Frau Okonjo-Iweala, warum sind die USA nach wie vor WTO-Mitglied? «Fragen Sie das die USA. Offenbar profitiert das Land nach wie vor davon»Die WTO-Chefin Ngozi Okonjo-Iweala sagt im Interview, weshalb der globale Handel nicht für alle Fehlentwicklungen verantwortlich ist – und was die Skandinavier und die Schweizer besser machen als die USA.30.06.2026, 05.30 Uhr9 Leseminuten«Wir erleben die grösste Störung des Welthandels seit achtzig Jahren. Das kann man nicht schönreden», sagt die WTO-Generaldirektorin Ngozi Okonjo-Iweala.Jemal Countess / ImagoEs dauert nur wenige Minuten, bis Ngozi Okonjo-Iweala den Saal für sich gewinnt – mit Humor, Optimismus und ihrem Feuer für den freien Handel. Die Generaldirektorin der Welthandelsorganisation (WTO) war vergangene Woche Stargast am Swissmem-Industrietag, dem Grossanlass der Schweizer Tech-Industrie mit rund 1300 Teilnehmenden. Wie die Schweizer Exportindustrie steht auch die WTO in der Ära Trump unter erheblichem Druck durch Zölle, geopolitische Konflikte und neue Machtblöcke. Okonjo-Iweala lässt sich davon nicht entmutigen. «Wir müssen aufhören zu lamentieren», lautete ihre Botschaft auf der Bühne. Mit derselben Attitüde erscheint sie wenige Minuten nach ihrem Auftritt zum Interview.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Frau Okonjo-Iweala, die Welthandelsorganisation (WTO) hat ihren Sitz in Genf. Wie eng verfolgen Sie, was in der Schweizer Wirtschaft passiert?Ich beobachte das genau. Die Schweiz hat sich für ein Modell hoher Stabilität entschieden, was sie als Wirtschaftsstandort sehr attraktiv macht. Gleichzeitig ist das Land mit einem Handelsvolumen von rund 130 Prozent des Bruttoinlandprodukts sehr offen und stärker diversifiziert, als viele glauben. Was mich aber am meisten beeindruckt: Schweizer Firmen setzen konsequent auf Innovation, Präzision und Qualität. Das ist genau jene Richtung, in die sich europäische Volkswirtschaften stärker bewegen sollten.Europa muss also innovativer werden?Ja, Europa muss innovativer werden. Und die Schweiz kann hier den Weg weisen, wie man Innovationen fördert und sich im Segment der Hochtechnologie erfolgreich positioniert.Ngozi Okonjo-Iweala, hier bei ihrem Auftritt am Swissmem-Industrietag in Basel, sagt: «Die WTO steht nicht still. Sie entwickelt sich weiter.»PDWir führen unser Gespräch am Industrietag des Branchenverbandes Swissmem. Viele Firmenvertreter fragen sich, ob man in der Schweiz mit hohen Löhnen und einem starken Franken langfristig noch Arbeitsplätze im Industriebereich aufrechterhalten kann. Was ist Ihre Einschätzung?Die Schweiz ist erfolgreich positioniert. Die Chancen stehen gut, dass sie etwa im Bereich von Hochtechnologie, Präzisionswerkzeugen und künstlicher Intelligenz auch in Zukunft gute Jobs anbieten kann. Denken Sie an ABB, deren Produkte in jedem vierten Datenzentrum eingesetzt werden. Sorgen machen müssen sich jene, die am unteren Ende der Qualitätsskala tätig sind. Auch Anbieter schwerer Maschinen könnten Probleme bekommen.Während der Güterhandel weltweit schwächelt, boomt der Handel mit Dienstleistungen. Kann man als Volkswirtschaft überleben, wenn man nur noch auf Dienstleistungen setzt und keine eigene Industrie aufrechterhält?Das muss jedes Land für sich selbst entscheiden. Wahrscheinlich werden die meisten zu dem Schluss kommen, dass man bestimmte Dinge selbst herstellen muss, um eine gewisse Resilienz aufrechtzuerhalten. Denn es gibt weltweit grosse Abhängigkeiten, etwa im Halbleiterbereich. Auf Grundlage der eigenen Ziele, Fähigkeiten und Ausstattungen muss ein Land entscheiden, wie es mit diesen Abhängigkeiten umgehen will. Wer