Interview«Viele AfD-Wähler wollen einen besseren Kapitalismus, einen entfesselten», sagt Schriftsteller Lukas RietzschelLukas Rietzschel stammt aus Sachsen und fragt sich, warum in Ostdeutschland gerade die Demokratie aufblüht.28.06.2026, 05.30 Uhr10 Leseminuten«Die Literatur aus Ostdeutschland ist heute viel lebendiger als jene aus dem Westen»: Schriftsteller Lukas Rietzschel.Anna-Kristina Bauer / Der SpiegelHerr Rietzschel, die neue Fussball-Serie «Elf Helden, ein Albtraum» beschäftigt sich mit der deutschen Mannschaft an der WM 1994 – dem ersten Nationalteam, das Spieler der früheren DDR aufnahm. Ein Beobachter stellt im Film lapidar fest: Damals habe sich zum ersten Mal gezeigt, dass Ost und West nicht zusammenpassten.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Matthias Sammer war interessant. Sammer gehörte zu jenen Spielern, die aus der DDR dazugestossen waren. Im Film erzählt er, wie er in eine Welt hineingeworfen wurde, die ihm völlig fremd war. Wie ihn die neue Freiheit überforderte. Wie er die Orientierung verlor, weil er aus der DDR mehr Regeln gewohnt war. Zugleich musste er sich gegen die etablierten Spieler aus dem Westen durchsetzen. Ja, was Sammer da erzählte, hat mich gerührt.Wieso?Weil ich ganz ähnliche Geschichten von meinen Eltern kenne, die sich nach der Wende in ihren Berufen auch erst einmal neu beweisen mussten. Stellen Sie sich vor, Sie wechseln die Schule und kommen als Kind in eine neue Klasse, in eine gefestigte Gruppe.War es so schlimm? Wenn man etwas kann, lässt die Anerkennung doch für gewöhnlich nicht lange auf sich warten.Wir vergessen heute gern, dass auch die BRD ihre Propaganda hatte. Der Westen war nicht zimperlich. Über Jahrzehnte hatte man den Leuten dort eingetrichtert, dass alle Menschen in der DDR grau, bieder und dressiert seien. Entsprechend wurden die Ossis nach der Wende beäugt. Der fremde Blick, selbst unter vermeintlich Gleichen, kann Scham auslösen.Aber wie gross sind die Unterschiede denn nun? Täuscht die gemeinsame Sprache über fundamentale Differenzen hinweg?Selbstverständlich sind die Menschen verschieden. Sehr verschieden sogar. Aber das sind sie ja bereits auf dem Gebiet der ehemaligen DDR. Sachsen zum Beispiel ist mit Städten wie Dresden oder Leipzig recht urban geprägt. Kultur und Wirtschaft sind dort ganz anders als zum Beispiel in Mecklenburg-Vorpommern. Und dann gibt es diese kleinen, privaten Unterschiede: Mein Vater konnte als Kind den Bayerischen Rundfunk empfangen und wurde mit amerikanischer Rockmusik sozialisiert. Meine Mutter dagegen, ähnlicher Jahrgang, die östlich der Elbe und damit ausser Reichweite westlicher Radios aufwuchs, hört bis heute deutschen Schlager.Ihr Roman stiess auf euphorische Resonanz, die Kritikerin Eva Menasse sprach vom «grossen DDR-Roman, auf den wir seit Jahrzehnten gewartet haben». Ist Ihr Buch auch als kommunikative Intervention zu verstehen? Gegen die ganzen Ossi-Klischees im Westen, den ständigen Alarmismus, der Warnung vor Polarisierung?Mich interessiert, wie die Menschen die Welt, aber auch sich selber wahrnehmen. Dass sie sich selber stets als vernünftig einschätzen, in der Mitte der Gesellschaft verorten. Polarisiert sind immer die anderen. Die Widersprüchlichkeiten, auf die man da unweigerlich stossen muss, sind Material für mich. Daraus entstehen Figuren wie Tom in «Sanditz», der Polizist, der zum Corona-Skeptiker und schliesslich zum Söldner in der Ukraine wird, weil er um jeden Preis auf der richtigen Seite, auf der Seite des Guten, stehen will. Zugleich geht es ihm natürlich auch um das Abenteuer. Was die Sache wiederum zwiespältig macht.Im Roman entwickeln Sie neben Tom zahlreiche weitere Hauptfiguren. Gab’s da auch Überraschungen beim Schreiben?Keine Überraschungen. Ich wusste immer, wohin sich die verschiedenen Figuren entwickeln sollen. Ich hatte ihre Geschichten skizziert, bevor ich den Roman zu schreiben anfing. Auch wusste ich, an welchen Punkten sich ihre Lebenswege kreuzen