Athletisch sollen Boulder-Wettbewerbe sein, aber auch spannend zum Zuschauen. An der Schweizer Meisterschaft in Zürich gibt es nur wenige erfolgreiche Versuche. Trotzdem sind die Routenbauer zufrieden.29.06.2026, 05.30 Uhr5 LeseminutenJulien Clémence hängt mit der rechten Hand am violetten Top-Griff und jubelt ins Publikum. Gerade hat er den dritten Boulder im Final der Männer bis ganz nach oben geschafft, eine Boulder-Route von vier. Diese Punkte werden ihm wenig später den Schweizer-Meister-Titel bescheren.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Das weiss er noch nicht, denn bis zum letzten Boulder ist offen, wer auf dem Podest steht. Und die acht Athleten des Finals sind zwischen ihren Einsätzen in der Isolation, ohne Zwischenrangliste, ohne Punkteanzeige. Sie haben bis zum Ende keine Ahnung, wie gut die anderen klettern. Doch Clémence muss es spüren. Denn die Boulder sind schwierig. Und das Publikum jubelt zurück.Bouldern ist Klettern ohne Seil in Absprunghöhe. Bouldern ist Kraft, Koordination und Beweglichkeit. Und Bouldern ist das Lösen eines Bewegungsrätsels an der Kletterwand. Im Gegensatz zur Leichtathletikbahn oder zur Handballhalle sieht die Kletterwand immer anders aus. Und irgendwer muss die Probleme, die zu lösen sind, an die Wand schrauben. Dieser Irgendwer ist Daniel Saguer, der zusammen mit einem Team Boulder-Probleme baut.Der Routenbauer Daniel Saguer kennt die Athleten und weiss, wer sich wie durch die Boulder bewegen wird.Vier Boulder, vier StileZwei Tage vor der Schweizer Meisterschaft ist die Kletterwand noch leer. 25 Meter breit und 4,5 Meter hoch steht sie da unter dem Dach des Kohlenlagers im Koch-Park in Zürich. Vier Boulder-Routen haben daran Platz. Mal ist die Wand fast vertikal, mal überhängend, mal mit vielen kompliziert gebrochenen Winkeln.Saguer ist Routenbauer und Coach an der Climbing Academy Zürich in der Kletterhalle Minimum gleich nebenan, an der Schweizer Meisterschaft leitet er den Routenbau als Headsetter. Er und sein Team beginnen um 7 Uhr morgens, weil der Tag lang wird und heiss.«Manchmal weiss man genau, dass man einen speziellen Griff oder eine bestimmte Bewegungsabfolge einbauen will», sagt er, «und manchmal beginnt man einfach.» Gemeinsam mit einem Kollegen baut er die Boulder-Route ganz links, die mit den weissen und violetten Griffen, die der Schweizer Meister Clémence am Ende als Einziger toppen wird.Sie haben Vorgaben. Ihr Boulder soll der koordinativ-dynamische sein und mittelschwer. Von den acht Athleten sollen es fünf in die Zone schaffen, also in die Mitte der Route, und drei bis zum Top. Toppt ein Athlet im ersten Versuch – ein Flash –, erhält er 25 Punkte. Erreicht er die Zone im ersten Versuch, ist das 10 Punkte wert. Bei jedem Fehlversuch werden 0,1 Punkte abgezogen.Koordinativ-dynamisch bedeutet physisch nicht sehr hart, dafür mit anspruchsvollen Bewegungsabläufen. «Wir wollen zwei bestimmte Moves sehen», sagt Saguer. Vom Startgriff sollen die Athleten erst auf einem weissen, grossen, aber nicht besonders griffigen Block aufstehen. Von da sollen sie springen und sich an der Zone, einem violetten Henkelgriff, festhalten – der erste Move. Dann sollen sie schwingen wie ein Pendel, über zwei weitere weisse Blöcke zwei Schritte machen und von da das violette Top greifen – der zweite Move.Die Stile der anderen drei Final-Boulder sind: Power, ein überhängender Boulder, der viel Kraft und Körperspannung benötigt, Platte, eine fast vertikale Wand, an der man mit präziser Fussarbeit im Gleichgewicht bleiben muss, und Joker, eine Wundertüte, wo die Routenbauer machen können, was sie wollen.Viele Routenbauer sind oder waren auch sehr gute Wettkampfkletterer.Der Trend geht zurück zu mehr VielfaltEin guter Boulder muss