PfadnavigationHomeRegionalesHamburgWechsel zu Open Source„Die Abhängigkeit von Microsoft ist vergleichbar mit der Abhängigkeit von russischem Gas“Stand: 09:37 UhrLesedauer: 7 MinutenDer Hauptsitz von Microsoft Deutschland in MuenchenQuelle: picture alliance/DZBA/Jonas LohrmannDer CLOUD Act, geopolitische Spannungen und steigende Lizenzkosten setzen Europas Verwaltungen unter Druck: Während Schleswig-Holstein Microsoft bereits weitgehend ersetzt, ringt Hamburg zwischen digitaler Souveränität, Sicherheit und praktischen Risiken.Die Abhängigkeit von Microsoft sei „vergleichbar mit der Abhängigkeit von russischem Gas“. So formulierten es die Grünen im Ausschuss für Digitalisierung und Datenschutz am 13. Januar 2026. Die SPD ging noch weiter: Deutschland und Europa müssten „digitale Souveränität erlangen, um nicht am Ende eine digitale Kolonie amerikanischer Systeme zu werden“.Die scharfe Rhetorik hat einen ernsten Hintergrund. Mit Donald Trumps erneutem Amtsantritt Anfang 2025 hat sich das Risiko für europäische Verwaltungen verschärft, dass sensible Daten von amerikanischen Behörden ausgelesen werden könnten. Der CLOUD Act erlaubt ihnen den Zugriff auf Daten bei US-Unternehmen, egal, ob die Server in Virginia oder in Frankfurt/Main stehen. Lesen Sie auchEuropäische Behörden hätten „nur begrenzte Möglichkeiten“, sich gegen solche Herausgabe-Anordnungen zu wehren, stellt ein Rechtsgutachten der Universität zu Köln fest. Die US-Regierung setzt den Zugang zu Daten und Software längst als geopolitisches Druckmittel ein. Zuletzt etwa, als die US-Regierung den US-Konzern Anthropic jüngst per Exportkontroll-Direktive zwang, den Zugriff bestimmter ausländischer Staatsangehöriger auf seine fortschrittlichsten KI-Modelle einzuschränken.In dieser Lage richtet Hamburg den Blick auf das Nachbarland Schleswig-Holstein, das vormacht, wie ein Ausstieg aus der Microsoft-Welt aussehen kann. Kiel hat seit 2024 schrittweise Microsoft Office und Outlook auf nahezu allen Arbeitsplätzen der Landesverwaltung deinstalliert, die quelloffene Bürosoftware LibreOffice zum Standard gemacht und die Postfächer auf das System Open-Xchange umgezogen. Die bestehenden Microsoft-Verträge laufen bis 2029 und werden nicht verlängert. Die jährliche Einsparung beziffert die Landesregierung mit mehr als 15 Millionen Euro an Lizenzkosten. Schleswig-Holstein ist das erste Bundesland, das den Weg in die digitale Souveränität konsequent geht.Und Hamburg? Hat zumindest Tempo aufgenommen. In der Ausschusssitzung im Januar verteidigten Senatsvertreter Microsoft noch als faktischen Marktstandard. Die Software sei „hochintegriert“ und für die behördenübergreifende Zusammenarbeit unverzichtbar. Nur knapp vier Monate später, am 6. Mai, beschloss die Bürgerschaft mit breiter Mehrheit von SPD, Grünen, CDU und Linken gegen die Stimmen der AfD einen Antrag, der genau das Gegenteil prüfen lässt: die strategische Einführung der Open-Source-Plattform openDesk als Microsoft-Ersatz.Lesen Sie auchWas sich in diesen Monaten verändert hat? Tim Stoberock, Digitalisierungssprecher der SPD-Fraktion und einer der Autoren des Antrags, erklärt den Schwenk so: Im Januar sei es um den Status quo gegangen. „Das heißt aber nicht, dass dieser Zustand auf Dauer richtig oder risikofrei ist. Da kann man sicherlich zu unterschiedlichen Bewertungen kommen. Uns geht es weniger um den technischen Stand, sondern um die politische Bewertung der strategischen Abhängigkeiten.