Tom Oettinger und Benjamin Alicic sind beide 20 Jahre alt. Beide tragen Verantwortung in Gremien, in denen fast alle anderen deutlich älter sind. Oettinger sitzt für die Grünen im Ortsbeirat 3 im Nordend und will im Wintersemester Politikwissenschaft in Frankfurt studieren. Alicic macht gerade sein Abitur in der Bettinaschule, wohnt in Schwanheim und vertritt die Linke im Ortsbeirat 6. Er ist Stadtverordneter im Römer. Oettinger und Alicic sind damit die jüngsten Frankfurter, die sich in kommunalen Parlamenten politisch engagieren.Oettinger beschreibt seinen künftigen Alltag als Balanceakt. Er sagt, das Zeitmanagement sei durchaus eine Hürde für ihn. In kommunalen Parlamenten säßen viele Menschen, die im Ruhestand seien und deshalb mehr Zeit hätten. Für junge Leute sei das anders. Ein Ehrenamt wie den Ortsbeirat müsse man sich leisten können, sagt er. Eine Vergütung, die der aufgewendeten Zeit entspreche, wäre aus seiner Sicht wichtig, vor allem für junge Menschen und Menschen mit wenig Geld, „damit sie nicht nebenher noch einen Nebenjob machen müssen“. Derzeit erhalten Mitglieder der Ortsbeiräte eine Aufwandsentschädigung in Höhe von 258 Euro, Fraktionssitzungen können gesondert entschädigt werden, Fahrtkosten erstattet werden.Politisiert durch das Gefühl, übergangen zu werdenFrüh politisiert wurde Oettinger durch die Bewegung „Fridays for Future“ und andere Proteste. Er spricht von der „Grunderfahrung des Übergangenwerdens“ als junger Mensch. Es werde viel Politik für ältere Menschen gemacht. Klimaschutz und Wehrpflicht seien derweil für seine Generation sehr wichtig. Aber junge Menschen säßen bei den Entscheidungen selten mit am Tisch. Irgendwann habe er sich gesagt, das könne nicht so bleiben. „Im Zweifelsfall muss man es selber machen“, fasst er seine Entscheidung zusammen, in die Partei und die Grüne Jugend einzutreten und für den Ortsbeirat zu kandidieren.In der eigenen Fraktion fühlt sich Oettinger gut aufgehoben. Im politischen Betrieb insgesamt erlebt er aber Situationen, in denen ältere Mitglieder „ein bisschen elterlich“ mit ihm umgehen. Es gebe Momente, in denen eher die Erfahrenen sprechen sollen. Für ihn zeigt sich darin ein „schlichtes Repräsentationsproblem“. Jüngere Menschen seien in den Gremien nach wie vor eine Ausnahme. Oettinger ist überzeugt, dass sich das Bild ändern würde, wenn mehr junge Kommunalpolitiker sichtbar gute Arbeit machten. Es müsse normaler werden, dass nicht nur Menschen mit langer Berufserfahrung in den Reihen sitzen, sagt er.Auf zwei Rädern durch Frankfurt: Tom Oettinger nutzt für kurze Strecken immer das Fahrrad.Emil EichingerBesonders reizvoll findet Oettinger die Nähe der Kommunalpolitik zum Alltag. Er spricht von Schulwegsicherheit, von öffentlichen, konsumfreien Räumen für Jugendliche und von Plätzen, an denen man abends sitzen kann, ohne sofort Beschwerden zu provozieren. „Kommunalpolitik ist die Ebene, auf der sich zeigt, was vor der Haustür passiert.