformation Chinas über Nacht ist unwahrscheinlich. Eher ist ein langwieriger Prozess der Anpassung an langsameres Wachstum zu erwarten, verbunden mit strengerer politischer Kontrolle und dem Vorrang von Sicherheit vor Effizienz. Ein solcher Prozess ist historisch bekannt und dürfte sich über einen langen Zeitraum erstrecken. In der Sowjetunion vollzog sich der Niedergang über Jahrzehnte.Die Partei wird kaum Massnahmen akzeptieren, die ihre Stellung bedrohen, auch wenn diese die strukturellen Herausforderungen des Landes angehen. Wandel bleibt indes möglich. Für den Westen gilt es, die Selbstwahrnehmung Pekings im Auge zu behalten.Francesca Ghiretti ist Direktorin von Rand Europe. Der vorliegende Text erschien zuerst im Magazin «Foreign Affairs».