PfadnavigationHomeRegionalesHamburgAusstellungDie Essenz der Natur in TiergestaltStand: 11:51 UhrLesedauer: 5 MinutenMitarbeiter heben eine Vitrine über die Herde (v.l.n.r.): „Grasender Büffel“, „Finnisches Rind“, „Grasende Kuh 2“, „Stehende Kuh (Windkuh)“, „Große Stehende Kuh (Große Schweizer Kuh)“Quelle: Bertold Fabricius/WELT; VG Bild-Kunst, Bonn 2026Das Ernst Barlach Haus im Jenischpark zeigt Meisterwerke des Bildhauers Ewald Mataré, der das Wesen der Natur vor allem in Skulpturen von Tieren erfasste. Arbeiten auf Papier werden Barlach-Grafiken gegenübergestellt.Wenn der Künstler Ewald Mataré (1887–1965) an den Stränden der Nordseeinseln Wangerooge, Spiekeroog oder Sylt nach Treibholz suchte, fand er dort vermutlich vorwiegend heimische Nadelhölzer. Obwohl Mataré später eine Vielzahl exotischer Holzarten bearbeitete, darunter tropische Edelhölzer wie Teak, Palisander, Eben- oder Pockholz, brachten ihn doch die Kiefern- und Fichtenholzfunde auf den friesischen Inseln zur Bildhauerei. Denn auf Wangerooge experimentierte der Maler im Sommer 1920 erstmals intensiv mit dem Holzschnitt, entdeckte dann das Relief für sich und fand so schrittweise zur Dreidimensionalität.Zahlreiche Plastiken im KleinformatDie Phase des Übergangs wird im ersten Raum der Ausstellung „Ewald Mataré. Nichts ohne Natur. Tierplastiken“ thematisiert, die jetzt im Ernst Barlach Haus zu sehen ist und zusammen mit dem Berliner Kunsthaus Dahlem erarbeitet wurde. Auf Druckstöcke und Reliefs folgen zahlreiche kleinformatige Plastiken, die verdeutlichen, worum es dem Künstler ging: die Suche nach dem Wesen und der Essenz dessen, was er in der Natur beobachtete. Alles Überflüssige ließ er beiseite, reduzierte seine Arbeiten auf elementare Grundformen, strebte Verdichtung an.Auch das Sujet seines Schaffens stand von Anfang an fest: „Das Tier, speziell die Kuh, ist das zentrale Thema seiner Arbeit“, sagt Karsten Müller, Leiter des Ernst Barlach Hauses. Durch die stetige Auseinandersetzung mit den Wiederkäuern, die Mataré als „stolz und demütig, unbegreiflich und unnahbar wie die ganze Natur“ bezeichnete, gelangte er zu einem formalen Variantenreichtum. Diese Vielfalt kann nun anhand von rund 70 Leihgaben aus dem Museum Kurhaus Kleve entdeckt werden, das zwei Drittel aller von Mataré geschaffenen Werke beherbergt.Idealisierte Kuhwesen und stolze PferdeSo finden sich in den Vitrinen liegende oder stehende Rinder, Kühe und Kälbchen aus Holz, Bronze oder Marmor; einige tragen naturalistische Züge, andere sind auf wenige zeichenhafte Merkmale beschränkt oder kubistisch; einige sind dünn und flach, andere klobig und kompakt. Zwischen den idealisierten Kuhwesen stehen stolze Pferde, stromlinienförmige Steinböcke, drollige Biber oder eine Katze aus Bernstein.So heterogen die Formen seiner Arbeiten sind: allen ist zugleich die Reduktion gemeinsam – und die sorgfältige Bearbeitung der Oberfläche. Der Bildhauer glättete und polierte seine Werke mit Hang zur Perfektion, bemühte sich darum, dem Material gerecht zu werden, es in reinster Form zu zeigen. Auch spätere, größere Plastiken, die im Hauptraum des Museums zu sehen sind, weisen diese Glätte auf: „Mataré nutzt gerne den ganzen Stamm des Holzes, bezieht dann die Maserung mit ein“, erklärt Müller.