Man müsse das verstehen, sagt Mane dann. Vor geraumer Zeit habe ihn ein spanischer Journalist aufs Glatteis geführt. Der habe herbeifantasiert, dass er, Mane, einen Wechsel des Sohnes zu Real Madrid favorisiere, und dann habe es große Verwirrung gegeben. Doch siehe: Nach drei ausdrücklichen Angeboten, das Gespräch wieder abzubrechen, bleibt Mane Díaz sitzen, erzählt von diesem und von jenem und taucht zwischendurch ab in die mysteriöse Welt der Guajira, wo Barrancas liegt, der Geburtsort von Luis Díaz. Bis Mane Díaz irgendwann hinter die Lehne des riesigen Sessels schaut, in dem er sitzt – und aufschreckt: „Wo ist jetzt eigentlich meine Frau hin?“Mane Díaz ist nicht nur der Vater von Luis, der die kolumbianische Nationalmannschaft am Wochenende bei der Fußball-WM in Miami im letzten Gruppenspiel gegen Portugal aufs Feld führen wird. Er ist längst selbst eine Figur des öffentlichen Lebens geworden. Ganz sicher des kolumbianischen, ein wenig auch schon des bayerischen.Lionel Messi:Der beste Spaziergänger der FußballgeschichteMit zwei Treffern gegen Österreich bricht Argentiniens Genie den WM-Torrekord. Im Vorruhestandsalter könnte er auf dem Weg zum besten Turnier seiner Karriere sein – dank seiner ökonomischen Spielweise.Mal ist Mane Díaz die Werbefigur einer kolumbianischen Supermarktkette, dann wieder ist er bei Instagram der Vater, der vor dem Nationaltrikot des Sohnes kniet und Gott vor den WM-Spielen um Beistand bittet. Dann wieder lässt er seine Follower – er hat Hunderttausende – an den Feiern der Selección Colombia im Mannschaftshotel teilhaben und herzt, mit der Kamera im Selfie-Modus, die Spieler nach erfolgreicher Schlacht. Beim FC Bayern hat er bei Titelfeiern bereits auf der Bühne getanzt und gesungen; beim DFB-Pokalfinale in Berlin betrat er den Ballsaal an der Seite von Trainer Vincent Kompany.Mane Díaz ist aber nicht nur ein Faktotum. Er ist vor allem ein Sänger. Ein Komponist und Interpret von Vallenatos, um genau zu sein, die zu den Kulturgütern Kolumbiens gehören und – auch wenn andere Regionen Kolumbiens dies in Abrede stellen – in der Guajira das Licht der Welt erblickt haben sollen.Luis Díaz hat mit Kolumbien beide bisherigen Spiele gewonnen, ein Tor vorgelegt und eines selbst erzieltWer eine Ahnung davon bekommen will, was ein Vallenato ist, der muss sich den kubanischen Tanzstil Son und den dominikanischen Merengue als Verwandte vorstellen. Er muss sich vor allem vor Augen führen, was Gabriel García Márquez, der verstorbene Literaturnobelpreisträger, über seinen Roman „Hundert Jahre Einsamkeit“ sagte: „Er ist nichts anderes als ein 450 Seiten langer Vallenato.“ Die literarische Entsprechung dessen, „was die Vallenato-Autoren mit ihren Musikinstrumenten tun“.Nämlich: durch die Dörfer fahren, von Ereignissen erfahren, die nur wahr sein können, um sie dann in der ganzen Region zu verbreiten. Singend. Und unter Begleitung eines Akkordeons, „das unsere Gefühle runzeln lässt“, wie García Márquez einmal sagte.Die Vallenatos, mit denen der längst verstorbene Schriftsteller aufwuchs, stammten aus präkommerzieller Zeit, und er schätzte an ihnen, dass sie ihre Geschichten auf die gleiche Weise „erzählten, wie das meine Großmutter tat“.Der Vallenato, den Mane Díaz mit dem Akkordeonisten Danni Salazar unter dem Titel „Mi Tricolor“ aufgenommen hat, ist ein wenig anders. Er kreist nicht um ein Ereignis. Er ist – „¡Gol, gol, gooool!