Frau Außenministerin, gerade sollen sich mehrere russische Satelliten einem finnischen Radarsatelliten auffällig genähert haben im All – ein russischer Einschüchterungsversuch?Russland nutzt eine große Vielfalt von Einschüchterungsmaßnahmen, und ich wäre nicht überrascht, wenn das, was jetzt im All geschehen ist, nicht auch ein Teil von dieser Kampagne wäre. Zudem ist es sehr unwahrscheinlich, so nah an einen Radarsatelliten zu fliegen, wenn man es nicht beabsichtigt. Aber aus finnischer Perspektive ist das alles nicht neu, sondern eher eine weitere Aufforderung für uns alle in Europa, einfach nur einen kühlen Kopf zu bewahren und unseren Kurs aus den vergangenen Jahren beizubehalten.Wenn Sie von einem kühlen Kopf sprechen: Gerade hat ihr Präsident Alexander Stubb auch vor zu viel Panik gegenüber einer russischen Bedrohung gewarnt. Es sei vielmehr Teil der hybriden Aktionen der Russen, Europa zu verunsichern. Für ihn weist aber offenbar nichts darauf hin, dass ein russischer Angriff bevorsteht, um Artikel 5 der NATO zu testen. Viele Ihrer Nachbarn im Norden sind da deutlich nervöser.Ich teile die Einschätzung unseres Präsidenten. Aus finnischer Perspektive ist das, was sich hier in den letzten Monaten und Jahren entfaltet hat von russischer Seite gar nicht neu. Das gehört lange schon zu Russlands Außen- und Sicherheitspolitik, dass sie ab und zu Schwachstellen von anderen Ländern prüfen, um sie nervös zu machen. Heute schaffen die Russen das mit hybrider Kriegsführung auch weit über die eigenen Nachbarländer hinaus. Dort ist man das vielleicht noch nicht so gewohnt, wie bei uns. Aber wir Finnen wissen, dass wir uns nicht einschüchtern lassen dürfen. Wir müssen unseren Kurs fortsetzen: weiter auf Verteidigung und Abschreckung setzen. Und auch wenn wir alle vor dem Krieg mal andere Hoffnungen hatten mit Blick auf Russland und geschäftliche Kontakte, ist jetzt absolut nicht die Zeit, wieder an Handelsbeziehungen zu denken oder an politische Beziehungen. Deutschland hat eine Zeitenwende geschafft, Europa auch. Jetzt darf es nicht wieder eine Zeitenwende geben, die uns im schlimmsten Fall in eine Situation zurückführt, wie wir sie vor dem Krieg hatten, als wir viel zu oft ein Auge zugedrückt haben, bei Moskaus Verhalten. Wir müssen weiter Druck ausüben.An wen denken Sie bei dieser Warnung?An uns alle.Ein Vorzug der langen Grenze zu Russland ist es ja, dass die finnischen Dienste einen recht guten Blick haben sollen auf die Lage in Russland – wie sehr bedrohen die wirtschaftliche Krise und die ukrainischen Drohnenangriffe tatsächlich die Stabilität in Moskau, wie sehr wirkt der Druck?Russland steckt schon seit Monaten in einer sehr schwierigen wirtschaftlichen und finanziellen Lage. In demokratischen Ländern würde das eine Krise auslösen. In einer Autokratie wie Russland wissen wir nicht einmal, ob die für September anstehenden Parlamentswahlen nicht noch abgesagt werden. Aber wichtiger als die Wirtschaftslage ist doch die psychologische Lage, und da hat es die Ukraine geschafft, dass auch in den russischen Metropolen das Kriegsgeschehen nicht mehr ausgeblendet werden kann. Das hat Auswirkungen auch bei den Eliten.Bundeskanzler Friedrich Merz sprach davon, dass sich ein Fenster der Diplomatie öffnen könne, sehen Sie das?Ich sehe das, aber bevor wir jetzt um die Wette in Moskau anrufen, sollten wir uns im Klaren sein, was wir mit einer solchen Diplomatie erreichen wollen. Natürlich wollen wir diesen Krieg beenden. Aber leider hat sich Russland bisher nicht dazu bereit erklärt, im Gegenteil. Russland hält weiterhin an den maximalen Zielen fest, nämlich nicht nur Teile der Ukraine zu erobern, sondern das Land völlig zu unterwerfen. Das können wir nicht akzeptieren und deshalb dürfen wir den Verteidigungskampf für die Freiheit der Ukraine nicht aufgeben.EU-Ratspräsident Costa hat gerade scharfe Kritik kassiert, weil er diplomatische Kontakte nach Moskau gesucht hat – zurecht?Ich finde es okay, dass man auf Beamten-Ebene Gespräche vorbereitet. Aber für Gespräche von Politikern ist die Zeit noch nicht reif. Es ist auch okay, dass sich Gruppen in Europa zusammenfinden, die sich Gedanken darüber machen, wie sie weiter vorangehen können mit Blick auf Gespräche zum Ukrainekrieg. Es darf nur nicht der Eindruck entstehen, dass wir in Europa ganz unbedingt Gespräche suchen, um einen Frieden egal unter welchen Bedingungen auch immer zu bekommen. Wir sind kein neutraler Vermittler. Wir unterstützen die Ukraine und wollen die Freiheit unseres Kontinents sichern. Dafür muss Europa dann bestmöglich vertreten sein.Wie?Erstmal müssen wir ein Mandat ausklügeln in der EU und mit engen Partnern wie Norwegen und Großbritannien, die auch große Unterstützer der Ukraine sind. Dann müssen wir festlegen, wer uns vertritt. Dabei können die E3 aus Berlin, Paris und London eine größere Rolle übernehmen oder die E5 mit zusätzlich Rom und Warschau. Es ist nur wichtig, dass die östlichen Länder und auch die nordischen da auch vertreten sind. Nicht nur deshalb, weil wir vor allem im Norden zu den größten Unterstützern der Ukraine gehören, sondern auch ganz direkt davon betroffen sind mit unseren Grenzen zu Russland und als Ostsee-Anrainer. Vor allem aber müssen wir geschlossen handeln.Kanzler Merz ist gerade bei dem E5-Treffen in Berlin auch darauf eingegangen, dass die deutsche militärische Macht wächst, was man in Europa ja ganz genau verfolgt – und er hat gesagt: „Unsere Nachbarn sollen sich sicherer fühlen, wenn Deutschland stärker wird.“ Klappt das für Sie?Ja, Finnland sieht das absolut so und wir wünschen uns nichts sehnlicher, als dass die demokratischen und europäischen Länder, unsere engsten Freunde, dass wir gemeinsam unser eigenes Gewicht tragen können für die Freiheit und die Zukunft Europas, für unsere europäische Lebensweise. Das gilt für die Verteidigung. Aber das gilt genauso gut auch für die wirtschaftliche Wettbewerbsfähigkeit, die wir jetzt ganz dringend in Europa brauchen.