Ein britischer Kirchenhistoriker zeigt: Bei Sex hält es die Kirche nicht mit JesusDairmaid MacCullochs untersucht die rigide kirchliche Sexualmoral. Sein Buch zeigt, wie wenig die Kirche dabei die Bibel zum Massstab nimmt. Ein neues Standardwerk.Michael Meier28.06.2026, 05.30 Uhr3 LeseminutenDer auferstandene Jesus wollte nicht berührt werden, so lautet die Legende. A. R Meng malte das Motiv «Noli me tangere» um 1770.PDHeuchelei und Fremdenfeindlichkeit haben Jesus weit mehr beschäftigt als sexuelles Verhalten: Kein Wort zu Homosexualität, Masturbation oder zur Stellung der Frau, nur zur Ehescheidung. Geht es um Sex und Gender, ist die Bibel ein stumpfes Instrument. Dies die provokanteste These in Dairmaid MacCullochs Standardwerk: Die rigide Sexualmoral der Kirchen kann sich nicht auf Bibel und Jesus berufen.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Auch gibt es keine einheitliche christliche Lehre zur Sexualität, vielmehr eine Fülle divergierender Ansichten. Der lateinische Westen ging andere Wege als der griechische Osten, beide sind von den jüdischen und hellenistischen Kulturen beeinflusst. Der britische Kirchenhistoriker zeichnet nach, wie sich die Auffassungen zu Ehe, Zölibat, Polygamie und Geschlechterrollen im Laufe von drei Jahrtausenden gewandelt haben. Schon im ersten Jahrtausend galten Enthaltsamkeit und Jungfräulichkeit mehr als die Ehe. Im 11. Jahrhundert verfestigte sich diese zum kirchlich kontrollierten Sakrament. Zugleich wurde das Mönchtum, auch ohne biblisches Fundament, immer wichtiger.Sein stupendes Wissen präsentiert der emeritierte Oxford-Professor, Diakon der Kirche von England und Gay-Aktivist mit Akribie und Witz. Von früheren berühmten Sexualgeschichten wie jenen von Karlheinz Deschner oder Uta Ranke-Heinemann unterscheidet er sich, indem er sie in die grossen Linien der Religionsgeschichte einbettet. Nicht ohne pikante Episoden mit Ironie zu erzählen, etwa die unglückliche Liebe des Erasmus zu einem Mit-Mönch oder die Vision der Mystikerin Katharina von Siena, die Jesu Vorhaut als Ehering trägt.Zur Staatsreligion geworden, diktierte im Christentum die Kaste keuscher Kleriker der Gesellschaft ein rigides Patriarchat. Über all die 750 Seiten hinweg zeigt der Autor, wie schwer sich die Kirche mit gleichgeschlechtlichen Beziehungen und der Gleichberechtigung der Frau tat und zum Teil immer noch tut. Nur in Zeiten von Veränderung und Unordnung entwickelten sich nichtautorisierte Formen weiblicher Führung. Im 18. Jahrhundert dann kam es zur Privatisierung der Lebensmodelle, auch der sexuellen. Mit der sexuellen Revolution der 1960er Jahre verlor die Kirche dramatisch an Einfluss und trug ihre internen Konflikte um Sex und Geschlecht nur umso vehementer aus.«In der modernen Welt ist die am häufigsten zu hörende Tonalität in der Religion die des wütenden Konservatismus», konstatiert MacCulloch. Die Wut führt er auf die tiefgreifende Verschiebung der religiös definierten Geschlechterrollen zurück. Die traditionelle Männlichkeit sehe sich durch Homo-Ehe, Feminismus und die Vielzahl von Identitäten im Bereich von Sex und Gender akut bedroht. Beredt schildert der Autor im Kapitel «Sex als Waffe in der Politik» die «Ökumene der Rechten», in der der fundamentalistische Islam, Amerikas Maga-Christen und Putin mit der orthodoxen Kirche als Komplize auf der politischen Bühne für die alten Normen kämpfen.MacCullochs Bilanz: Die Kirche habe Fragen der Sexualmoral nicht durch biblische Textauslegung, sondern auf der Basis des Naturrechts behandelt. Es ist nur konsequent, wenn er an die Christen appelliert, «moralische Fragen durch eine flexiblere und kreativere Betrachtung des Naturrechts zu diskutieren», gestützt auf die neuesten Erkenntnisse zu Verhalten und Biologie des Menschen.Diarmaid MacCulloch: Niedriger als die Engel. Eine Sexualgeschichte des Christentums. C. H. Beck 2026. 752 S.Ein Artikel aus der «NZZ am Sonntag»Passend zum Artikel
Neues Standardwerk zeigt: Bei Sex hält es die Kirche nicht mit Jesus
Dairmaid MacCullochs untersucht die rigide kirchliche Sexualmoral. Sein Buch zeigt, wie wenig die Kirche dabei die Bibel zum Massstab nimmt. Ein neues Standardwerk.






