The Offline ClubDie digitale Dauerberieselung bringt viele Menschen an ihre Grenzen. Ausgerechnet die Generation Z beginnt jetzt, Widerstand zu leisten. Sie legt das Smartphone weg. Zu Besuch im «Offline Club».28.06.2026, 05.30 Uhr12 LeseminutenEin Mittwochabend im Mai. Das Zürcher Grossmünster erhebt sich vor einem pastellfarbenen Himmel. Trotz sommerlichen Temperaturen wirken die Gassen des Niederdorfs menschenleer. Während die meisten nach der Arbeit nur noch nach Hause wollen – aufs Sofa, zu Netflix –, haben sich im Debattierhaus «Karl der Grosse» zwei Dutzend junge Menschen versammelt. Sie sind hier, um gemeinsam zu basteln. Mit fremden Leuten. Und ohne Handy.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Gleich bei der Ankunft im holzgetäferten Erkerzimmer werden die Gäste gebeten, ihre Handys stumm zu schalten und im Phone-Hotel zu deponieren, einem weissen Kasten mit nummerierten Fächern. Eine Managerin ist nach einem Tag voller Termine froh, ihr Gerät für zwei Stunden loszuwerden. Eine junge Mutter muss noch kurz im Whatsapp checken, ob sich ihre Babysitterin gemeldet hat, und ein Student braucht das Handy, um unten an der Bar seine Maté-Limo zu bezahlen.Irgendwann haben es alle geschafft, sich von ihrem Smartphone zu trennen, das Handy-Hotel wird abgeschlossen. Zögernd bahnen sich erste Gespräche ihren Weg. «Hello, are you here for the first time?» – es wird Englisch gesprochen. Unterdessen haben alle Gäste an einem der fünf Tische Platz genommen, darauf verteilt liegen alte Magazine, Origamipapier, Klebepailletten, Pinsel, Farbtuben, Leimstifte und Scheren. Mit alledem soll eine Collage gebastelt werden oder, wie es hier heisst, ein «vision board».«Diinnng» – ein heller, glockenartiger Ton, der lange im Raum nachklingt, lässt den freundlichen Singsang des Kennenlernens verebben. Am Fenster steht Eldrid Funck, die Gründerin des Zürcher Offline Club und Host des heutigen Bastelworkshops. In den Händen hält die grossgewachsene Frau im gemusterten Sommerkleid kleine tibetische Zimbeln aus Bronze. «No worries», sagt sie mit sanfter Stimme, «das wird der einzige spirituelle Moment dieses Workshops sein, wenn ich die Zimbeln schlage.» Sonst geht es an diesem Abend um etwas viel Handfesteres. Nämlich darum, miteinander in Verbindung zu treten.Man könnte das rührend finden: Zwei Dutzend erwachsene Menschen, die sich wie Kinder zum Basteln verabreden und einen Abend mit Leimstift und Schere verbringen. Doch dem zugrunde liegt reine Notwehr. Was hier stattfindet, ist eine kleine Rebellion.Das «asoziale Jahrhundert», so nannte der amerikanische Journalist Derek Thompson erst kürzlich die Zeit, in der wir leben: Es ist anstrengend geworden, einander zu begegnen. Schuld daran soll vor allem das kleine Gerät sein, das an diesem Abend stumm geschaltet im weissen Kasten schlummert.Seit das erste iPhone von Apple 2007 auf den Markt kam, versprechen die smarten Geräte, die Menschen ultimativ zu verbinden. Knapp zwanzig Jahre später sieht es so aus, als ob sie uns das Verbinden abgewöhnt hätten. Erstaunlich nur, wer nun dagegen aufbegehrt: Es sind nicht in erster Linie die Älteren, die noch wissen, wie das Leben davor war. Sondern die Jungen, die Smartphones und Tablets um sich haben, seit sie auf der Welt sind.Unterwegs wie ZombiesEldrid Funck ist 1981 geboren. Die Kommunikationsexpertin hat sich ihr erstes Handy mit 18 Jahren gekauft. «Ich bin froh, bin ich noch in den Genuss einer analogen Kindheit gekommen», erzählt die 44-Jährige in der Workshop-Pause. «Heute schauen wir ständig auf diesen Bildschirm. Das Handy nimmt uns jede Möglichkeit, uns zu verbinden.» Nicht nur mit anderen Menschen, sondern auch mit der Umgebung, mit der Natur, mit Kunst, mit