«Nirgends wehren sich die Leute so wenig wie hier» – aus Monika Marons Tagebüchern spricht in wechselnden Zeiten die Sorge um DeutschlandVier Jahrzehnte umspannen die Notizen der deutsch-deutschen Schriftstellerin. Sie erzählen vom Überlebenskampf in der DDR und vom schwindenden Heimatgefühl im wiedervereinigten Deutschland.29.06.2026, 05.45 Uhr7 LeseminutenMonika Maron, in der DDR mit einem Schreibverbot belegt, weiss, was es heisst, wenn die Meinungsfreiheit schwindet.ImagoSie habe wahrscheinlich ein «nicht sehr anpassungsfähiges Temperament», das «in der DDR natürlich besonders herausgefordert war», hat Monika Maron einmal im Gespräch mit der NZZ gesagt. Tatsächlich besteht diese Autorin seit je auf dem Recht, ihre Meinung zu sagen. Sie ist darin furchtlos und auch ein bisschen stur. Wie man es vielleicht wird, wenn man in seiner Existenz einmal einer Staatsmacht im Zeichen der Unfreiheit gegenübergestanden hat.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Davon erzählen Marons nun veröffentlichte Tagebücher (1980–2021). Dabei markiert die Frage nach der Freiheit bis heute den Weg, den diese Schriftstellerin beschreitet. Ihre Aufzeichnungen zeugen zuallererst vom künstlerischen und persönlichen Überleben. Dabei sind sie frei von Larmoyanz in dem für Maron typischen nüchternen, oft lakonischen Stil gehalten.Was trieb die Schriftstellerin unter wechselnden politischen und persönlichen Umständen an? Woher nahm sie immer wieder die Kraft für dieses unermüdliche «Ich finde, dass man sich wehren muss, wenn man angegriffen wird»? Immer wieder erhob sie unbeirrt ihre Stimme: zuerst in der DDR; dann nach ihrer Ausreise 1988 im Westen und im wiedervereinigten Deutschland. Hier wie dort stiess sie damit auf Widerstand.Die Notizen seien nie zur Veröffentlichung gedacht gewesen, sondern zur «Selbstvergewisserung», schreibt eingangs die Autorin. Das Buch trägt einiges bei zum Verständnis von Marons Schaffen. Es beleuchtet, weshalb die Forderung nach Meinungsfreiheit unverrückbar in ihr verankert ist, worin ihr politisches Temperament wurzelt. Ihr ist jeder ideologische Windstoss, egal aus welcher Richtung er kommt, suspekt.So kritisierte Maron in den vergangenen Jahren die gesellschaftliche und politische Entwicklung Deutschlands scharf, warnte unter anderem vor der Einschränkung der Meinungsfreiheit oder vor den neuen Meldestellen, bei denen Bürger andere wegen Verstössen unter der Strafbarkeitsgrenze anzeigen sollen. Sie gab an, sich dabei zuweilen an die DDR erinnert zu fühlen. Jenen, die ihr damals in höchster Empörung vorwarfen, sie vergleiche die Gegenwart ernsthaft mit einer Diktatur, möchte man dieses Buch besonders empfehlen.Entfremdung von der DDRMaron war in der DDR eine jener unliebsamen Stimmen, die systematisch zum Verstummen gebracht wurden. Ihr Sensorium für jede Art von Redeverboten bildete sich dort heraus. Mit Rufmordkampagnen hat das woke Kulturmilieu sie deshalb in die «rechte Ecke» zu stellen versucht.Die Menschenverachtung des kommunistischen Systems gegenüber Andersdenkenden und Kritikern spricht aus der Korrespondenz mit dem DDR-Kulturbüro. Vielleicht könne er ihr sagen, wie sie sich «im Rahmen der bestehenden Gesetzlichkeit bewegen und gleichzeitig überleben» könne. «Sie können die Produkte meiner Arbeit nicht gebrauchen. Ich darf sie auch an keinen anderen verkaufen», schreibt die aus politischen Gründen drangsalierte Maron an den damaligen stellvertretenden Minister für Kultur bezüglich ihrer abgelehnten Manuskripte. Klaus Höpcke antwortet, wenn überhaupt, zynisch und gleichgültig – Handlanger eines