Er hat die Welt immer «ein bisserl schöner» gemacht – zum 100. Geburtstag von Peter AlexanderDer Schauspieler, Sänger, Parodist und Showmaster war der vollkommenste Entertainer des deutschsprachigen Nachkriegskinos. Seine Kunst war die Heiterkeit – und sie hatte mehr Tiefgang, als die Nachwelt dem Meister des Leichten zubilligen will.Matthias Greuling30.06.2026, 05.30 Uhr6 LeseminutenPeter Alexander mit Uschi Siebert und Gerlinde Locker in «Ich bin kein Casanova» von 1959.ImagoWenn Wien einen Sonntagsanzug anzieht und die Melange besonders cremig ist, dann braucht es nur mehr ein Liedchen aus dem Mund von Peter Alexander. Oder einen dieser Filme, die bis heute an trüben Samstagnachmittagen laufen: «Im weissen Rössl», «Charleys Tante», «Liebe, Tanz und 1000 Schlager». Ein paar fröhliche Töne, ein charmantes Lächeln, und schon ist jeder Moment erhellt. Das war seine Kunst: nicht die Welt erklären, sondern sie für ein paar Minuten erträglicher, eleganter, liebenswerter machen.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Am 30. Juni hätte Peter Alexander, geboren als Peter Alexander Ferdinand Maximilian Neumayer in Wien, seinen 100. Geburtstag gefeiert. Man darf bei diesem Namen die grosse Geste bemühen. Denn er gehört zu jenen seltenen Gestalten, die nicht nur ein Fach bespielten, sondern ein Temperament verkörperten: Sänger, Schauspieler, Pianist, Parodist, Conférencier, Fernsehgastgeber, Komödiant und Gentleman. Er war kein Spezialist, sondern Dilettant in allem. Und doch: Er war ein Ereignis.In Deutschland nannte man solche Figuren später «Entertainer», weil das deutsche Wort «Unterhalter» dafür entweder zu schwerfällig oder zu profan gewesen wäre. In Österreich hätte man vielleicht gesagt: ein Mensch, der alles kann, aber sich nichts darauf einbildet – was natürlich die höchste Form der Einbildung ist, wenn sie so charmant verborgen wird. Sehr österreichisch eigentlich.Mit Adrian Hoven und Waltraud Haas in der 1960 entstandenen Verfilmung «Im weissen Rössl».United Archives / ImagoErlösung im GesangsduettWer jünger als vierzig ist, kennt Peter Alexander höchstens noch als Namen aus dem Fernsehen der Grosseltern oder aus einem Schlager, der plötzlich in einer Familienrunde auftaucht. Der jüngeren Generation diesen Peter Alexander zu erklären, müsste ungefähr so aussehen: Er war kein nostalgisches Dekor, sondern ein gesellschaftliches Beruhigungsmittel mit Taktgefühl. In einer Zeit, in der Deutschland und Österreich noch grau waren von Krieg, Verlust und beschädigten Biografien, verkörperte er die Möglichkeit, wieder heiter zu sein, ohne das Elend der Vergangenheit ausdrücklich zu verhandeln. Er war ein Gute-Laune-Garant, gewiss. Aber einer mit historischer Funktion.Das Kino wurde sein erstes grosses Reich. Zwischen den 1950er und den frühen 1970er Jahren spielte Alexander in einer langen Reihe von Unterhaltungs-, Musik- und Revuefilmen. Das waren Filme, die mit schwerem Gepäck sehr leichtfüssig taten. Nach Krieg, Zerstörung und moralischer Erschöpfung brauchte das Publikum keine Belehrungen über die Tragik des Daseins. Es kannte sie. Es wollte, für anderthalb Stunden, ein Österreich und ein Deutschland sehen, in dem die Herzen irren, aber nicht verderben; in dem Verwechslungen nicht in Katastrophen