Wir wollen die Energiewende vollenden, und intuitiv ist uns allen klar, dass das nur gemeinsam und im breiten Konsens gelingen kann. Und doch schaffen wir es, uns in Detaildiskussionen zu verlieren. Die Umstellung der Energieversorgung für eine Industrienation ist ein atemberaubend großes Projekt, aber wir verkanten uns fortlaufend in am Ende doch kleinen Einzelthemen. Auffallend ist, wie hart und unversöhnlich dabei die Debatten geführt werden, obwohl es doch um ein breit akzeptiertes Ziel geht. Aktuell ist das sogenannte Netzpaket hierfür ein plakatives Beispiel.An einem windstarken Tag entsteht so viel elektrische Energie im Norden, dass das Transportnetz sie nicht mehr zu den Verbrauchsschwerpunkten im Westen, in der Mitte und im Süden Deutschlands transportieren kann. Das Problem wird wirtschaftlich über den sogenannten Redispatch gelöst und erzeugt bundesweit Kosten von rund drei Milliarden Euro im Jahr. Absehbar werden die Netzengpässe auch im Verteilnetz zunehmen, was die damit einhergehenden Ausgaben weiter steigen lassen wird. Die Koordination von Netz- und Erzeugungsausbau ist eine seit Langem unbearbeitete Baustelle der Energiewende.Vor einigen Wochen ist ein Entwurf für ein Netzpaket des Bundeswirtschaftsministeriums bekannt geworden. Demnach sollen Erzeugungsanlagen, die künftig in einem bereits durch Engpässe belasteten Gebiet errichtet werden, keine Vergütung bekommen, wenn sie aufgrund von Netzengpässen abgeregelt werden müssen. In den Fachdebatten wird kaum ein Thema so kontrovers diskutiert wie dieser sogenannte „Redispatch-Vorbehalt“.Die Energiewirtschaft ist ein großer KampfDie Diskussionen werden mit dem Holzhammer geführt. Es scheint nicht (nur) um den Redispatch-Vorbehalt, sondern ums große Ganze zu gehen – das Überleben der Energiewende. Aber ist das so? Der Redispatch-Vorbehalt adressiert ein offenes Problem. Man kann anderer Meinung sein, wie das Problem am besten gelöst wird. Aber das Problem ist da, es ist milliardenschwer, und es droht zu wachsen. Diese sachliche Perspektive verschwindet in den Debatten. Wahrscheinlich, weil Texte, die enden sollen mit „Bundeswirtschaftsministerin Reiche würgt die Energiewende ab“ schlecht mit „Frau Reiche arbeitet an einem der großen ungelösten Probleme der Energiewende“ beginnen können.Doch warum werden die energiepolitischen Debatten so hart und unversöhnlich geführt? Auf der einen Seite ist das ein Trend der Zeit, auf der anderen Seite sind mit dem Erfolg der erneuerbaren Energien auch die knallharten wirtschaftlichen Interessen gewachsen. Aber tatsächlich kennen wir es gar nicht anders. Die großen deutschen Stromversorger schalteten Anfang der 1990er gemeinsame Zeitungsanzeigen, in denen sie erklärten, dass mehr als vier Prozent erneuerbare Energie leider schlicht nicht realisierbar seien. Die Branche hat in den 1980er Jahren mit dem gescheiterten Projekt Growian „bewiesen“, dass Stromerzeugung aus Wind technisch nicht möglich ist. Dass mit dem Kernenergieausstieg die Lichter ausgehen würden, war hier nur eine weitere Prognose.Hans-Jürgen Brick, Chef des Stromnetzbetreibers AmpriondpaUm das klar zu sagen: Als diese Aussagen gemacht wurden, war man ehrlich von ihrer Richtigkeit überzeugt. Mit der Verantwortung für die Versorgungssicherheit ist man in Bezug auf Zukunftseinschätzungen immer deutlich risikoaverser (und wir alle wollen das letztlich auch so). Mir geht es nicht um die Schelte von altvorderen Kollegen. Mir geht es darum, dass wir auf der „klassischen Branchenseite“ realisieren, dass unsere Diskussionspartner auf der Seite der Erneuerbaren immer wieder die Erfahrung machen mussten, dass Leben in der Energiewirtschaft Kampf ist; dass große Widerstände überwunden werden müssen; dass es vor allem auf den Willen ankommt.Keine Absage an KlimaneutralitätDas übergeordnete inhaltliche Problem unserer energiewirtschaftlichen Debatten ist erkennbar, wenn man sich vom Klein-Klein der Detaildiskussion um Netzregulierung löst. Die Aufgabe und der Zielkonflikt der Energieversorgung können mit dem energiewirtschaftlichen Zieldreieck gut beschrieben werden. In einem Dreieck von Bezahlbarkeit, Versorgungssicherheit und Klimaneutralität muss die Politik einen Punkt wählen. Der Abstand dieses Punktes zu den jeweiligen Ecken bildet die Ausrichtung der jeweiligen Energiepolitik ab.Eine Verschiebung dieses Punktes zugunsten von Bezahlbarkeit und Versorgungssicherheit ist damit keine Absage an Klimaneutralität, auch wenn sich der Punkt von dieser Ecke wegbewegt. Es ist nicht anders als bei einem Familienausflug auf die Kirmes – drei Kugeln Eis, zwei Fahrten mit dem Karussell und auch noch Riesenrad geht halt nicht. Je nachdem, wie ausgeprägt die Vorlieben sind, wird die Familiendebatte anstrengend.Wenn man diesem Denkschema folgt, wird auch klar, dass Energiewende und Klimaneutralität nicht das Gleiche sind. Die Energiewende ist mehr als Klimaneutralität. Klimaneutralität ist erfolgreich erreicht, wenn wir keine Treibhausgase mehr ausstoßen. Die Energiewende ist erfolgreich umgesetzt, wenn wir die drittgrößte Volkswirtschaft der Welt bezahlbar, versorgungssicher und klimaneutral mit Energie versorgen. Es wäre viel für die Debatten erreicht, wenn wir uns einmal gegenseitig glauben würden, dass wir alle eine erfolgreiche Energiewende wollen, aber unterschiedliche Sichten auf die Gewichtung von Versorgungssicherheit, Bezahlbarkeit und Klimaneutralität haben. Am Ende wäre es doch schade, wenn wir gar nicht auf die Kirmes gehen, weil wir uns nicht einigen können.Hans-Jürgen Brick ist Vorsitzender der Geschäftsführung des Stromnetzbetreibers Amprion.
Auf der Kirmes der Energiewende
Die Debatten zur Energiewende werden unerbittlich geführt. Dabei wollen am Ende fast alle das Gleiche. Wer ans Ziel kommen will, muss es machen wie beim Familienbesuch auf der Kirmes.






