Selbst das magerste aller Resultate kann manchmal eine große Party auslösen. So geschehen in Miami, wo sich Kolumbien und Portugal ein aufregendes Spiel lieferten, das allerdings ohne Tore auskommen musste. „Sin goles“, ohne Tore, hieß es am Ende, aber das war den Massen in Gelb egal. Sie tanzten und feierten ihre Spieler und die feierten mit ihnen. Das Unentschieden reichte Kolumbien, um die Gruppe K zu gewinnen. Vor Portugal, das zum Auftakt gegen die Demokratische Republik Kongo (1:1) gepatzt hatte.„Tragt euer Trikot mit Stolz“, hatte Kolumbiens noch amtierender Präsident Gustavo Petro seinen Landsleuten vor der Weltmeisterschaft zugerufen und das Volk nahm sich seiner Worte an. Auch die, die inzwischen nicht mehr in Medellin, Bogota oder an der Karibikküste leben. Viele von ihnen haben Miami als neue Heimat gewählt, die pulsierende, latainamerikanisch geprägte Metropole im Süden Floridas. Egal, ob in Little Havanna, dem South-West-District oder im schicken Coral Gables, Gelb ist dort seit Beginn der Weltmeisterschaft die dominierende Farbe auf den Straßen. Ihre Begeisterung für den Fußball haben sie mitgebracht, importiert ins Soccerland USA, wo von den Latinos der größte Teil der WM-Atmosphäre ausgeht.Kolumbiens Fans dürfen träumenViele von ihnen hatten lange gespart, um sich die Tickets leisten zu können. Spiele der Auswahl sind immer auch Familiensache. Von den Großeltern bis zu den Kleinsten fanden sich verschiedenste Generationen auf den Tribünen des Miami Stadions ein. „Fußball hat in Südamerika einen großen emotionalen Stellenwert. Manchmal ist das Trikot wichtiger als die Flagge“, sagte Kolumbiens Trainer Nestor Lorenzo, der selbst Argentinier ist. Den Aufruf des Präsidenten zum Tragen des Trikots begrüßte er ausdrücklich. „Ich glaube, er wollte damit seine Verbundenheit mit der Mannschaft und den Menschen zum Ausdruck bringen“, sagte Lorenzo.Verbundenheit und Träume, Kolumbien gibt seinen Fans gerade viel Stoff für euphorische Fantasien, Platz eins vor Portugal ist mindestens ein Hinweis darauf, dass dieser Mannschaft einiges zuzutrauen ist. Im Sechzehntelfinale wartet nun Ghana, auch der potentielle Gegner im Achtelfinale erscheint schlagbar, möglicherweise wird es die Schweiz. Portugal rutscht dagegen als Zweiter in ein unangenehmeres Klassement.Zunächst geht es gegen Kroatien, im Falle eines Sieges würde sehr wahrscheinlich Spanien im Achtelfinale warten. Trainer Roberto Martinez wollte nach dem Spiel noch nicht so recht über kommende Aufgaben reden, ähnlich wie sein Gegenüber Nestor Lorenzo. „Heute weiß ich noch nichts über Ghana. Sie haben etliche Spieler, die in Europa spielen. Wir werden jetzt beginnen, uns auf sie vorzubereiten. Sicher ist nur, dass es jetzt keine leichten Gegner mehr gibt.“Millimeter stoppen SanchezZu den neuen Schwierigkeiten dieser ausgedehnten Weltmeisterschaft gehört, dass die Vorbereitungszeit auf den Gegner zwischen Gruppenphase und Sechzehntelfinale sehr kurz ist. Einige Mannschaften kannten am Samstagabend ihren Kontrahenten noch nicht. In einigen Fällen verbleiben nur drei Tage bis zum Aufeinandertreffen. Bundestrainer Julian Nagelsmann weiß, wovon die Rede ist.Kolumbien und Portugal haben schon Gewissheit, aber das Gefühl, mit dem sie aus der Gruppenphase gehen, ist sehr unterschiedlich. Das Wort für Kolumbien übernahm ausgerechnet Portugals Trainer. „Sie haben eine sehr gute Mannschaft. Für mich sind sie keine Überraschung. Sie haben bereits in den Vorbereitungsspielen gezeigt, welche Qualität sie besitzen.“Besagte Qualität brachte Portugal an den Rand einer Niederlage. Besonders brenzlig wurde es kurz vor dem Ende. Sanchez hatte den Ball per Kopf in der ersten Minute der Nachspielzeit ins Tor befördert und das Stadion in ein Tollhaus verwandelt, aber der Lärm erstickte bald im Eingreifen des Videoassistenten. Die Technik wollte eine minimale Abseitsstellung erkannt haben, es handelte sich um die berühmte Fußspitze, die mit bloßem Auge nicht zu sehen ist und über die gerne diskutiert werden darf.Ronaldo ohne große ChancenKolumbien wäre der verdientere Sieger gewesen, weil es die besseren Chancen besaß. Immer wieder rettete Portugals Torwart Diogo Costa. „Diogo ist fantastisch, er ist für uns sehr wichtig“, sagte Martinez. Wenn der Torwart der beste Mann ist, spricht das selten für die Leistung der anderen. Kein Portugiese erwischte seinen besten Tag, auch Cristiano Ronaldo nicht. Einmal schoss er am Tor vorbei, aber da ertönte auch schon der Abseitspfiff durch den Schiedsrichter. Ronaldo spielte wieder durch, während andere Stars wie Erling Haaland oder Lionel Messi am letzten Spieltag von ihren Trainern geschont wurden.„Wir vergleichen nicht unsere Spieler mit den Spielern anderer Mannschaften, das wäre kindisch. Cristiano ist das hohe Pensum gewohnt. Für ihn ist das kein Problem, weder mental noch physisch“, sagte Trainer Martinez. Gegen Kroatien wird er einen fitten Ronaldo mehr denn je brauchen.