Frühjahr. Die Tür steht offen, schon quillt die Hitze in alle Ritzen des Raums. Ein Junge, der rennt wie ein wütender kleiner Gorilla, stürzt nach draußen und wirft sich hinter einer Reihe geparkter Autos in den Verkehr.Eine blonde junge Frau springt auf, sie erreicht die Straße im letzten Moment, hebt die Hände, zu allem bereit, um die nahenden Autos zu stoppen. Die Frauen im Seminarraum hinter der Tür schauen zu, wie sie mit dem kreischenden Kind auf dem Arm zurückkommt. Es ist still drinnen. Niemand lacht. An der Tafel über dem Konferenztisch hängt ein Plakat, Resilienzstrategien steht da. Darunter: Prioritäten. Optimismus. Emotionsregulierung.„Lässt sich Stress vermeiden?“, hat die Leiterin des Wochenendseminars für Alleinerziehende gerade gefragt, als der Junge auf die Straße stürzte. Jetzt lächelt sie und sagt: „Eine rhetorische Frage.“Die Mütter lächeln nicht. Sie sitzen um den Tisch und sind schweigsam und ernst. Die sehr junge, sehr hübsche Mutter des kleinen Wilden setzt sich wieder. Ihr Blick streift uns bloß kurz. Es ist egal, was wir denken. Die Mutter hätte sowieso keine Zeit, sich darüber Gedanken zu machen.In jeder fünften Familie erziehen Eltern ihre Kinder alleinWas es bedeutet, alleinerziehend zu sein, wissen nur diejenigen, die es betrifft. Es ist auch schwierig, darüber zu schreiben. Erstens, weil viele an Gedöns denken, sobald man anfängt, von wilden Kindern und Alltagsstress zu erzählen. Zweitens, weil Alleinerziehende selten Interviews geben. Keine Zeit. Es gibt aber 1,7 Millionen Alleinerziehende in Deutschland. In jeder fünften Familie erzieht ein Elternteil die Kinder allein. Und obwohl man wenig von Alleinerziehenden hört und sieht, haben viele von ihnen gewaltige Probleme. Im Gegensatz zu Ländern wie Schweden, Finnland und Frankreich ist es in Deutschland ein Armutsrisiko, alleinerziehend zu sein. Fast die Hälfte der Betroffenen gilt als einkommensarm.