findet, dass ein gewisses Mass an heimischer Produktion notwendig ist, um wichtige Fähigkeiten und Güter im Land zu behalten, muss sich indes auch fragen: Können wir konkurrieren und wettbewerbsfähig bleiben?Immer deutlicher zeichnen sich voneinander getrennte Handelsblöcke wie die USA, China und die EU ab. Kann ein kleines Land wie die Schweiz zwischen diesen Blöcken navigieren, oder muss es sich einem Block anschliessen, um nicht zerrieben zu werden?Sie haben recht: Diese Handelsblöcke existieren, und sie sind gross. Aber die Schweiz verfolgt seit Jahren eine Strategie, mit der sie sehr gut gefahren ist. Die Schweiz hatte jüngst zwar einige Schwierigkeiten mit den USA und deren Zöllen, aber das Land konnte das lösen . . .. . . die Schwierigkeiten sind noch nicht vorbei, sie halten an.Ja, aber die Schweiz wird das Problem sicher lösen. Was ich sagen will: In einer Welt, in der Diversifikation wichtig ist, würde ich darauf achten, zu jedem der grossen Handelspartner möglichst gute Beziehungen zu pflegen.Also kein Anschluss an einen Block?Es ist Sache der Schweizerinnen und Schweizer, darüber zu entscheiden. Aber eine kleine offene Volkswirtschaft kann sehr agil sein und gute Vereinbarungen mit allen grösseren Volkswirtschaften treffen. Wichtig ist ausreichend Flexibilität, um sich in einer sich schnell verändernden Welt rasch anpassen und zügig Entscheidungen treffen zu können.Die WTO steht für Freihandel. Der Trend geht aber in die umgekehrte Richtung: Die Zölle steigen, der Protektionismus nimmt zu. Hat die WTO ihren Kampf verloren?Nein, keinesfalls. Aber selbstverständlich ist es richtig, dass der Protektionismus weltweit zunimmt. Wir erleben die grösste Störung des Welthandels seit achtzig Jahren. Das kann man nicht schönreden. Wobei dieser Trend zu mehr Abschottung schon seit 2009 besteht.Also lange vor Donald Trumps Zollpolitik.Oh ja, lange davor. Aber es nützt nichts, alten Zeiten nachzutrauern und zu lamentieren. Wir müssen uns fragen, warum es so weit gekommen ist.Sagen Sie es uns.Ein Teil der Ursachen liegt auch in den WTO-Regeln. Damit die Mitglieder ihr Vertrauen in die Organisation behalten, müssen die Regeln klar, transparent und zeitgemäss sein. Wenn der Eindruck entsteht, dass andere Staaten nicht offenlegen, was sie tun, wird Vertrauen untergraben – und es steigt die Neigung zu Protektionismus. Deshalb braucht es Reformen, etwa bei Subventionen, fairen Wettbewerbsbedingungen, schnelleren Entscheidungsprozessen, der besseren Einbindung von Entwicklungsländern und bei globalen öffentlichen Gütern wie Pandemiebekämpfung und Klimaschutz. Auch das Prinzip der Einstimmigkeit muss kritisch hinterfragt werden.Man gewinnt nicht den Eindruck, dass sich hier viel bewegt.Das ist falsch. Unsere Minister haben sich auf eine Reformagenda geeinigt, und die Arbeit daran hat begonnen. Auch bei der Streitbeilegung, wo das Berufungsgremium seit 2019 blockiert ist, bewegt sich einiges. So suchen Mitgliedstaaten heute immer häufiger den direkten Dialog und versuchen, Streitigkeiten früher beizulegen. Die WTO steht nicht still, sie entwickelt sich weiter – und ihre Mitglieder gestalten den Wandel aktiv mit. So haben sich jüngst 67 Mitglieder auf ein Abkommen zum digitalen Handel geeinigt. Andere haben die Regeln für den Dienstleistungshandel modernisiert. Beides sind wichtige Fortschritte – gerade für ein Land wie die Schweiz.Es ist jedoch schwieriger geworden, die Öffentlichkeit für Freihandel zu begeistern.Ein wichtiger Grund ist der Vertrauensverlust. Wenn man den Eindruck hat, dass die Regeln nicht mehr so funktionieren, wie sie sollten, fordert man eigene