einem Buch, einer Handarbeit. «Und am Ende mit sich selbst.» Wie oft sei sie durch Ausstellungen gelaufen, mit gezücktem Telefon, um tolle Bilder zu machen, statt sich länger auf die Gemälde einzulassen. Oder bei Konzerten auf die Musik. «Smartphones trennen uns von unserem Umfeld, sie wirken wie eine Barriere. Schauen Sie sich einmal im Tram um: Wir sind unterwegs wie Zombies.»Sie selbst sei durch ihren Beruf in der Marketing- und Kommunikationsbranche schon ständig am Bildschirm. Hinzu kämen die Stunden, die sie in ihrer Freizeit in den sozialen Netzwerken verbracht habe. «Ich konnte es irgendwann nicht mehr kontrollieren, löschte mehrmals die Instagram-App.» Beruflich sei sie aber darauf angewiesen.Es grenzt an Ironie, dass Funck ausgerechnet beim Scrollen auf Instagram auf den Offline Club gestossen ist. «Da war diese handyfreie Leseparty auf einer Dachterrasse mitten in Amsterdam, alle sahen so entspannt und zufrieden aus», erinnert sie sich. Sie war sofort begeistert von der Idee, mit solchen Veranstaltungen analoge Inseln für digital übersättigte Menschen zu schaffen.Gegründet wurde der Offline Club 2024 in Amsterdam von drei befreundeten Mittzwanzigern, die zunehmend unter der ständigen digitalen Reizüberflutung litten. Sie organisierten Digital-Detox-Retreats und stellten fest, dass die Auszeit von den Geräten sie kreativer und konzentrierter in die neue Woche starten liess. Doch der positive Effekt auf ihr Wohlbefinden verschwand meist schon nach wenigen Tagen im Strudel von Arbeit und Pflichten. Deshalb wollten sie das Offline-Sein nicht nur zweimal im Jahr an einem Wochenende zelebrieren, sondern dieses Gefühl in den Alltag integrieren. «Ein wichtiger Gedanke», sagt Eldrid Funck. Einer, der den Offline Club von der Digital-Detox-Bewegung unterscheidet, weil er einen Schritt weiter geht. «Die Weltflucht über das Wochenende reicht nicht mehr.» Es gehe nun darum, das Offline-Sein bewusst in das tägliche Leben zu integrieren. Und es damit wieder zu normalisieren.Ein Bedürfnis, das offenbar immer mehr Menschen teilen. Nach dem Lese-Event in Amsterdam wuchs der Account der Niederländer über Nacht um 100 0000 Follower. Unterdessen gibt es den Offline Club in sechzehn Städten rund um den Globus, von Hamburg über Istanbul bis Bali. Und seit letztem November auch in Zürich, ins Leben gerufen von Eldrid Funck.Seither hat sie etwa einen Reading-Rave auf dem Zürcher Sechseläutenplatz veranstaltet. An einem sonnigen Samstag im April sassen rund fünfzig Menschen auf den Treppen vor dem Opernhaus. Männer und Frauen, die sich noch nie gesehen hatten, vertieften sich dort für neunzig Minuten in ihre mitgebrachten Bücher. Funck verwandelte auch schon ein städtisches Tram in eine handyfreie Zone. Auf der Fahrt waren die Abteile voller Menschen, die zusammen Uno spielten, strickten, lasen, sich kennenlernten. Oft müsse sie neugierigen Passanten erklären, was hier vor sich gehe, sagt Eldrid Funck. «Das zeigt doch, wie ungewöhnlich es ist, wenn Menschen im öffentlichen Raum einmal nicht ihr Smartphone vor der Nase haben, sondern echte Menschen.»Hundert Mal das Handy checkenChatten und Scrollen, KI-Chatbots und Social-Media-Kanäle – die Reflexe von vielen Menschen sind inzwischen darauf trainiert, ihr Handy in jeder erdenklichen Situation zu zücken. Durchschnittlich bereits hundertmal am Tag, mal, um nur die Uhrzeit abzulesen, oder einfach so, um Wartezeit zu überbrücken. Langeweile endet oft im sogenannten Dopamin-Scrollen, dem stundenlangen Durchforsten sozialer Netzwerke auf der Suche nach dem nächsten Kick. Und das Bedürfnis, die düstere Weltlage zu verstehen, führt zum zwanghaften Konsum schlechter Nachrichten. Doomscrolling – ein Wort, in dem das