würden. Ich hatte in meinem Arbeitszimmer eine Karte, auf der die Figuren und ihre Beziehungen eingezeichnet waren. Ganz ähnlich wie der Kriminalpolizist, der nach dem Mörder fahndet und Fotos aufhängt und Reisszwecken in die Wand drückt.Verorten Sie sich eigentlich in einer ostdeutschen Literaturtradition?Ich glaube tatsächlich, dass es eine bestimmte ostdeutsche Erzähltradition gibt, in die ich mich gerne einordne: Uwe Tellkamp, Wolfgang Hilbig, Brigitte Reimann, aber auch Martina Hefter, Heike Geissler und Clemens Meyer. Die Literatur aus Ostdeutschland ist heute viel lebendiger als jene aus dem Westen. Dort scheint man mit dem Gesellschaftsroman abgeschlossen zu haben.«Sanditz» deckt ein halbes Jahrhundert ab. Wie machen Sie Geschichte lebendig?Die wichtigste Regel ist es, die Geschichte nicht von heute aus zu denken. Den Figuren nicht unseren Wissensstand und unsere Moral aufzudrücken. Ich musste die DDR-Kapitel im Buch so schreiben, als könnte die DDR noch ewig weiterexistieren. Viele DDR-Romane und -Filme sind schlecht, weil sie diese Prämisse übersehen und dann zum Beispiel die Stasi zu einem alles dominierenden, omnipräsenten Monster aufbauen. Das war sie tatsächlich, aber eben versteckt, wie sich das für einen Geheimdienst gehört. Im Alltag der Bürger war sie spürbar, aber kaum aktiv präsent. Da gibt es also eine nachträgliche Sichtbarmachung, die zwangsläufig mit dem real Erlebten in Konflikt steht. Deshalb missfiel vielen der Film «Das Leben der Anderen». Sie fanden ihn übertrieben. «So arg war es nun auch wieder nicht», grummelten sie.Florian Henckel von Donnersmarcks «Das Leben der Anderen» löste in den nuller Jahren eine Debatte über die DDR und die Stasi aus.imago / ZUMA PressIm Gegensatz zu Ihren Eltern haben Sie die DDR nicht mehr persönlich erlebt. Ein Handicap beim Schreiben?Mir ging es nie darum, eine allgemeine Geschichte der DDR erzählen. Ich gehe immer von der Familie aus, meiner Familie. Das ursprüngliche Interesse ist ein sehr privates, jenes an meinen Eltern, die sich in einem protestantischen Jugendlager der DDR kennengelernt haben. Meine Oma ist bis heute aktive Kirchenmusikerin. Das ist der Kern von «Sanditz».Religiosität spielt eine grosse Rolle in Ihrem Buch. Die Kirchengemeinde ist ein Zufluchtsort, der Glaube eine Kraftquelle. Etwas, das im Westen vor lauter Konsum vergessen ging?Der Liberalismus hat uns schönerweise von Zwängen befreit und uns allmählich aus allen Bindungen herausgelöst: aus der Religionszugehörigkeit, aus der Klassenzugehörigkeit, aus Ländergrenzen, Herkünften. Und dann kommt eben irgendwann der Moment, in dem man sich umschaut und merkt: Huch, das ist aber alles ziemlich einsam hier. Meiner Romanfigur Tom geht es ja auch so. An den Sozialismus kann er nicht mehr glauben, und zur Kirche findet er auch keinen Zugang.Die metaphysische Obdachlosigkeit . . . Beschäftigt Sie das auch persönlich?Auch ich habe kein Ideal, kein Lebensziel. Und ja, das beschäftigt mich schon. Zugleich treibt mich meine protestantische Arbeitsethik an. Ich hinterfrage mich ständig. Arbeite ich hart genug? Ist meine Arbeit überhaupt sinnvoll? Genügt es, wenn ich mein Leben damit verbringe, Bücher zu schreiben? Auch habe ich Mühe, das Leben zu geniessen. Die protestantische Stuckfeindlichkeit ist tief in mich übergegangen. Da beneide ich die Katholiken und ihren ungezwungenen Umgang mit Spass und Ekstase.Nun liest sich Ihr Buch allerdings so, als hätte da jemand ziemlich grossen Spass gehabt beim Schreiben.Zugegeben, das stimmt. Ich kann mir kein grösseres Glück vorstellen, als auf dem Stuhl zu sitzen und allein mit meinen Gedanken und Fingern eine neue Welt entstehen zu lassen. Bloss, da fängt’s eben schon an: Steht mir dieser Spass zu? Muss ich dieses Vergnügen nicht hinterfragen? Zugleich habe ich mit den Bedingungen zu kämpfen, unter denen ich arbeite. Dieses ständige Abstrampeln in der Selbständigkeit, die kargen Einnahmen und die Unsicherheiten.Ein Unbehagen, das