“ Hamburg müsse daher Alternativen ernsthaft prüfen.Microsoft hat seine Produkte in den vergangenen zehn Jahren konsequent in die Cloud umgebaut. Wer früher Office kaufte, erwarb eine Lizenz für eine Software, die lokal installiert, ohne Verbindung zum Hersteller lief. Ab 2011 brachte Microsoft Office 365 als Cloud-Variante auf den Markt. Statt einer einmaligen Lizenz gibt es nun ein Abonnement. Die Programme laufen ganz oder teilweise auf Microsoft-Servern, einige setzen die Cloud zwingend voraus. Parallel dazu kündigt Microsoft die klassischen Office-Versionen schrittweise. Office 2024 ist nach aktueller Microsoft-Ankündigung die voraussichtlich letzte klassische, lokal installierbare Version. Ihr Support endet am 9. Oktober 2029. Das heißt: Selbst Behörden, die der Cloud bewusst aus dem Weg gehen wollten, können sich dem Wandel nicht mehr lange entziehen. Sie stehen in wenigen Jahren möglicherweise ohne Sicherheitsupdates da.44.000 Postfächer übertragen„Wir sind auf unserem Weg extrem weit vorangeschritten“, sagt Schleswig-Holsteins Digitalisierungsminister Dirk Schrödter (CDU) zu WELT AM SONNTAG. Nur auf rund 20 Prozent der Arbeitsplätze würden noch einzelne Lizenzen für Word oder Excel benötigt, zumeist wegen bestimmter Fachanwendungen. Beim Umzug auf Open-Xchange seien rund 44.000 Postfächer sowie 110 Millionen E-Mails und Kalendereinträge übertragen worden – „das gesamte digitale Arbeitsgedächtnis der Landesverwaltung“, sagt Schrödter. Lesen Sie auchDen Einsparungen von 15 Millionen Euro Lizenzkosten stünden Entwicklungs- und Supportkosten von rund 9 Millionen Euro gegenüber. Auch Nextcloud, eine quelloffene Plattform für Dateiablage und Zusammenarbeit, werde bereits auf 70 Prozent der Arbeitsplätze eingesetzt. Microsoft SharePoint solle dieses Jahr vollständig abgelöst werden. „Wir schreiben die Blaupause für andere Regionen und Länder, die diesem Beispiel folgen wollen.“Doch der Weg dorthin war alles andere als reibungslos. Am 7. August 2025 wurden bei einem Migrationsschritt 800 E-Mail-Konten des Innenministeriums sowie der Finanzämter Plön und Lübeck falsch zugeordnet. Vertrauliche Inhalte gelangten an die falschen Empfänger innerhalb der Verwaltung. Die Ursache war menschliches Versagen. Im September 2025 warnten die Gerichtspräsidenten und die Generalstaatsanwaltschaft Schleswig-Holsteins in einem Brief an Schrödter vor einer „massiven Beeinträchtigung der Gerichte“. Schrödter entschuldigte sich schriftlich bei den Mitarbeitenden der Landesbehörden, und es wurde eine Taskforce eingerichtet. Einige Probleme verschwanden, allerdings nicht alle.Auch der ehemalige Wirtschaftsminister und heutige FDP-Digitalsprecher Bernd Buchholz übt Kritik. Auf Anfrage sagt er: „Die Bilanz fällt nach wie vor ernüchternd aus. Noch immer gibt es an entscheidenden Stellen wie der Justiz oder der Polizei Performance-Ausfälle und Schnittstellenprobleme. In vielen Fällen verursachen die Open-Source-Anwendungen einen deutlich höheren Zeitaufwand.“ Auf dem Weg zur digitalen Souveränität dürften sicherheitsrelevante Bereiche nicht lahmgelegt werden, aber das sei in Schleswig-Holstein zeitweise passiert. Seine Hauptkritik richtet sich an die Projektsteuerung: „Das Management der Softwareumstellung ist die größte Schwachstelle in Schleswig-Holstein.“ Betroffene würden nicht einbezogen, Probleme vom Tisch gewischt, und die Anwender nicht in dem Maße geschult, wie es notwendig wäre.Lesen Sie auchHamburg steht bei dieser Debatte keineswegs am Anfang. Im Rechenzentrum von Dataport, das auch für Hamburg arbeitet, laufen nach Senatsangaben 40 Prozent der Server und 70 Prozent der Middleware auf Open Source. Jetzt gehe es darum, sagt Stoberock, „den Anteil von Open-Source auch im Front-Desk-Bereich weiter aufzubauen“. Also bei den Arbeitsplätzen selbst.Dennoch hat Hamburg lange an Microsoft festgehalten und tut es bis heute. Die Vorbereitung für Microsoft 365 begann 