erbarmungslosen Unterdrückungsapparats.Trotz den Zersetzungsmassnahmen schliesst Maron einen Brief mit dem Grusswort «Immer noch freundlich, aber kaum noch geduldig», das diesen Tagebüchern als Titel dient und gut passt, weil es auch ihr Ringen um Fassung spürbar macht. Der Prozess der Entfremdung und der Distanzierung indes ist nicht mehr aufzuhalten: «. . . zu diesem Land will ich nicht gehören», schreibt sie 1981. Und 1984: «Dieses Land ist unsympathisch, langweilig, humorlos, phantasielos, hässlich, stumpf, brutal. Es gibt nichts, was ich für die DDR vorbringen könnte, nichts.»Wie ein Tier im Käfig«Privat geht vor Katastrophe», formulierte in der DDR der Volksmund, wenn es galt, dem Druck im real existierenden Sozialismus etwas Selbstbestimmtheit abzutrotzen – und sei es nur im Rückzug ins häusliche Exil. Es ist ein Pyrrhussieg: eine Aufspaltung in den «privaten Menschen» und ein «DDR-Bewusstsein», wie Monika Maron einmal feststellt. Zwangslagen kratzen selbst in einem wundervoll gelegenen Landhaus irgendwann am Idyll.So schreibt Maron im Juli 1982 über den Rückzugsort an der polnischen Grenze: «Wir haben uns einen Käfig gebaut, einen wunderschönen Käfig.» So weit sei es gekommen, dass das gefangene Tier den für es vorgesehenen Käfig ablehne und sich einen eigenen baue: «Welche grössere Freiheit kann ein gefangenes Tier haben.» Und dann ein «einziges Warten»: «Worauf? Warum bin ich hier angekommen, obwohl ich hierher nie gewollt habe?»Zwischen den Zeilen ist der leise Selbstzweifel der Widerständigen herauszulesen, ob sie hier schon einbricht, hin zur weitverbreiteten Anpassung, der Assimilation aus Angst: «Nirgends wehren sich die Leute so wenig wie hier.» Bei dieser Frage nach der Selbstverantwortung der DDR-Bürger ist bis heute in der offiziellen ostdeutschen Erinnerung eine Leerstelle zu verzeichnen.Ein Jahr vor dem «Käfig»-Eintrag, 1981, erscheint im Westen Marons von der DDR-Zensur verbotenes literarisches Debüt «Flugasche». Und auch für ihren zweiten Roman gibt es «nicht wegen mangelnden Talents, sondern wegen falscher Denkungsart» keine «Druckerlaubnis», wie die Entscheidungsträger ihr vernichtendes Tun unverhohlen beschönigen.Es muss für die 41-jährige Maron ein Sommer der Desillusionierung sein. Als Schriftstellerin steht sie vor dem Nichts. Zwar hat sie mit dem Erscheinen ihrer Bücher im Westen keine Geldsorgen mehr. Aber ihre Leser im Westen, hinter der Mauer, sind wie nicht existent. Am 4. April 1982, dem Erscheinungstag ihres zweiten Buchs, notiert die Autorin: «Ich würde so gern mal zusehen, wie es verkauft wird.» Trauriges Tier im Käfig.Es sind solche Passagen, in denen mit harter Wucht nachvollziehbar wird, wie das Leben unter der Diktatur die Menschen nachhaltig beschädigte. Seit je gilt: Wer die DDR verstehen will, muss die Bücher ihrer Zeit lesen, diejenigen von Uwe Johnson oder Brigitte Reimann zum Beispiel – und nun eben die Tagebücher von Monika Maron. Deren glasklarer Blick hilft, die Verblendungen einer jüngeren Generation von Jana Hensel bis Katja Hoyer zurechtzurücken.Die Machthaber, die mit Marons faktischem Schreibverbot eine Kritikerin des Systems ausschalteten, dachten mitnichten über eine Befreiung der Frauen nach. Der angebliche «Emanzipationsvorsprung» (Hensel) bildete sich im Arbeiter- und Bauernstaat zwecks Ausbeutung der weiblichen Arbeitskräfte in eigener Sache heraus und nicht aus Liebe zur Frauenförderung.Innere FreiheitWie sehr die DDR die Menschen erniedrigte, beleuchten darüber hinaus Marons Reiseeinträge, die hier grossen Raum einnehmen. Sie sind weniger relevant in dem, was