„Die Texte der Sprechszenen entstehen in einer Neubearbeitung.“ Solche Annotationen lassen beim geprüften Opernfreund die Ampel auf Gelb schalten, und wenn die Ankündigung folgt, eine Person außerhalb der Bühnenhandlung werde das Geschehen „kommentierend begleiten“, darf man getrost rotsehen: Jene Zeiten, wo die Integrität eines Stückes noch einen – lange fast unberührbaren – Ausgangswert für seine Interpretationen darstellte, sind, wie im Sprechtheater schon lange, nun offenbar auch auf der Opernbühne dahin.Nebenbei sorgt solches Hineinreden in musikalische Zusammenhänge oft für eine nachhaltige Verlängerung der Aufführungsdauer. An diesem Abend in der Berliner Staatsoper kam Mozarts eigentlich recht handliches Singspiel von der „Entführung aus dem Serail“ schon bis zur Pause auf Dimensionen wie sonst fast das ganze Stück; danach immerhin ging es flott zum Ende – und auch die Klimaanlage des Hauses, bei nahezu 40 Grad Außentemperatur extrem gefordert, hielt stand.Standgehalten haben schließlich auch Wolfgang Amadé und seine 1782 uraufgeführte Oper. Das lag zuerst an der Spielfreude und ersichtlichen Gutgestimmtheit eines Ensembles, dem mit Thomas Guggeis am Pult der Staatskapelle ein inspirierender Koordinator vorstand. So schlackenlos schlankstimmig kann man auch dieses Spitzenorchester nicht alle Tage erleben; Guggeis vermittelte Straffheit und Energie, ohne zu treiben, setzte kluge Pausenakzente und Ritardandi, betätigte sich manchmal bei regiebedingten Abrissen des Klangstroms als Brückenbauer am Hammerklavier und nahm, quick und wendig, allezeit schnell wieder Fahrt auf. Auch der in diesem Stück nicht besonders heftig geforderte Chor (Einstudierung Gerhard Polifka) folgte mit einigen wohlklingenden Solo-Ausgliederungen dem Trend zur frühklassischen Durchsichtigkeit.Aus Hass wird LiebeFreilich kann auch die respektabelste musikalische Kommunikation an einer allzu brachialen Stücküberschreibung scheitern, wie es vor Wochenfrist am anderen großen Berliner Haus in der Bismarckstraße zu erleben gewesen war. Regisseurin Andrea Moses und ihr Team stellten die Sache in der Lindenoper vor allem deswegen geschickter an, weil sie ihre moderne Aufklärung über die Schattenseiten der klassischen Aufklärung nicht im didaktischen Gestus Brecht’scher Sentenzen, sondern ironisch durchlichtet ans Publikum brachten. Zum Hauptmedium dafür wurde der Comedian Bülent Ceylan: zuerst in bekannter Eigengestalt als (mit nahezu zehn Minuten am Stück gleich entschieden zu weitschweifiger) Moderator, dann als Hausmeister und Bassa Selim in mehrfachen Comedy-Umformungen eingreifend, mithandelnd und mit witzigen Pointen, später zunehmend nachdenklichen Tönen für gediegene Kurzweil sorgend.Er war, wenn dergleichen schon als notwendig erachtet wird, eine gelungene Wahl; nicht zuletzt unter den Aspekten des Kulturtransfers, von Identität und Entfremdung oder, wie es Ceylan selbst bündig zusammenfasste, von „Entkommen, Ankommen und Einkommen“. Schließlich hat schon Mozart selbst in seiner türkisch verorteten Oper solche Fragen anklingen lassen, und die Inszenierung suchte dafür glücklicherweise eher heitere Denkanstöße als Wahrheiten letzter Instanz. Im Finale allerdings schlug doch noch die hohe Moral zu, als sich das Böswort „hassen“ durch mehrfache Video-Buchstabenrochaden schließlich ins all erwärmende „lieben“ verwandelte. Zu vermuten bleibt leider, dass sich auch diesmal weder Putin noch Trump und wahrscheinlich nicht einmal der schlimme Nachbar mit seinen aktuellen nächtlichen Fußball-Exaltationen daran halten werden.Pluspunkte durch die Briefmarkensammlung?Doch diese Volte kam zu spät, um die Sache noch zu verderben, zumal vorher, wenn der Komponist und seine Klänge das Wort führten, viel Erfreuliches zu erleben war. Siyabonga Maqungos Belmonte brachte ein erlesenes, in seiner lichten Reintönigkeit tatsächlich exklusives Milch-und-Honig-Timbre auf die Lindenopern-Bühne; darstellerisch allerdings war er, kugelig-kuschelig-herzig, ein Ausfall und als erotische Konkurrenz zum Bassa höchstens für eine enorm selbstbewusste, noch im Elend würdevolle und außerhalb aller üblichen Normen eigenbestimmte Konstanze überhaupt denkbar. Weil aber Adela Zaharia, ungemein präsent auch im biegsam-elastischen, energiegespannten und selbst in den Koloraturen straff gehaltenen Gesang, genau in diesem Sinne agierte, ging die Sache auf: kein Illustrierten-Traumpaar, doch ein hoch bemerkenswertes.Ähnliche erotische Ambivalenzen prägten auch das zweite Paar des Abends, weil hier David Steffens’ nicht im Entferntesten eunuchenhafter, sondern gespannt-viriler, streckenweise gar charmanter Osmin mit hoher vokaler Beweglich- und Schneidigkeit den flackerig über die Bühne huschenden, jungenhellstimmigen Pedrillo von Michael Laurenz durch nachdrückliche szenische Präsenz ebenfalls abhängte. Andrea Moses formte die daraus resultierende verkehrte Welt von Neigungen, wo das Triebleben auch bei Serafina Starkes Blonde – frech und frisch, bisweilen etwas überforciert – teils quer zur eingeübten Moral läuft und sich nur in Blicken oder kleinen Berührungen Platz schaffen kann, ebenso feinfühlig wie humorvoll nach: Selim etwa sucht bei Konstanze unter anderem mithilfe seiner Briefmarkensammlung Pluspunkte zu sammeln, und während der Marternarie sieht man ihn, verunsichert durch solch vulkanische Verdrängungsemotionalität, am Kühlschrank einen Verlegenheitsdrink einschütten.Ansonsten setzte die Regie, getreu der comediehaften Grundanlage, eher auf quirlige Action. Raimund Bauer (Bühne), Anja Rabes (Kostüme) und die Videos von Andrea Gabriel bauten dafür eine zeitgenössische, diskret technisierte Ferienschiff-Optik, die mit sanften Brandungswellen und mediterranen Kirsch-Bananen-Tönen schon Richtung Sommerpause blinzelte. Mal sehen, was die nächste Spielzeit bringt.
Oper trifft Comedy: "Die Entführung aus dem Serail" mit Bülent Ceylan
Es geht auch anders, doch so geht es auch: Die freundliche Annäherung zwischen Mozart und Comedy an der Berliner Lindenoper mit Bülent Ceylan gerät zum sehens- und vor allem hörenswerten Experiment.