drohende Unheil bereits enthalten ist.Laut neuen Studien der britischen Telekomfirma Virgin Media O2 verbringt ein Durchschnittsengländer fast fünf Jahre seines Lebens mit Scrollen am Handy. Und in mehr als einem Drittel dieser Zeit geschieht das ganz ohne Absicht und Ziel. Geht man davon aus, dass Kinder mit zehn Jahren ihr erstes Smartphone bekommen und das Durchschnittsalter 88 Jahre beträgt, werden im schlimmsten Fall rund 1700 Tage des Lebens mit Scrollen verschwendet.Obwohl Social Media nicht allein für steigende psychische Belastungen verantwortlich ist, gaben in der diesjährigen Studie von Pro Juventute mehr als die Hälfte der befragten Schweizer Jugendlichen an, dass es ihnen schwerfällt, das Handy wegzulegen. Die Folgen des übermässigen Konsums können Angststörungen, Aufmerksamkeitsdefizite bis hin zu Depressionen sein. Doch zuoberst auf der Liste steht die soziale Isolation.Anfang des Jahres 2025 war erstmals vom «antisozialen Jahrhundert» die Rede. Der amerikanische Journalist Derek Thompson, eine wichtige Stimme zu den Themen Digitalisierung und Technologie, beschrieb in seinem Essay «The Anti-Social Century» für das Magazin «The Atlantic», wie Restaurants, Bars, Läden und Kinos leer bleiben, weil sich Menschen zunehmend ins Private zurückziehen. Er zeigte auf, welche Auswirkungen das auf die Gesellschaft hat. Und auf unser Beziehungsverhalten.Nach der Covid-Pandemie, die Millionen Menschen zu staatlich legitimierten Stubenhockern machte, folgte die Einsamkeits-Pandemie, deren Auswirkungen laut der Weltgesundheitsorganisation (WHO) so schädlich sein sollen wie starkes Rauchen. Trotzdem verführen immer mehr neue Technologien dazu, das Leben weiter zu optimieren und noch bequemer zu machen. Es lebt sich eben gut in den Komfortzonen einer hyperindividualisierten Gesellschaft, in der jedes Bedürfnis vom Markt befriedigt wird.Wer schlecht schläft oder Nackenverspannungen hat, dem liefert der Algorithmus sofort die Lösung: Eine Flut von Empfehlungen für ergonomische Hightech-Kopfkissen. Man leidet an gebrochenem Herzen? Schon schwemmen Hilfestellungen von KI-Chatbots herein, die im Gegensatz zur besten Freundin auch nachts um zwei Uhr Zeit für ein Krisengespräch haben.Die Psychologie hat dafür einen Begriff: antisozial. Er beschreibt den freiwilligen Rückzug. Menschen ziehen sich zurück, weil es anstrengend geworden ist, sich mit anderen atmenden, sprechenden oder gar leidenden Menschen auseinanderzusetzen. Es ist eine Art erlernte Sozialphobie, eine Faulheit im Umgang mit den eigenen Artgenossen. Und so werden Anrufe kaum noch entgegengenommen, stattdessen wird getextet. Eine Studie der University of Arizona zeigt, dass von 2005 bis 2019 in jedem folgenden Jahr 338 Wörter pro Tag weniger gesprochen wurden, bei jungen Menschen sogar 451 – bei durchschnittlich knapp 13 000 Wörtern pro Tag.Es geht aber noch asozialer. Man nimmt die Treppe, wenn bereits jemand im Lift steht, lädt keine Freunde spontan zum Essen ein, weil die Wohnung gerade nicht vorzeigbar ist. Am Flughafen wird ein Uber gerufen statt der Freund in der Nähe mit dem Auto. Und für den Umzug beauftragt man eine Zügelfirma, statt Kollegen zu bitten, ob sie beim Möbelschleppen helfen. Dabei bilden eben diese kleinen Freundschaftsdienste den Kitt unserer Gemeinschaft.Doch nun scheint es, als ob eine ganze Generation gerade verlernt, wie man sich im echten Leben begegnet. Eine ganze Generation? Nicht ganz, da ist diese kleine, schnell wachsende Gruppe von Menschen, die gerade dabei ist, diese Fähigkeit zurückzuerobern.In den analogen Modus wechselnIm Erkerzimmer, beim Collagen-Workshop, läutet das «Diiinnngg» der Zimbeln die Ruhephase ein. Es dauert eine Weile, bis an den Tischen niemand mehr spricht. Nur noch Flüstern und Bastelgeräusche. Zwischendurch steht jemand auf, um am Nachbartisch die Schere auszuleihen. Irgendwann ist auch das Flüstern verstummt, nur noch konzentriertes Papierzerreissen ist zu hören. Und leise Jazzmusik aus der Boombox.