Dass er 1933 auf einem Bauernhof in Sachsen geboren und dann dort aufgewachsen war, hörte man Gotthard Erler nicht mehr an. Seine Wahlheimat war seit 1956 Berlin. Nach einem Germanistikstudium in Leipzig unter der Ägide von Hermann August Korff, dem Autor von „Geist der Goethezeit“, und zugleich beeinflusst durch die Vorlesungen von kritischen Geistern wie Hans Mayer, landete Erler nach einigen Jahren als freier Mitarbeiter von Zeitungen und Rundfunksendern beim Aufbau-Verlag, wo er als Lektor und Herausgeber Klassiker-Ausgaben betreute.In der DDR parteilos geblieben, beförderte ihn die Wende von 1989 zum Cheflektor und die Treuhand im Jahre 1990 zum Mitglied der Geschäftsführung. Als Programmdirektor hatte Erler maßgeblichen Anteil daran, dass es gelang, den Aufbau-Verlag heil durch die Klippen verworrener Eigentumsverhältnisse in die Marktwirtschaft zu steuern. Es erfüllte ihn mit Genugtuung, dass die Unternehmensbilanz zum Zeitpunkt seiner Pensionierung 1998 schwarze Zahlen auswies.Im Gespräch mit Günter GrassSeine besondere Vorliebe galt seit jeher dem Werk Theodor Fontanes. Wegweisend für die weitere Forschung zur politischen Entwicklung des Dichters wurde 1982 die von ihm betriebene Publikation der unveröffentlichten Dissertation von Charlotte Jolles – die Autorin war in der NS-Zeit als „jüdisch versippt“ gebrandmarkt worden und wanderte kurz vor Kriegsbeginn nach England aus. Beiläufig sollten Erlers Bemühungen um Jolles’ akademische Rehabilitation ihm auch eine erste Auslandsreise nach London eintragen.Auf seine Initiative hin und aufbauend auf seiner DDR-zeitlichen Leseausgabe der Romane und der autobiographischen Schriften startete der Aufbau-Verlag 1993 die „Große Brandenburger Ausgabe“ der Werke Fontanes, die inzwischen auf annähernd 50 Bände in zwölf Abteilungen angewachsen ist. Zum Auftakt hatte er selbst die Erstedition der Tagebücher übernommen, Jahre später gefolgt von dem dreibändigen Ehebriefwechsel des Dichters mit seiner Frau Emilie.Dass Emilie Fontane aus Anlass ihres 200. Geburtstags 2024 viel Aufmerksamkeit erfahren hat, ist nicht zuletzt einer Biographie aus Erlers Feder zu verdanken. Die Mitarbeit seiner eigenen Ehefrau Therese an verschiedenen Projekten war stets gebührend auf dem Titelblatt vermerkt. Als Günter Grass für seinen Wenderoman „Ein weites Feld“ die Figur des Fontane-Wiedergängers Fonty schuf, diente ihm Erler als Gewährsmann für historische Detailtreue. Davon erzählt Erler in „Begegnungen“, einem Band autobiographischer Episoden, der noch ungedruckt ist.Ein Strom von Publikationen und eine ausgedehnte Vortragstätigkeit während seiner mehr als zweieinhalb Jahrzehnte im Ruhestand gaben Erler, ähnlich wie seinerzeit Fontane, den Nimbus eines „jungen Alten“. An seinem 90. Geburtstag konnte er noch, stehend, einen einstündigen Vortrag über die zerstrittenen Brüder und Fontane-Enthusiasten Heinrich und Thomas Mann halten und über ihre Beziehung zu dem Exil-Verleger Fritz Landshoff in Amsterdam, der selbst mit einer Arbeit über „Effi Briest“ promoviert worden war. Nun ist Gotthard Erler wenige Tage nach seinem 93. Geburtstag gestorben.