verschiedene Eigenschaften aufweisen. Er muss attraktiv sein. Für die Athleten, die komplizierte Rätsel lösen wollen, aber auch für das Publikum, das eine Show sehen will. Mit dem Olympischwerden des Klettersports 2020 hat sich das Bouldern verändert. An den Spielen 2024 in Paris hatte fast jeder Boulder ein koordinatives Element drin. «Es gewann nicht der beste Kletterer, sondern der Beste im Geschicklichkeitsparcours», sagt Saguer. Nun entwickelt sich der Sport wieder etwas weg von den verrückten Sprüngen, hin zu mehr Abwechslung.Ein Boulder muss selektiv sein, einige Kletterer sollen in die Zone kommen, andere ans Top, weitere gar nicht reüssieren. Am Ende will man eine klare Rangliste haben. Die Athleten bringen verschiedene Voraussetzungen mit, wie die Körpergrösse, die Kraft, die Vorlieben. Und Routenbauer wie Saguer kennen diese ziemlich gut. Sie wissen bereits beim Schrauben, welcher Athlet was schaffen und wer wo rausfallen wird.Nach zwei Stunden Schrauben sind die wichtigsten Griffe an der Wand. Nun testen die Routenbauer. «Wir sind alle sehr gute Kletterer», sagt Saguer, «so gut wie die Athleten müssen wir aber nicht sein, können wir nicht sein.» Er versucht den ersten Move der weiss-violetten Route, den Sprung, und fällt. Seine Kollegen versuchen es. Und fallen. Dann schrauben sie den weissen Zwischengriff etwas um, drehen ihn, so dass die Bewegung einfacher wird. Sie versuchen es mit einem kleinen Zusatztritt. Und fallen erneut.«Wir haben diskutiert und entschieden, dass es okay ist so», sagt Saguer trotzdem. Routenbauen ist Teamarbeit. Am Wettkampftag können sie die Schwierigkeit nach der Qualifikation noch anpassen, sie wissen, welche Alternativen sie haben.Jeder Boulder hat einen anderen Look, die Kletterwand soll auch ohne Kletterer wie ein Gemälde aussehen.Bis zum Ende ist alles offenDrei von acht Athleten sollten den weiss-violetten, dynamischen Boulder im Final schaffen, so die Vorgabe. Am Ende toppt nur der Schweizer Meister. «Ja, der Final war insgesamt wohl etwas zu schwierig», sagt Saguer danach. «Aber die richtige Herausforderung zu finden, ist extrem schwierig, und die Auswirkungen der Hitze einzuschätzen, war fast unmöglich.»Dass so viele den ersten Move, den Sprung in die Zone, nicht schafften, hat ihn etwas überrascht. Dafür hat ihm der Boulder an der Platte besonders gut gefallen, wo Beinarbeit und Gleichgewicht gefragt sind. «Da haben wir noch zwei grosse Zapfen komplett ohne Reibung eingebaut, was die Athleten zu extrem präzisen Bewegungen zwang.»Mit dem Routenbau ist Daniel Saguer trotz wenigen Tops sehr zufrieden. Denn ein Boulder-Wettkampf muss auch einen Spannungsbogen haben. In einem Final starten die besten Athleten zuletzt. Es soll auf den letzten Boulder ankommen, es soll bis zum letzten Boulder offen sein, wer gewinnt. Am Ende hätten noch vier Athleten Schweizer Meister werden können. Mit Julien Clémence gewann der einzige Kletterer, der zwei von vier Bouldern getoppt hat.Griffe anschrauben, Routen testen, umbauen: Für den Männerfinal der Schweizer Meisterschaft arbeiten die Routenbauer acht Stunden lang an der Kletterwand.Passend zum Artikel
Bouldern ist Rätsellösen an der Kletterwand – und irgendwer muss sich diese Rätsel ausdenken
Athletisch sollen Boulder-Wettbewerbe sein, aber auch spannend zum Zuschauen. An der Schweizer Meisterschaft in Zürich gibt es nur wenige erfolgreiche Versuche. Trotzdem sind die Routenbauer zufrieden.
Routenbauer Saguer kreierte vier Boulder unterschiedlicher Stile; nur Champion Clémence löste den dynamischen komplett. Nach Olympischer Integration des Sports wendet sich der Fokus von extremer Akrobatik ab hin zu technischer Vielfalt und Balance zwischen athletischer Leistung und Zuschauererlebnis.