«Wie möchtest du dich in deinem Leben öfter fühlen? Bei welchen Menschen, an welchen Orten oder in welchen Momenten fühlst du dich am meisten wie du selbst? Wofür wird dir dein zukünftiges Ich dankbar sein?» Diese Sätze stehen in Englisch auf einem Flipchart in der Ecke. Eldrid Funck hat sie im Vorfeld aufgeschrieben. Sie sollen Gäste inspirieren, die nach einem langen Arbeitstag Mühe haben, in den analogen Modus zu wechseln, oder die einfach schon lange nichts mehr gebastelt haben. Zwischen Leimstift und Seidenpapier geht es plötzlich um nichts Geringeres als das zukünftige Ich.Egal, ob beim Collagenbasteln, beim Journalschreiben oder beim Hören von Vinylplatten, das Konzept im Offline Club ist immer gleich: Handy abgeben, eine Stunde Ruhezeit, in der man sich selbst beschäftigt, herunterfährt, um sich in der zweiten Stunde, der Social Time, mit anderen auszutauschen. Wenn man das denn möchte. «Es geht bei uns für einmal eben nicht darum, etwas zu leisten oder zu performen», sagt Funck. Diesen Druck, den viele heute nicht nur im Beruf, sondern auch als Mutter, Vater, Freund, Freundin oder Partner verspüren, sollen die Gäste genauso an der Garderobe zurücklassen wie ihr Smartphone.Wieder die Zimbeln. Sie läuten den Übergang in den sozialen Teil des Abends ein. Langsam erwachen die Gespräche an den Tischen wieder. Yuliana, 22, kurzer brauner Pony, schwarzer Satin-Jupe und Turnschuhe, klebt das Wort «connection» zuoberst auf ihre Collage. Sie hat das Wort in dicken schwarzen Lettern aus einem Modemagazin gerissen.Klar könne sie auch zu Hause basteln und Jazzmusik hören, sagt Yuliana. «Aber in dieser Runde, wenn alle dasselbe machen, kann ich mich viel besser konzentrieren.» Zu Hause sei die Gefahr gross, dass sie am Handy hängen bleibe. «Vor allem, wenn ich frustriert bin oder mich einsam fühle, fällt es mir schwer, nicht nach dem Smartphone zu greifen.» Yuliana kam vor vier Jahren aus der Ukraine in die Schweiz. Hier lässt sie sich zur Mediamatikerin ausbilden und arbeitet acht Stunden pro Tag am Bildschirm. In ihrer Freizeit fotografiert sie und betreibt einen Wander-Blog, allein deshalb ist sie viel auf Instagram. «Regelmässig lasse ich mich ablenken und lande immer tiefer im Social-Media-Strudel.»Das Smartphone ist für Menschen wie Yuliana, geboren 2003, oft das Erste, was sie morgens in die Hand nehmen, um News und Nachrichten von Freunden zu checken, und das Letzte, was sie vor dem Einschlafen sehen. Auch bei Yuliana ist es nicht etwa ihr Freund, der neben ihr bereits schläft, weil er keinen Tiktok-Account hat. Für das angefangene Buch, das neben ihr liegt, ist sie auch zu müde. Lieber widmet sich Yuliana der Vielzahl vermeintlicher Möglichkeiten, die auf dem kleinen Bildschirm in ihrer Hand vorbeiziehen.Yuliana gehört der Generation Z an oder, wie diese in amerikanischen Medien oft genannt wird, den Zoomern, ein Wortspiel, das sich auf die Boomer bezieht, die Generation ihrer Grosseltern. Für Zoomer waren Smartphones da, seit sie zum ersten Mal ihre Mama angelächelt haben und diese den Moment in den Sozialen Medien geteilt hat. Sie haben bereits als Zweijährige «Pingu»-Filmli auf Papas Handy geschaut und «Chasperli» auf Spotify gehört. Zwischen 9 und 10 Jahren bekamen sie ihr erstes Smartphone, das ist der Schweizer Schnitt.