Sie mit vielen Ostdeutschen teilen. Könnte es sein, dass man sich im Osten gar nie vollends auf den Kapitalismus einlassen wollte? Dass man immer auf eine angenehmere Alternative hoffte und nur mit halbem Herzen dabei war?Das sehe ich anders. Die DDR war Ende der achtziger Jahre ein zerstörtes Land. Das sahen alle. Die Flüsse, die Luft, die Bäume – alles war dreckig, alles war kaputt. In den Fabriken konnte man nicht mehr richtig arbeiten, weil die Ersatzteile für die Maschinen fehlten. Der Sozialismus hat früh jede utopische Kraft eingebüsst. Die Menschen waren daher sehr offen für eine neue Gesellschaftsform. Viele Ostdeutsche haben sich dann auch mit Leib und Seele in die Marktwirtschaft geworfen, und nicht wenige mit Erfolg. Wenn ich mich unter meinen ostdeutschen Bekannten umschaue, sehe ich einen hart erarbeiteten Wohlstand. Ein nettes Häuschen, ein hübscher Zweitwagen . . . Die Vorstellung, dass die Ossis pauschal mit dem Kapitalismus fremdeln, ist falsch. Aber zugleich werden viele Ostdeutsche unfair behandelt. Auch ich spüre diese Ungerechtigkeit.Wie das?DDR-Ausbildungen wurden lange nicht anerkannt, und die Renten waren bis vor kurzem deutlich kleiner im Osten. Auch wird in westdeutschen Familien seit Generationen viel Geld vererbt. Die meisten Ostdeutschen dagegen fingen 1990 bei null an. Der Betrag, den ich voraussichtlich einmal erben werde, ist lächerlich im Vergleich zu dem, was meine westdeutschen Freunde erwarten dürfen.Und aus dieser Enttäuschung heraus entscheiden sich die Ostdeutschen, die Alternative für Deutschland zu wählen.Moment, das ist sehr einfach und verkürzt gedacht . . . Was stimmt: Die Leute wählen aus einer tatsächlichen oder eingeredeten Enttäuschung heraus die AfD. Es gibt dafür Gründe, die in der demokratischen Regression liegen und im Rechtspopulismus als rechtem Unternehmertum. Viele AfD-Wähler wollen den Kapitalismus nicht abschaffen, sondern sie wollen einen besseren Kapitalismus, einen entfesselten. Es greift ein global zu beobachtender Libertarismus um sich: maximale Freiheit vom Staat, maximale Entfesselung der Wirtschaft. Man könnte, ganz demokratietheoretisch, sagen, dass eine Parteienlandschaft auch diese Positionen abbilden muss. Man könnte auch sagen – ich weiss um die Brisanz dieses Satzes –, dass das Erstarken der AfD auch Indikator für eine funktionierende Demokratie ist.Inwiefern?Umfragen zeigen, dass in Ostdeutschland die Zustimmung zur Demokratie ungebrochen hoch ist. Die Menschen wollen die Demokratie, nach wie vor. Sie wählen die AfD nicht, weil sie das System grundsätzlich abschaffen wollen. Mit der Gründung der AfD steigt die Wahlbeteiligung, wo wir zuvor über Politikverdrossenheit diskutiert haben. Seither kommt es in Gemeinden zu Wahlen, bei denen sich zuvor nur ein einziger Politiker um den Posten beworben hat. Polarisierung, so oft wir über ihre negativen Seiten diskutieren, kann systemstützende Effekte haben. Ganz abstrakt gesprochen, sehe ich nicht, was an dieser Entwicklung schlecht sein sollte.Finden Sie denn auch die Politik der AfD gut?Überhaupt nicht. Ich hege keinerlei Sympathien für diese Partei. Ich glaube nicht, dass die AfD das Leben der Menschen verbessern kann. Diese Partei ist denkfaul und arbeitsscheu, im Kern menschenfeindlich, und das Engagement ihrer Politiker und Funktionäre scheint sich weitgehend darauf zu konzentrieren, sich gegenseitig Pöstchen zuzuschanzen. Unmittelbar nach der Wende kam es in Ostdeutschland zu rechtsextremen Exzessen.Ist die AfD als Volkspartei das Produkt einer typisch ostdeutschen Entwicklung? Gibt es eine Verbindungslinie vom preussischen Erbe über die Neonazis von Lichterfelde bis zur AfD?Nein. Der Osten ist nicht rechtsextremer als der Westen. Gerne erinnere ich an die NPD, die im Westen ja durchaus beträchtliche Erfolge verbuchen konnte und 1969 beinahe in den Bundestag eingezogen wäre. Anderseits konnten die Sozialdemokraten und die Konservativen nach der Wende im Osten viele