Massnahmen. Zudem ist es in vielen Ländern zu Arbeitsplatzverlusten gekommen. Dies hat populistische Strömungen verstärkt, zumal die Betroffenen oft keine neuen Jobs gefunden haben. Doch es ist zu kurz gegriffen, diese Stellenverluste ausschliesslich mit dem Handel zu erklären. Oft ist der technologische Wandel ein wichtigerer Grund.Der Beschäftigungsabbau im sogenannten Rostgürtel der USA hat den Aufstieg Trumps mit begünstigt. Als Ursache wird oft der starke Anstieg chinesischer Exporte nach dem WTO-Beitritt Chinas im Jahr 2001 genannt, der «China-Schock». War es rückblickend ein Fehler, China aufzunehmen, zumal sich das neue Mitglied von Anfang an kaum an die WTO-Regeln gehalten hat?Solche Themen diskutieren unsere Mitglieder im WTO-Streitbeilegungssystem. Ich kann dazu nichts sagen, da es als Präjudiz aufgefasst würde. Was ich aber sagen kann: Das globale Handelssystem hat rund 1,5 Milliarden Menschen aus der Armut gehoben und die Einkommen in Industrie- und Entwicklungsländern erhöht. Dennoch ist es richtig, dass nicht alle profitiert haben. Die Forschung zum «China-Schock» spricht von etwa 2,5 Millionen verlorenen Industriestellen in den USA. Andere Studien zeigen aber, dass gleichzeitig fast 3 Millionen neue Jobs entstanden sind – allerdings oft in anderen Regionen und vor allem im Dienstleistungssektor.Die disruptive Kraft des WTO-Beitritts Chinas wurde unterschätzt. Richtig?Das weiss ich nicht. Was man sich vor Augen halten muss: Als 1947 die Vorgängerorganisation der WTO gegründet wurde, sassen nur 23 relativ ähnliche Volkswirtschaften am Tisch. Mit der Zeit traten immer mehr Länder mit sehr unterschiedlichen Wirtschaftssystemen bei, vor allem nach dem Berliner Mauerfall. Die Regeln wurden aber nicht ausreichend angepasst. Deshalb ist heute eine Reform so dringend. Die Frage ist daher nicht nur, ob China hätte beitreten sollen, sondern auch, wie das System heute umgestaltet werden kann, damit es für alle Mitglieder funktioniert.Und was wäre zu tun, um auch den Rückhalt in der breiten Bevölkerung zu stärken?Die WTO hat nie behauptet, mit Handelspolitik könnten alle Probleme gelöst werden. Es war immer klar, dass es ergänzende nationale Massnahmen braucht, wenn es zu strukturellen Veränderungen kommt. Konkret braucht es aktive Arbeitsmarktpolitiken – also Massnahmen, die Beschäftigte weiterbilden oder neue Jobs schaffen, und zwar dort, wo die Menschen leben. Einige Länder setzen das besser um als andere: Skandinavische Länder investieren etwa 1 bis 1,5 Prozent ihres BIP in solche Massnahmen, die Schweiz rund 0,5 Prozent, die USA hingegen nur etwa 0,1 Prozent. Wenn solche nationalen Politiken fehlen, wird oft der Handel für Probleme verantwortlich gemacht.Der Handel wird zum Sündenbock.Ja. Es heisst immer wieder: Der Handel ist schuld, die WTO ist schuld. Doch wir sind nicht für alle Fehlentwicklungen auf dieser Welt verantwortlich. Auch die derzeitigen Zollkonflikte sind zu einem grossen Teil geopolitisch motiviert. Zwar müssen sich die WTO und das Handelssystem Kritik gefallen lassen, doch viele Herausforderungen liegen ausserhalb unseres Einflussbereichs.Können Sie ein Beispiel nennen?Denken Sie an die makroökonomischen Ungleichgewichte zwischen China und den USA. Um diese zu beheben, muss China den Binnenkonsum stärken und mehr importieren. Die USA wiederum sollten weniger konsumieren und mehr sparen, um ihr Haushaltsdefizit von fast 6 Prozent des BIP in den Griff zu bekommen. Das sind innenpolitische und makroökonomische Fragen, die weder die WTO noch die Handelspolitik lösen können. Genauso wenig kann die WTO geopolitische Konflikte beseitigen.Stichwort