«Ich merke, wie ungesund das für mich ist», sagt Yuliana. Sie fühle sich nach acht Stunden am Bildschirm zunehmend unglücklich. «Einfach nicht so gegroundet.» Seit ein paar Monaten legt sie darum einmal pro Woche einen Smartphone-freien Abend ein. Dann lässt sie ihr Handy zu Hause, geht im Wald spazieren oder trifft sich mit Freunden am See. Etwa zweimal im Monat kommt sie zudem in den Offline Club. «Es ist wie ein kleines Fest nach der Arbeit», sagt Yuliana. Hier hat sie Leute kennengelernt, die wie sie regelmässig herkommen. Unter Gleichgesinnten kann sie entspannen, kreativ werden, mit anderen plaudern – ohne irgendetwas zu müssen.Töpfern, Porträts malen, Schmuck basteln: Einst waren solche Workshops etwas für Kinder, unterdessen steigt die Nachfrage vor allem bei Erwachsenen. Gerade in Städten sehnen sich Menschen, die den grössten Teil ihres Tages am Bildschirm verbringen, danach, in ihrer Freizeit wieder etwas mit den Händen zu machen. Vielleicht auch, um für ein paar Stunden die Nachrichten zu vergessen, die im Minutentakt auf ihrem Smartphone eintreffen.Soziale AnalphabetenDer Offline Club und ähnliche Veranstaltungen sind nur ein Teil einer weltweit wachsenden Gegenbewegung zur permanenten digitalen Vernetzung.Der radikale Zweig dieser Bewegung nennt sich «Luddites», nach dem Vorbild der Ludditen in England Anfang des 19. Jahrhunderts. Damals lehnten sich Textilarbeiter angesichts der fortschreitenden Industrialisierung gegen die Einführung von Maschinen auf. Aus Angst, von ihnen ersetzt zu werden. Die Ludditen von heute wenden sich aus nicht minder existenziellen Gründen von der digitalen Welt ab: damit sie soziale Wesen bleiben. Sie tauschen ihr Smartphone gegen ein sogenanntes Dumbphone ohne Apps und Internet oder leben gleich ganz handyfrei. Sie treffen sich zum Carambole- und Schachspielen, lauschen in einer Listening-Bar den Klängen von Vinylschallplatten und fotografieren wieder auf Film. Hauptsache, so analog wie möglich.Was als kleine Freak-Bewegung startete, findet zunehmend Nachahmer. Ihre Anhänger eint die Überzeugung, dass die toxischste Beziehung in ihrem Leben die zu ihrem Handy ist.Gerade an Universitäten fällt der Wandel auf. Das Studentenleben mit seinen Partys und spontanen Begegnungen galt lange als sozialer Schmelztiegel, da wurden Kontakte fürs Leben geknüpft. Das hat sich verändert. «Anstatt Socializing zu machen, laufen Studenten mit Blick auf ihr Handy über den Campus, scrollen während einer Liftfahrt durch Instagram, kleben in den Hörsälen am Laptop», so beschrieb es kürzlich ein Student in einem Artikel der «Washington Post». Sie wissen nicht mehr, wie man Freundschaften knüpft und wie Gemeinschaft entsteht. Der junge Mann brachte das Gefühl seiner Generation in einem Satz auf den Punkt: «Wir sind soziale Analphabeten.»Um dem entgegenzuwirken, organisieren nun Hochschulen wie die New York University mitten in Manhattan Spielabende und Tavolate, an denen die Smartphones in einem Beutel verschwinden. Damit Studierende sich wieder im echten Leben austauschen, kennenlernen und Zeit verbringen. «Unser Ziel ist, den Studierenden kollektive Begeisterung zu vermitteln, jene positive Energie, die nur durch das gemeinsame Erleben entstehen kann», so erklärt die Universitätspräsidentin im selben Artikel die analoge Offensive.Aber brauchen Zoomer wirklich von Boomern eine Anleitung fürs Beisammensein? Wohl kaum.Menschen wie Yuliana sind längst dabei, ihre eigenen Formen des Offline-Seins zu erfinden. Gut möglich, dass ausgerechnet die vollständig digital aufgewachsene Generation jene ist, die den Kipppunkt zurück zum Analogen herbeiführen wird. Und bis es so weit ist, löschen Zoomer weiterhin ihre Dating-Apps und treffen sich in Cafés mit Freunden zum Kartenspielen. Während sich die Boomer zu Hause in den Schlaf scrollen.Ein Artikel aus der «NZZ am Sonntag»Passend zum Artikel