Wähler für sich gewinnen und teilweise lange Jahre regieren, und das mit komfortablen Mehrheiten. Die Ostdeutschen waren immer sehr treue Wähler, sehr stabil. Die Frage ist doch, wieso sie diese Treue erst vor ein paar Jahren aufgekündigt haben.Szene eines Exzesses: In Lichterfelde kam es 1992 zu rechtsextremen Ausschreitungen.Deutsche Fotothek / Martin LangerUnd was ist Ihre Antwort darauf?Dass der Aufstieg der AfD eben kein ostdeutsches, ja nicht einmal ein gesamtdeutsches Phänomen ist, sondern ein europäisches, globales. Trump und Orban, früher Berlusconi und Haider: In dieser Linie sehe ich die AfD. Die Populisten dieser Welt profitieren von den erschöpften Demokratien.Diesen Herbst sind Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt, und die Alternative für Deutschland könnte dabei erstmals in der Geschichte eine absolute Mehrheit erreichen. Manche Beobachter warnen vom Anfang vom Ende der deutschen Demokratie.Ach! Ich kann gar nicht mehr zählen, wie viele vermeintliche Schicksalswahlen im Osten ich nun schon erlebt habe. Auf diese Abgrundserzählungen habe ich nun wirklich keine Lust mehr. Denn auch diesmal wird sich Gegenprotest formieren, eine Gegenpolitisierung einsetzen. Auch diesmal werden sich die Institutionen als robuster erweisen als befürchtet. Ich fürchte etwas anderes weit mehr als eine absolute Mehrheit der AfD.Was?Dass Politiker und Institutionen in ihrer panischen Angst vor der AfD beginnen, das System umzubauen. Dass also die sogenannten etablierten Parteien mit vereinten Kräften durchzusetzen versuchen, dass es etwa immer grössere Mehrheiten braucht, um bestimmte Posten besetzen und Gesetze beschliessen zu dürfen. Die Folge wäre, dass die deutsche Demokratie an dieser Stelle verkrusten würde und es immer schwieriger werden würde, sie zu reformieren und mit neuen Ideen und Energien zu versorgen. Damit würde nicht nur das System erstarren, sondern auch die Wut und das Misstrauen der Bürger würden nochmals steigen – und das zu Recht. Denn eine Demokratie, in der ein Machtwechsel nicht mehr möglich ist, hört auf, eine Demokratie zu sein.Ist nicht der umgekehrte Fall plausibler: dass die AfD den Apparat zu ihren Gunsten umbaut, sobald sie an der Macht ist?Für einen solchen Alleingang sind die deutschen Institutionen zu stark, hinzu kommt das sehr stabile Geflecht aus Bund und Ländern. Rechtspopulisten in anderen Ländern brauchten Jahre, um ein System einigermassen zu ihren Gunsten umzubauen, und konnten auch dann einen Machtwechsel nicht verhindern. Betrachten Sie zum Beispiel Ungarn und Polen.In Ihrem Roman erwähnen Sie einen Typ Mann, der üblicherweise sehr zurückhaltend ist, während einer Fussball-Weltmeisterschaft jedoch die heftigsten Gefühle durchlebt und zu weinen beginnt. Könnte die WM Deutschland einen neuen Schub verleihen? Ein tränenseliges Wir-Gefühl kreieren? Sie meinen, so wie 1954 und 1990?Ich bin skeptisch, was die Bedeutung des Fussballs für die gesellschaftliche Stimmung betrifft. Es ist gängige feuilletonistische Praxis, den Zustand des Landes vom Zustand der Nationalmannschaft abzuleiten. Wer sonst keine Thesen hat, kann das natürlich gern machen. Die Ursachen für den Optimismus einer ganzen Gesellschaft liegen aber anderswo, wenn überhaupt. Und was die gegenwärtige WM betrifft: Mir hat die Fifa meinen geliebten Fussball leider vermiest, aus diesem Zirkus bin ich schon lange raus.Zum Roman«Sanditz»: Ein ostdeutsches EposLukas Rietzschel versammelt im Roman «Sanditz» das vielfältige Personal einer fiktiven Kleinstadt: unter anderen eine Journalistin, einen Polizisten, ein Syrer. Die Handlung erstreckt sich von der scheinbar unzerstörbaren DDR der siebziger Jahre über die Wendejahre bis zum Ukraine-Krieg. Rietzschel gelingt es meisterhaft, seinen Figuren Gefühle und nachvollziehbare Gedanken zu verleihen und sie so zu entwickeln, dass sie einem schliesslich alle irgendwie ans Herz wachsen. (lsö.)Ein Artikel aus der «NZZ am Sonntag»Passend zum Artikel