“ Er möchte jungen Menschen das Gefühl geben, dass es einen konkreten Unterschied macht, wer im Ortsbeirat sitzt. Um das zu zeigen, versucht er, seine Arbeit sichtbarer zu machen, etwa im Kontakt mit Schülervertretungen. Wichtig für ihn ist, aktiv zuzuhören und herauszufinden, mit welchen Anliegen junge Menschen an ihn herantreten.Ein Ehrenamt, das man sich leisten können mussOettinger erinnert sich an einen Moment, der für ihn viel verändert hat. An der Elisabethenschule war er in der Schülervertretung aktiv, damals noch ganz ohne Mandat. Die Gruppe nahm Kontakt mit dem Ortsbeirat auf, es ging um eine Fahrradreparaturstation in der Nähe der Schule. Heute steht diese Station wirklich dort. Für Oettinger war das mehr als ein kleines Projekt. Es war die Erfahrung, dass ein Anliegen aus der Schülerschaft seinen Weg in ein Gremium findet und am Ende zu einer konkreten Veränderung im Stadtteil führt.Dieses Gefühl möchte er auch anderen jungen Menschen vermitteln. Er weiß, dass es eine Hürde ist, in eine Fragestunde zu gehen und vor Menschen zu sprechen, die so alt sind wie die eigenen Eltern oder Großeltern. Darum findet er, dass nicht nur Jugendliche den Weg zum Ortsbeirat suchen sollten. Auch die Ortsbeiräte müssen seiner Überzeugung nach auf junge Menschen zugehen, in Schulen, in Jugendtreffs, in den Stadtteil. Erst dann werde in der Kommunalpolitik nicht mehr nur über die Jugendlichen gesprochen, sondern mit ihnen.Bei der Messe in Frankfurt: Benjamin Alicic vertritt im Römer die Linke.Maximilian von LachnerAufgewachsen in Griesheim, zu Hause im RömerAuch Benjamin Alicic erklärt seine Politisierung mit einer persönlichen Geschichte. Er ist als Arbeiterkind in Griesheim aufgewachsen. Seine Lebenswirklichkeit sei „immer ein bisschen politisch“ gewesen, sagt er. Er beschreibt, wie es ist, als Person mit Migrationshintergrund in erster und zweiter Generation in Deutschland aufzuwachsen. Irgendwann habe er gemerkt, dass andere in Deutschland es besser hätten als er. Dieser Gedanke sei ein erster Anstoß gewesen. Entscheidend sei dann der Aufstieg der AfD gewesen. Er spricht offen darüber, dass er damals Angst hatte und keinen Ausweg mehr sah. Am Ende habe er gesagt, er müsse etwas tun, und zwar politisch.Zuerst habe er sich in kleinen, selbst organisierten Schülergruppen engagiert. Es gab eine Schülerzeitung, für die er den politischen Teil mitbetreute. Nach und nach merkte er, dass ihm das nicht reicht. Er sah sich in der Parteienlandschaft um und trat vor etwa eineinhalb Jahren in die Partei Die Linke ein. Heute sitzt er für sie im Römer und ist zuständig für den Ortsbeirat 6. Für seine Stadtverordnetentätigkeit erhält er gemäß städtischer Regelung immerhin 1023 Euro an Aufwandsentschädigung.Seinen Alltag beschreibt Alicic als „strammen Zeitplan“. Vormittags Schule, nachmittags und abends Termine und Sitzungen. „Viel Schlaf ist da leider nicht mehr dabei“, sagt er und nimmt das in Kauf. Er spricht von einem inneren Antrieb, der ihn trägt. Seine Mitschüler und Lehrkräfte hätten zunächst gedacht, er stehe nur auf einem sogenannten Füllerplatz. Als dann klar wurde, dass er tatsächlich gewählt wurde, habe das viele gefreut. Es habe aber auch Kritik gegeben, besonders von Menschen, die seine Haltung nicht teilten. „Wir brauchen mehr junge Menschen in politischen Rollen“, sagt er, gerade in der Kommunalpolitik, weil der Gestaltungsraum die eigene Stadt direkt betreffe.Der Jüngste im SaalDass er zu den jüngsten Kommunalpolitikern gehört, war Alicic zunächst nur im Römer bewusst. „Ich wusste, dass