enden, sondern in Gesangsduetten.Gunther Philipp (links) als Baron Mucki und Peter Alexander als Graf Bobby in «Die Abenteuer des Grafen Bobby».ImagoDiese Nachkriegsheiterkeit ist leicht zu unterschätzen. Man kann sie heute abtun: zu harmlos, zu sauber, zu kulissenhaft, zu sehr auf Versöhnung gepudert. Gewiss, ihre Welten waren blank geputzt, ihre Konflikte domestiziert, ihre Rollenbilder antiquiert. Aber wer nur das sieht, verfehlt ihre Funktion. Diese Filme waren nicht bloss Eskapismus. Sie waren soziale Reparaturversuche mit Musik. Sie boten ein Ritual der Entlastung an: Man durfte wieder lachen, ohne sich gleich verteidigen zu müssen. Alexanders Heiterkeit war nicht das Lachen über andere, sondern das Lachen mit ihnen – ein Schmäh, der sticht, aber nicht verwundet.In «Im weissen Rössl» wurde er 1960 als Oberkellner Leopold zum musikalischen Hausherrn am Wolfgangsee. In den «Graf Bobby»-Filmen verwandelte er aristokratischen Unsinn in gesellschaftsfähige Anarchie. Als «Charleys Tante» spielte er mit Maskerade und Tempo. Auch in «Bonjour, Kathrin», «So ein Millionär hat’s schwer» oder «Ich zähle täglich meine Sorgen» hielt er die Konstruktion eines ganzen Genres zusammen. Um ihn herum durfte getanzt, geflirtet und geschwindelt werden; er sorgte dafür, dass nichts davon jemals eskalierte.Peter Alexander verkleidet sich im gleichnamigen Film als Charleys Tante, um seinem Freund Rolf und dessen Freund Charley als reiche Erbtante aus einer peinlichen Situation zu helfen.United Archives / KPA / ImagoWeinen mit HaltungPeter Alexander war ein Star, der nicht dauernd den Star markieren musste. Er liess Partner wie Gunther Philipp, Waltraut Haas, Vivi Bach, Grethe Weiser oder Rudolf Platte glänzen. Als Sänger fand er einen unverwechselbaren Ton zwischen Operette, Wiener Lied, Schlager, Kabarett und gepflegter Parodie. Seine Stimme konnte schmeicheln, plaudern, strahlen, tänzeln. Manchmal war das sentimental. Aber bei ihm bekam die Sentimentalität eine Krawatte umgebunden und einen guten Witz mit auf den Weg. Sie durfte weinen, aber bitte mit Haltung. Und elegant.Der oft beschworene Wiener Schmäh machte ihn auch für deutsche Zuschauer anziehend. Das ist nicht einfach Dialekt oder Folklore: Schmäh ist eine Technik der Weltbewältigung. Er weiss, dass alles schiefgehen kann, und stellt trotzdem noch eine Vase auf den Tisch. Alexander konnte eine Liebeserklärung so singen, dass sie zugleich aufrichtig und augenzwinkernd blieb. Er war höflich, aber nicht unterwürfig; populär, aber nicht plump; elegant, aber nie steif.Dann kam das Fernsehen, und aus dem Kinostar wurde eine Institution. Ab 1969 wurde seine Show im ZDF zu einem Ereignis des deutschsprachigen Samstagabends. Man muss jüngeren Lesern erklären, was das bedeutete: keine Mediatheken, kein Streaming, kein zersplittertes Publikum. Es gab den Abend, das Wohnzimmer, die Familie, die Erwartung. Und dann erschien Peter Alexander. Er sang, moderierte, parodierte, spielte Sketche, empfing Kollegen, führte durch Nummernprogramme, die bei aller Leichtigkeit eine enorme handwerkliche Disziplin verlangten. Wo andere Künstler Nummern absolvierten, erzeugte er Atmosphäre.Peter Alexander hatte eine eigene, nach ihm benannte Show im ZDF und im ORF. Hier bei einem