Ähnlichkeit mit altsteinzeitlicher HöhlenmalereiPerfektionistisch war Mataré auch in seinen Bemühungen, ideale Proportionen zu erreichen, wie zwei Konstruktionszeichnungen verdeutlichen. Während diese Blätter einerseits wie die Entwürfe eines Ingenieurs oder Produktdesigners wirken, der stromlinienförmige Körper schaffen will, ähneln die Tierwesen andererseits den altsteinzeitlichen Malereien an den Höhlenwänden von Lascaux oder Altamira. Den Kühen haftet etwas Kultisches an, als seien sie Idole im Zusammenhang mit mysteriösen Riten. „Er sucht die absolute Zeitlosigkeit und hat zugleich einen modernen, zeitgenössischen Zug“, sagt der Museumsleiter. So war der Künstler an den Aktivitäten des Bauhauses sehr interessiert.Lesen Sie auchZudem schloss sich Mataré, der an der Akademie der Bildenden Künste in Berlin studiert hatte, 1923 der progressiven Berliner Novembergruppe an. Zwar teilte er nicht alle Ansichten der Mitglieder, stellte aber regelmäßig mit ihnen aus, wodurch wichtige Galeristen auf ihn aufmerksam wurden. 1932 trat der nun als Bildhauer etablierte Künstler eine Professur an der Staatlichen Kunstakademie Düsseldorf an. Nach nur sieben Monaten im Amt erfolgte seine Entlassung durch die Nationalsozialisten. Im Zuge der Aktion „Entartete Kunst“ wurden 1937 viele seiner Werke aus den Museen entfernt.Immer wieder Reisen an Nord- und OstseeNach dem Ende der Diktatur übernahm Mataré 1946 als Professor erneut eine Bildhauerklasse in Düsseldorf – in die unter anderem Joseph Beuys eintrat. Durch seine Lehrtätigkeit entfalteten Matarés Bildsprache und sein Wissen um die Bedeutung des Materials eine nachhaltige Wirkung und waren prägend für die Nachkriegszeit.Entscheidend war für den Künstler auch das Studium der Natur, um sich dann wieder von ihr entfernen zu können: „In der Überwindung der natürlichen Form sehe ich den Weg, den ich beschreite und den ich für den richtigen halte“, schrieb der Bildhauer. Immer wieder bereiste er die Nord- und Ostseeregion, beobachtete Kühe auf der Weide. Die Ausstellung zeigt neben einem kuhgeschmückten Wandteppich, den Matarés Ehefrau Hanna nach seinem Entwurf gewebt hat, auch eine Reihe von Aquarellen, auf denen schwarz-weiß gefleckte Holstein-Rinder in ein geometrisches Gefüge aus Wiesen, Feldern und Dünen eingebunden sind.Werke von Ernst Barlach in der GegenüberstellungDiesen sachlichen Papierarbeiten stehen Grafiken des Bildhauers Ernst Barlach aus dem eigenen Bestand des Hauses gegenüber: Zwar hat der Expressionist keine Plastiken von Tieren hinterlassen, sich zeichnerisch aber sowohl mit Kühen auseinandergesetzt, als auch eine zutrauliche Katze, einen galoppierenden Esel und sogar zwei Eisbären in sein Werk aufgenommen. „Mataré ist mit seiner Formverdichtung ein interessanter Ausgangspunkt, um Barlach noch einmal anders zu sehen“, sagt Müller. Zum weiteren Vergleich stehen am Ende der Menagerie zwei Menschendarstellungen: Barlachs Bronzebildnis eines weiblichen Kopfes korrespondiert mit einem plastischen, auf das Wesentliche beschränkten Kopfporträt von Hanna Mataré – das der Bildhauer glattpolierte und damit die Maserung des verwendeten heimischen Birkenholzes voll zur Geltung brachte.Bis 11. Oktober im Ernst Barlach Haus
Ausstellung: Die Essenz der Natur in Tiergestalt - WELT
Das Ernst Barlach Haus im Jenischpark zeigt Meisterwerke des Bildhauers Ewald Mataré, der das Wesen der Natur vor allem in Skulpturen von Tieren erfasste. Arbeiten auf Papier werden Barlach-Grafiken gegenübergestellt.