ich dort der Jüngste sein muss“, sagt er. Den Altersunterschied spüre man im Plenarsaal sofort. Dass er auch stadtweit neben Tom Oettinger zu den Jüngsten gehört, erfuhr er später. Er fühlt sich geehrt, dass so viele Menschen ihm in seinem Alter Vertrauen schenken. Gleichzeitig sieht er darin eine Aufgabe. Er wolle ein Sprachrohr sein.Vormittags Schule, Nachmittags und Abends Termine: Benjamin Alicic macht gerade sein Abitur an der Bettinaschule.Maximilian von LachnerSeine politischen Schwerpunkte ergeben sich für Alicic aus der eigenen Erfahrung. Er spricht über Queerpolitik und Inklusion. Dazu kommen Bildung und Kinderarmut. „Unsere Schulen sind totgespart“, sagt er. An seiner Schule habe es einen Wasserschaden gegeben, bei dem es von der Decke tropfte. Für ihn ist das ein Bild dafür, wie es um manche Gebäude steht. „An anderen Schulen fallen die Deckenplatten herunter.“ Auch für ihn sind Orte, an denen Jugendliche ohne Konsumzwang zusammenkommen können, wichtig. Er hat manchmal das Gefühl, dass man in Frankfurt nur dann mit Freunden einen schönen Tag verbringen kann, wenn man Geld ausgibt.Generationswechsel als Aufgabe der ParteienIn der Frage der Repräsentation sind sich Oettinger und Alicic einig. Oettinger spricht von einem Mangel an jungen Menschen in den Gremien, „Auf gar keinen Fall sind junge Menschen ausreichend vertreten“, sagt Alicic. Er verweist darauf, dass auch Jüngere als er aufgestellt worden seien, aber nicht weit genug vorne in der Liste waren. Viele Stadtverordnete würden nur ganz andere Lebensumstände kennen. Das habe Folgen für die Themen, die verhandelt würden.Auch über die Parteien sprechen beide offen. Oettinger findet, dass alle Parteien noch Nachholbedarf haben, auch seine eigene. Es gehe nicht nur um die Frage, ob junge Menschen kandidieren dürfen, sondern um Inhalte und um echte Beteiligung bei Zukunftsthemen. Dazu gehöre auch, dass Ältere in den Parteien „etwas kürzertreten“ und Mandate abgeben müssten. „In manchen Fraktionen sieht man immer wieder die gleichen Gesichter“, sagt Alicic. Er findet, es sei Aufgabe der älteren Mitglieder, den Platz für jüngere frei zu machen. Sonst stelle sich die Frage, wie Kommunalpolitik in den nächsten Jahrzehnten aussehen solle.Beide blicken vorsichtig auf ihre Zukunftspläne. Oettinger möchte in Frankfurt studieren und weiter im Ortsbeirat arbeiten, solange das mit seinem Beruf zu vereinbaren ist. Die Vorstellung einer Zukunft als Berufspolitiker schreckt ihn eher ab. Er fürchtet, dass dann Inhalte und Ideale zu sehr in den Hintergrund träten. Alicic denkt daran, nach dem Abitur Rechtswissenschaft zu studieren. Ihn interessieren Strafrecht und Zivilrecht, weil dort viele Lebensrealitäten aufeinandertreffen. Festlegen will er sich aber noch nicht. „Ich will das machen, was der Bevölkerung am meisten bringt, ob mit Mandat oder im Hintergrund“, sagt er. In den kommenden fünf Jahren hat er dazu schon einmal Gelegenheit an nicht ganz unbedeutender Stelle im Stadtparlament.
Parlamentarier mit 20: Was junge Menschen in die Politik treibt
Tom Oettinger und Benjamin Alicic sind die jüngsten Kommunalpolitiker Frankfurts. Beide sitzen in Gremien, in denen der Altersdurchschnitt weit über ihrem liegt. Genau das ist ihre Motivation.






