In China zeigt sich die Bedeutung von Ereignissen manchmal darin, wie wenig darüber bekannt wird, wie schnell Behörden Informationen und Bilder aus den sozialen Medien löschen und jede Diskussion darüber unterdrücken. Nach diesem Maßstab dürften die Sicherheitsbehörden dem Vorfall am Freitagabend in Peking große Relevanz beimessen. Um kurz vor sechs Uhr abends war ein Kleinflugzeug mitten im Finanzzentrum CBD gegen den höchsten Wolkenkratzer geprallt. Fast einen Tag lang schwiegen Behörden und Staatsmedien, ehe der Stadtbezirk Chaoyang den Vorfall bestätigte. Weitere offizielle Äußerungen gab es seither nicht.In der nur wenige Zeilen kurzen Mitteilung ist von einem „einmotorigen, zweisitzigen Leichtsportflugzeug“ die Rede, das in der Nähe des Östlichen Dritten Rings, einer von Pekings Stadtautobahnen, mit einem Hochhaus kollidiert sei. An Bord hätte sich nur der Pilot befunden, der verstorben sei. 13 Personen seien verletzt worden, sie würden „mit aller Kraft“ behandelt. „Die zuständigen Behörden untersuchen den Vorfall“, hieß es knapp.Der Turm ist 528 Meter hoch – und Sitz großer chinesischer StaatsunternehmenDass sich lediglich der Bezirk zu den Vorgängen äußert, ist ungewöhnlich. Genannt wurde auch nicht der Turm, in den das Kleinflugzeug krachte. Es ist der Citic Tower, in dem mehrere der größten Staatsunternehmen des Landes ihren Sitz haben. Mit 528 Metern ist es das höchste Gebäude Pekings und eines der höchsten der Welt. Bei klarer Luft ist der Gigant kilometerweit zu sehen. Er ist ein Wahrzeichen und Stolz der Stadt. Unmittelbar daneben steht das ikonische Hauptquartier von Chinas Staatsfernsehen CCTV mit seinen zwei einander zugeneigten Türmen. Die Verbotene Stadt und das Zhongnanhai, das strikt abgeschottete Machtzentrum der Staatsführung, liegen nur wenige Kilometer entfernt.Am Freitag riegelten die Sicherheitsbehörden den gesamten Häuserblock um den Turm herum ab, die Zufahrten und umliegende Kreuzungen wurden am Wochenende von hunderten Polizisten, Sicherheitsleuten und Einheiten in Zivil bewacht. Fast 48 Stunden nach dem Vorfall war es weiter nur Anwohnern und Mitarbeitenden in den umliegenden Büros erlaubt, das Arenal zu betreten.Unmittelbar nach dem Vorfall kursierten Aufnahmen von heruntergestürzten Wrackteilen der Maschine, den Feuerwehrleuten und Polizisten, die sofort ausgerückt waren. Die Stelle, an der das Flugzeug in den Turm stürzte, war auf den Aufnahmen und vom Boden aus deutlich zu erkennen. Ein kleiner Teil der Glasfassade wurde beschädigt, mindestens zwei große Glaspaneele wurden zerstört. Videos und Fotos zeigen das mutmaßliche Heck der Maschine, das herunterstürzte und auf dem Boden fast unversehrt liegen blieb. Demnach handelte es sich um ein Aurora SA60L-Leichtflugzeug, das etwa so groß ist wie ein Auto.Laut dem Flugbeobachtungsdienst Flightradar24 startete die Maschine an einem kleinen Flughafen im äußersten Osten Pekings und flog zunächst einen großen Bogen. Doch anstatt zurück zum Flughafen zu fliegen, drehte der Pilot eine enge Schleife und steuerte dann auf ein Viertel südlich des Citic Turms zu. Danach endet die Datenübertragung.Die Polizei unterbindet Fotos und FilmaufnahmenIn den sozialen Medien in China wurden die meisten Spuren des Vorfalls gelöscht, Videos und Bilder sind verschwunden. Weder die Suche nach dem Citic Tower noch nach einem Flugzeugabsturz in Peking liefern Ergebnisse. Unter der Mitteilung des Bezirks Chaoyang werden augenscheinlich sämtliche Kommentare gelöscht.Am Sonntagnachmittag herrschte um den Turm bemerkenswert viel Verkehr. Autos rollten langsamer als sonst die Straße entlang und ließen teilweise die Fensterscheiben herunter, Menschen auf Fahrrädern oder zu Fuß spazierten an den Absperrungen entlang, wagten verstohlene Blicke nach hoben. Manche zeigten mit ihren Fingern auf die Stelle, in die das Flugzeug gekracht war, und die auch am Sonntagnachmittag noch deutlich zu erkennen war. Vereinzelt fragten Passanten nach dem Grund für die Absperrung und wurden von anderen durch leises Tuscheln informiert. Die Polizei ließ das weitestgehend geschehen. Sie unterbanden nur Fotos oder Filmaufnahmen des Turms und der Umgebung.Warum das Flugzeug am Freitag in den Turm stieß, ist noch unklar. Auch über die Identität des Piloten ist bisher nichts bekannt. Der Vorfall dürfte jedoch weitreichende Konsequenzen haben. In der Hauptstadt herrschen strenge Sicherheitsauflagen. Im Vergleich zu anderen Teilen des Landes gibt es mehr Sicherheitspersonal auf den Straßen, mehr Kameras und mehr Kontrollen.Erst in diesem Frühjahr wurde in der Stadt die Nutzung von Drohnen ohne Sondergenehmigung verboten. Diese dürfen weder in die Stadt eingeführt noch dort verkauft werden. An vielen Bahnhöfen mit direkten Zugverbindungen nach Peking wird vor der Mitnahme von Drohnen gewarnt. Das Land hat zudem eine der strengsten Luftverkehrskontrollen der Welt. Wie es dennoch zu dem Vorfall kommen konnte, werden Behörden nun untersuchen müssen.
China: Leichtflugzeug kracht in Pekings Wolkenkratzer
In China kracht ein Leichtflugzeug in das höchste Gebäude von Peking. Wie konnte das passieren? Im Netz werden alle Spuren gelöscht.