Auftritt im Jahr 1994.Peter Bischoff / GettyDie «Peter-Alexander-Show» wurde zur Verlässlichkeit. Nicht im Sinn von Routine, sondern im Sinn eines Versprechens: Dieser Abend fällt nicht auseinander. In seinen Parodien zeigte sich ein scharfes Beobachtungsvermögen. Er traf Haltungen, Stimmen, Gesten, ohne in Gehässigkeit abzurutschen. Sein Humor kam aus Genauigkeit, nicht aus Verachtung. «Peter der Grosse» hiess er bald, und der Beiname war Ausdruck einer realen Macht über die Aufmerksamkeit eines Millionenpublikums.Für Deutschland war Alexander ein Import besonderer Art. In ihm begegnete das beginnende Wirtschaftswunder einem älteren mitteleuropäischen Unterhaltungsideal: Operette, Kaffeehaus, Conférence, höfliche Pointe und musikalisch aufgehellter Weltschmerz. Er war deutsch genug, um überall verstanden zu werden, und österreichisch genug, um für das deutsche Ohr ein Exot zu bleiben.Schule der LeichtigkeitIn Peter Alexander spiegelte sich das Wirtschaftswunder: Er zeigte, dass Wohlstand nicht nur Kühlschrank, Auto und neue Wohnung bedeutete, sondern auch Abendkleid, Walzer, Witz, Gesang und die Erlaubnis, für ein paar Stunden unbeschwert zu sein. Natürlich ist Peter Alexander ein Künstler der Vergangenheit. Niemand sollte so tun, als könne man seine Filme einfach in die Gegenwart versetzen, ohne dass die Kulissen knarzen. Aber das ist kein Einwand gegen ihre Bedeutung. Sie erzählen, wie Unterhaltung einst funktionierte, wie sie Trost spendete, Gemeinschaft erzeugte und soziale Rollen gelegentlich spielerisch durcheinanderbrachte.Peter Alexander in «Hochzeitsnacht im Paradies» mit Waltraud Haas (links), Marika Rökk und Gunther Philipp (hinten).ImagoWenn am Ende alles gut wurde, war das nicht naiv, sondern ein dramaturgisches Heilmittel. Man wusste ja, dass draussen nicht alles gut war. Dazu passt auch der in Österreich laufende Kinofilm «Peter Alexander: Alles nur aus Liebe», eine musikalische Zeitreise mit 23 Liedern aus seinen Filmen. Als Sing-along sind die Texte eingeblendet; das Publikum darf mitsingen. Wer seine Lieder nur anschaut, hat sie noch nicht verstanden. Man muss sie, wenigstens innerlich, mitsummen.Was von Peter Alexander geblieben ist, ist schwer einzuordnen: Er steht für eine Fröhlichkeit, die nicht aggressiv ist; für Popularität, die sich nicht entschuldigt; für Professionalität, die sich als Spiel tarnt. Er war kein Rebell, kein Zerstörer, kein Neuerer im avantgardistischen Sinn. Aber er erneuerte für Jahrzehnte das Vertrauen in eine alte Form: dass Kunst, auch leichte Kunst, Menschen zusammenführen kann; dass ein Lied mehr sein kann als ein Refrain; dass eine Pointe, richtig gesetzt, wie eine kleine Befreiung ist.Peter Alexander hat den deutschsprachigen Nachkriegsjahrzehnten eine grosse Schule der Leichtigkeit gegeben. Er zeigte, dass Unterhaltung Disziplin braucht, dass Charme Intelligenz voraussetzt und dass ein Lächeln nicht oberflächlich sein muss. Man sieht ihn vor sich: die Augenbraue leicht gehoben, den Blick hellwach: «Meine Damen und Herren», scheint er zu sagen, «machen wir uns einen herrlichen Abend.» An dem alles «ein bisserl schöner» ist.Mit Tänzerinnen in der ZDF-Show «Peter Alexander präsentiert Spezialitäten» im April 1974.Peter Bischoff / GettyPassend zum Artikel