Das mit der Musik klappt weiterhin ganz ausgezeichnet. Angeführt von ihrem Frontman Harry Kane hat die Three Lions All Star Band auch dieses Mal gemeinsam mit ihren Fans den Oasis-Gassenhauer „Wonderwall“ gecovert. Es war Stadion-Rock vom Feinsten, wenn man mal davon absieht, dass Kane so unmittelbar nach dem Schlusspfiff auf dem Rasen leider keine Gitarre zur Hand hatte. Dafür gab es für den Spieler des Tages, Jude Bellingham, als Zugabe noch „Hey Jude“ von den Beatles. Als wenig später aber Thomas Tuchel, der Trainer der Engländer, seine schönsten Eindrücke von diesem Tag zusammenfassen sollte, da redete er weder über Oasis oder die Beatles noch über die beiden Tore, mit denen seine Mannschaft Panama 2:0 besiegt hatte. Er redete stattdessen über: das Wetter.Es herrschten aber auch wirklich sehr britische Bedingungen an diesem Samstagnachmittag in New Jersey. Nieselregen, 23 Grad. „Das perfekte Wetter für uns, um Fußball zu spielen“, sagte Tuchel. Für die rund 80 000 Zuschauer in diesem größtenteils nicht überdachten Stadion war es nicht ganz so perfekt. Sie verfolgten die Ereignisse auf dem Rasen unter knapp 80 000 Regen-Ponchos, was die Unterscheidung zwischen dem rot-weißen Fanblock Englands und dem rot-weißen Fanblock Panamas zusätzlich erschwerte. Erst ganz am Ende ahnte man: Diejenigen, die den Text von Wonderwall auswendig mitgrölen konnten, das müssen die Engländer gewesen sein, und alle anderen die Panamaer.Es gab aber noch ein weiteres Rätsel, für das man sich von diesem Spiel zumindest einen Lösungsvorschlag versprochen hatte, nämlich das Rätsel um die wahre Qualität dieses Tuchel-Teams. Am Ende, als die wichtigsten britischen Popsongs gesungen waren, war man allerdings wieder nicht viel schlauer als zuvor. Mit ihrem Sieg im ersten Gruppenspiel gegen Kroatien hatten sich die Engländer den Ruf erarbeitet, endlich wieder ein ernsthafter Titelkandidat sein zu können. Mit einem ernüchternden 0:0 gegen Ghana schienen sie diesen Eindruck aber sogleich wieder relativieren zu wollen. Im dritten Spiel zeigten sie nun ein bisschen was von beiden Seiten. Zunächst eine eher uninspirierte erste Halbzeit, in der die Trink- und Werbepause ausnahmsweise mal keinen Flow unterbrach, weil da kaum etwas war, das hätte unterbrochen werden können.Dem aber folgte eine zweite Halbzeit, in der Tuchels Mannschaft insofern wie ein Titelkandidat auftrat, als sie exakt so hoch sprang, wie sie springen musste, um dieses Spiel mitsamt dieser Vorrundengruppe zu gewinnen. Einmal Ecke/Tor, einmal Flanke/Kopfball/Tor. Erst traf Jude Bellingham, obwohl der sich im Klammergriff seines Gegenspielers Jorge Gutiérrez befand. Und wenige Minuten später verwertete Kane eine Bellingham-Hereingabe. Es waren zwei Treffer aus dem Buch mit den besonders einfachen Fußball-Rezepten. Viel mehr hatte England an diesem Tag gegen einen erstaunlich widerspenstigen Gegner aus Panama nicht anzubieten. Es waren vor allem fünf besondere Bellingham-Minuten, die den Unterschied ausmachten. Und Tuchel fand, dass deshalb niemand ein schlechtes Gewissen haben müsse: „Es ist kein Problem, wenn solche Spiele sich eng anfühlen“, sagte er.Da war aber nicht nur eine gefühlte Enge. Selbst nach dem Doppelschlag der Engländer gaben sich die Panamaer nicht auf. Sie kamen zu einem halben Dutzend guter Chancen und erzielten durch José Fajardo auch das schönste Tor des Tages, das allerdings wegen einer Abseitsstellung im Millimeterbereich aberkannt wurde.Panama verlässt ohne Punkte und Tore die WM, aber verlangt England viel ab„Sie hatten ein paar kleine Momente“, sagte Harry Kane in leichter Untertreibung der Tatsachen. Kane selbst hatte auch einen kleinen Moment und damit jetzt insgesamt elf WM-Treffer auf dem Sammelkonto. Er zieht in der ewigen Torschützenliste mit Jürgen Klinsmann und dem Ungarn Sándor Kocsis gleich. Vor allem aber liegt er nun vor Gary Lineker und ist damit ab sofort der erfolgreichste WM-Torschütze aus dem Mutterland des Fußballs. „Good“, sagte Tuchel, als er darauf angesprochen wurde. Da schwang zwischen den Buchstaben aber auch mit: Auf die Tore in den nächsten Spielen wird es ankommen.England hat es schadlos ins Sechzehntelfinale geschafft und trifft dort am Mittwoch in Atlanta auf die Demokratische Republik Kongo. Dennoch bleibt von dieser Vorrunde neben dem Oasis-Revival auch der Eindruck zurück, dass es so eher eng werden dürfte mit dem ersten WM-Titel seit 1966. Das war durchaus auch aus den Fragen der britischen Sportpresse herauszuhören, als der deutsche Trainer zum Kreuzverhör erschien. Tuchel begegnete der Skepsis mit dem Satz: „Fußball verkompliziert sich ungemein dadurch, dass ein Gegner mitmacht.“In diesem aktuellen Fall hatte er jedenfalls völlig recht. Die Spieler Panamas mögen ohne Punkte und Tore von dieser Weltmeisterschaft abreisen. Aber wer miterlebt hat, was sie den Kanes und Bellinghams dieser Welt im perfekten Regenwetter von New Jersey abverlangten, der weiß: So wie die geschlagenen Panamaer sehen keine Verlierer aus.