2019 mit einem Proof of Concept, die produktive Einführung startete im dritten Quartal 2023 unter dem Projektnamen „BestCloudBASIS“. Die Projektkosten beliefen sich von 2022 bis 2025 auf rund 8,3 Millionen Euro. Der Hamburgische Beauftragte für Datenschutz und Informationsfreiheit stufte die Nutzung im Oktober 2025 als mit den Anforderungen der DSGVO vereinbar ein, allerdings nur für Daten mit „normalem Schutzbedarf“. Für sensible Bereiche wie Polizei oder Sozialträger ist die 365-Plattform bis heute nicht freigegeben.Lizenzkosten sind GeschäftsgeheimnisDie eigentlichen Lizenzkosten hält der Senat unter Verschluss. Sie unterlägen dem Betriebs- und Geschäftsgeheimnis, heißt es in der Antwort auf eine Große Anfrage der Linken. Stoberock fordert hier mehr Offenheit: „Eine seriöse Wirtschaftlichkeitsprüfung muss selbstverständlich auf den tatsächlichen Kosten der bestehenden Softwarelandschaft basieren.“ Auch wenn einzelne Vertragsdetails nicht öffentlich seien, müssten sie „im Rahmen der Prüfung berücksichtigt werden können“.Lesen Sie auchDie aktuelle Debatte hat auch mit einem gescheiterten Großprojekt zu tun. Schon 2019 versuchte Dataport, aus quelloffenen Programmen eine Alternative zu Microsoft Office zu entwickeln. Das Projekt hieß Phoenix. Dataport stellte es im Oktober 2025 ein. Der wirtschaftliche Verlust beträgt rund 90 Millionen Euro, die gesamten Entwicklungskosten lagen bei rund 140 Millionen Euro. Stoberock räumt ein: „Phoenix war kein erfolgreiches Projekt, und daraus müssen die richtigen Konsequenzen gezogen werden.“ Doch die Arbeit war nicht umsonst. Die entwickelten Komponenten flossen in die Arbeit des bundeseigenen Zentrums für Digitale Souveränität (ZenDiS) ein und bilden einen Teil von openDesk. Diese Open-Source-Suite steht als Alternative zu Microsoft 365 für die Verwaltung bereit.Microsoft-Produkte bewusst nicht vorgesehenDen politischen Rahmen schufen Bund und Länder am 4. Dezember 2025. Auf der Ministerpräsidentenkonferenz beschlossen sie die Föderale Modernisierungsagenda mit über 200 Maßnahmen. Kern ist die gemeinsame Plattform „Deutschland-Stack“, für die jede neue Verwaltungssoftware künftig cloudfähig sein muss. Die zugehörige Deutsche Verwaltungscloud bietet Behörden über den Marktplatz „govdigital“ souveräne Software-Alternativen an. Microsoft-Produkte sind dort bewusst nicht vorgesehen, wie Senatsvertreter im Hamburger Digitalausschuss erläuterten.Lesen Sie auchHamburg hat sich selbst eine Frist bis zum 1. Dezember gesetzt. Bis dahin soll die Umstellung in Schleswig-Holstein evaluiert und ein Gesamtkostenvergleich erstellt werden. Stoberock verfolgt einen anderen Ansatz: „Anders als in Schleswig-Holstein wollen wir vorab in einem abgegrenzten Bereich der Verwaltung einen kontrollierten Feldversuch mit openDesk durchführen.“ Das würde eine spätere Umstellung „reibungsloser machen, als es in Schleswig-Holstein der Fall war“.Digitalminister Schrödter selbst rät zu Pragmatismus: „Anfangen und machen“, und zwar dort, „wo Lizenzen auslaufen oder ohnehin Modernisierungen anstehen“. In Schleswig-Holstein haben sie schon das nächste große Ziel vor Augen: die Ablösung vom Microsoft-Betriebssystem Windows und der flächendeckende Umstieg auf Linux. Das wäre dann der endgültige Bruch mit der amerikanischen Software-Welt.
Wechsel zu Open Source: „Die Abhängigkeit von Microsoft ist vergleichbar mit der Abhängigkeit von russischem Gas“ - WELT
Der CLOUD Act, geopolitische Spannungen und steigende Lizenzkosten setzen Europas Verwaltungen unter Druck: Während Schleswig-Holstein Microsoft bereits weitgehend ersetzt, ringt Hamburg zwischen digitaler Souveränität, Sicherheit und praktischen Risiken.