USA: Die derzeitigen Handelsprobleme haben viel mit dem Land und seinem Präsidenten zu tun. Welches Verhältnis haben Sie zu ihm?Wir beschäftigen uns bei der WTO mit Mitgliedstaaten. Und die USA sind noch immer ein Mitglied der WTO.Warum sind die USA nach wie vor Mitglied?Fragen Sie das die USA. Doch offenbar profitiert das Land nach wie vor davon. Deshalb verstehe ich es nicht, wenn Leute behaupten, die WTO sei nicht mehr relevant. Wäre sie irrelevant, würden die Mitglieder austreten. Das findet aber nicht statt. Vielmehr verhandeln derzeit 22 Staaten über einen Beitritt. Denn bei der WTO geht es um viel mehr als nur Zölle. Beispielsweise um die Art und Weise, wie Zollbehörden den Wert importierter Waren ermitteln. Dass dies nach einheitlichen Kriterien und nicht willkürlich erfolgt, ist im Interesse aller.Haben die USA ihre Mitgliederbeiträge bezahlt, mit denen sie im Rückstand waren?Die Beiträge für 2024 sind bezahlt. Auf jene für 2025 warten wir noch. Aber sie haben die Zahlung versprochen. Die USA sind weiterhin ein aktives Mitglied, das Vorschläge unterbreitet und sich an den Reformarbeiten beteiligt.Doch auch unabhängig von den USA steht das Handelssystem unter Druck.Hören Sie: Ich habe genug vom Lamentieren. Entscheidend ist, jetzt die Chancen zu nutzen, die sich aus den gegenwärtigen Umbrüchen ergeben. Diese Verwerfungen bieten die Gelegenheit, zu erkennen, welche Regeln der WTO sich bewährt haben und erhalten werden sollten – und welche reformiert werden müssen. Ich habe den Eindruck, dass die WTO-Mitglieder diese Botschaft verstanden haben.Was ist eigentlich die grösste Errungenschaft des Handels?Viele Leute vergessen es: Aber der Freihandel hat in den vergangenen achtzig Jahren zu einer langen Phase relativen Friedens beigetragen und den Wohlstand weltweit erhöht. Sowohl die USA als auch Europa haben erheblich profitiert. Doch der Welthandel ist nicht perfekt. Seine Vorteile sind ungleich verteilt. Es gibt sowohl Menschen in reichen Ländern als auch ganze Volkswirtschaften, die nur begrenzt profitiert haben. Afrikas Anteil am globalen Handel liegt seit Jahrzehnten bei unter drei Prozent, jener der am wenigsten entwickelten Länder bei rund einem Prozent. Deshalb müssen wir uns fragen, wie diese Länder besser integriert werden können. Aber auch, welche Verantwortung diese Länder selbst tragen. Denn wer mehr vom Handel profitieren will, muss auch mehr produzieren.Von der Politikerin zur WTO-Chefintf. Ngozi Okonjo-Iweala, 1954 in Nigeria geboren, steht seit März 2021 als Generaldirektorin an der Spitze der in Genf ansässigen Welthandelsorganisation (WTO). Sie ist die erste Frau und die erste Person aus Afrika in dieser Position. Okonjo-Iweala war zuvor zweimal (2003–2006 sowie 2011–2015) Finanzministerin von Nigeria, wo sie nicht zuletzt mit ihrem furchtlosen Kampf gegen die Korruption auffiel. 2006 agierte sie zudem kurzzeitig als Aussenministerin. Vor ihrem Wechsel in die Politik arbeitete die promovierte Ökonomin, die an der Harvard University studiert und am Massachusetts Institute of Technology (MIT) doktoriert hatte, während 25 Jahren bei der Weltbank.2 KommentareMarc Anderson 30.06.2026Soll China austreten ! Jedenfalls ist es kein Entwicklungsland mehr. Die USA wären schön blöd, die WHO zu verlassen. Dann sässen sie zw. Palästina & Vatikanstaat am Katzentisch.Ester Mottini 30.06.20262 EmpfehlungenZweifellos interessante Ausführungen der WTO Chefin Ngozi Okonjo-Iweala, dennoch ist mir nicht ganz klar, was die WTO so macht: Regeln für den Welthandel aufstellen ok, aber wie sieht sie Arbeit der WTO konkret aus: Tipps geben für ihre Mitgliedländer?