Maron in dem ihr genehmigten Reisejahr erlebt, als in dem, was sie fühlt: Sie machen die Einsamkeit, die Entmündigung und die psychischen Belastungen durch die politische Repression deutlich.Es zeigt sich hier auch, wie sehr doch Marons grosser Romanerstling «Flugasche» ihre eigene Situation reflektiert. Maron erzählt darin, wie eine junge Journalistin die Dinge kritisch betrachtet und bis zum Letzten ihren eigenen Freiraum verteidigt unter einer einengenden und kontrollierenden Staatsgewalt.Ein einziges Mal noch ist die DDR nach dem Mauerfall grosses Thema: Im Roman «Stille Zeile Sechs» (1991) rechnet die Schriftstellerin mit den kommunistischen Funktionären ab. Dann ist Schluss mit dem «DDR-Mief», wie sie das einmal nennt. Obwohl sich ihr Leben drei Jahrzehnte in Unfreiheit abspielte, hadert sie später nicht mit ihrem Schicksal. Was konstant ihr Schreiben prägt, sind Frauenfiguren, die auf ihrer Suche nach Identität den Weg der Wahrheit beschreiten und so zumindest zur inneren Freiheit finden.Maron mischt sich ein und wird zur wichtigen Stimme im deutsch-deutschen Diskurs. Nun kann sie offen Kritik üben und tut dies eindringlich. Entsprechend seltener werden die Tagebucheinträge. Am 4. Oktober 1990, einen Tag nach der Wiedervereinigung, setzt sie dem allgemeinen Jubel in West- und Ostdeutschland entgegen: «Es wird eine ganz andere Zeit werden. Eine sich an sich selbst langweilende Kultur stösst zusammen mit den Barbaren, mit Leuten, die in ihren tiefsten Seelengründen, in ihrer ganzen Existenz erschüttert sind. Die selbstzufriedenen Westdeutschen wissen noch gar nicht, wie sehr sie das spüren werden.» Nach dem gespaltenen Land ist vor dem gespaltenen Land – welche Vorahnung.Den Prozess der rasanten Annäherung hält Maron für eine Illusion. Auf der einen Seite ist da der «Phantomschmerz der Ostdeutschen»: «Das Bein ist ab, aber es tut noch weh.» Auf der anderen Seite verstört Maron die Arroganz der Westdeutschen, welche die «Folgen für die Deutschen» nach dem Krieg als «gerecht» zu bezeichnen pflegen, wohlwissend, dass die Ostdeutschen es waren, welche die deutsche Katastrophe mit vierzig Jahren Unfreiheit bezahlten.Es gibt viel Wut in den Tagebüchern: über das DDR-System, Wut darüber, nicht leben und arbeiten zu können, wie man möchte; später, in der neuen Zeit, die Wut darüber, in manchen Dingen schon wieder nicht mehr sagen zu dürfen, was man denkt.Angesichts der Grabenkämpfe in Deutschland gibt Monika Maron ihrer Irritation über die zunehmende Intoleranz gegenüber Andersdenkenden Ausdruck; sie weiss, was es heisst, wenn die Meinungsfreiheit schwindet.Was, wenn all die vielen, die sich in Deutschland nicht mehr getrauten, ihre Meinung zu sagen, es endlich doch einmal tun würden, fragt sie in einer Dankesrede bei der Verleihung des Libertatem-Preises 2025. Diese Aufforderung klingt wie ein Echoraum ihres Satzes zu DDR-Zeiten: «Nirgends wehren sich die Leute so wenig wie hier.» Am Ende sorgt sich Maron mehr um ihr Land als um sich selbst.Knapp resümiert sie im Sommer 2021 ihren Rausschmiss durch den Fischer-Verlag ein halbes Jahr zuvor. Mit diesem Tiefpunkt des literarischen Lebens in Deutschland enden die Notizen; die grosse deutsch-deutsche Schriftstellerin hält sich indes nicht lange auf damit. Sie stellt fest: «Am Ende ist alles nur mein Glück geworden.» So ist hier immer alles von der Überzeugung getragen, dass es sich zu leben lohnt, egal, was die Welt bereithält.Monika Maron: «Immer noch freundlich, aber kaum noch geduldig». Tagebücher 1980–2021. Hoffmann und Campe, Hamburg 2026. 256 S., Fr. 41.90.Passend zum Artikel