“ – eine Liebeserklärung an die Selección Colombia, an die „Tricolor“, an den Sohn, der übrigens auch schon ein paar Ausflüge in die Musik unternommen hat: Er hatte einen kleinen Auftritt bei „El Ritmo Que Nos Une“ und hat ein eigenes Lied namens „La Promesa“ aufgenommen. Wie soll man sagen: Auch bei dieser WM zeigte Luis Díaz, dass er sich auf Fußball besser versteht. Bislang gab es zwei Siege für Kolumbien, gegen Usbekistan (3:1) und DR Kongo (1:0). Díaz, der bislang nur auf dem Rasen so kreativ ist wie der Vater und nicht im Aufnahmestudio, erzielte dabei ein Tor und lieferte eine Vorlage.Mane Díaz erzählt, es sei alles andere als ein Zufall, dass er sich der Musik hingegeben habe: „Meine ganze Familie ist Musik. Die Guajira ist Musik. Jeder ist dort Komponist oder Sänger oder spielt (Percussion-) Instrumente wie ich: Caja, Guacharaca, Conga.“ Und ehe man die Schlaginstrumente notiert hat, schwappt ein Tsunami an Namen von Verwandten aus Díaz' Mund. Es ist eine so unendliche Liste, dass man meinen könnte, Mane Díaz erschaffe gerade ein neues Macondo, wie die fiktive Stadt aus García Márquez' Meisterwerk heißt. Und er zwinge sein Gegenüber dazu, im Kopf verzweigte Stammbäume nachzuzeichnen, die kein Mensch verlässlich vortragen kann.Außer natürlich Mane Díaz.Er erzählt, dass auf der einen Seite die ganzen Britos seien, mit denen er teilweise verwandt sei: „Carlos Brito, Monche Brito, Romualdo Brito, der ein großer Komponist war, und Segundo Brito, der gerade den Vallenato in die nächsten Generationen hinüberrettet.“Ecuadors 2:1 gegen die DFB-Elf:Die gelbe Eruption mündet im Trainerjubel des JahresEin Coach, der wie ein Heavy-Metal-Musiker abgeht, und ein Team, das gelernt hat zu leiden: Ecuador zelebriert den Sieg gegen Deutschland als größtes WM-Spiel seiner Historie – mit Sätzen aus dem Literaturseminar.Auf der anderen Seite: die Díaz. Vor allem Leandro Díaz, der ein Cousin des Opas von Luis Díaz gewesen sei und in Kolumbien als der Homer des Vallenato gilt. Er war von Geburt an blind, „weil Gott zu sehr damit beschäftigt war, meine Seele mit Augen zu versehen“, wie er einmal sagte, und doch entwickelte er eine Fähigkeit, die nach magischem Realismus in Reinform klingt. Er konnte wie kein Zweiter in der ganzen Guajira die mal gebirgigen, mal dürren Landschaften beschreiben und natürlich besingen.Mane Díaz erinnert aber auch an Luis Guillermo Díaz, an den verstorbenen Daniel Díaz und an „Ponchito“ Díaz, der „ein versierter Instrumentalist ist und zwei singende Brüder hat“, die seine, Mane Díaz' Vettern seien: „Vor allem ist da aber auch mein Vater Jacob, der ebenfalls Komponist war und vorzüglich Guacharaca spielte.“ Guacharaca ist ein Rohr, das mit einer Reibegabel gespielt wird, und gehört zur Familie der Idiophone.Acht Kinder zeugte der heute fast 90-jährige Jacob Díaz, „vier Weiblein und vier Männlein“, wie Mane Díaz präzisiert, und solange der Rücken hielt, beackerte er das Land, so wie es sein eigener Vater getan hatte. Er habe Gemüse und Obst angebaut, Bananen, Yuca, Mais und Chili, er habe Bohnen gesät und Koriander geerntet, Malanga und Kaffee. „Eigentlich mussten wir nur Reis kaufen, und manchmal nicht einmal das, denn ein Bekannter hatte ein Reisfeld“, sagt Mane Díaz.„Unsere Familie kommt aus bescheidenen, wir könnten sagen: armen Verhältnissen“, sagt Mane DíazEs ist nicht nur, aber wohl auch der Stolz des Bauernsohnes, der ihn zürnen lässt, wenn er unvermittelt erwähnt, dass da jemand vor Jahren in die Welt gesetzt habe, sein kickender Sohn Luis sei als Kind unterernährt gewesen.„Unsere Familie kommt aus bescheidenen, wir könnten sagen: armen Verhältnissen“, sagt Mane Díaz. „Aber an Essen hat es uns nie gefehlt, und wenn es sein musste, haben meine Frau und ich Opfer gebracht.“ Doch daran, dass Luis Díaz in jungen Jahren so dünn war, dass sie ihn „Fideo“ riefen, die „Nudel“, ist nichts zu deuteln.Allein: Die Wahrheit ist, dass Luis als Kind nicht nur nicht unterernährt, sondern sogar kräftig, ja dick war. Sagt Mane Díaz. Nur: Er sei plötzlich auf mysteriöse Weise erkrankt und ebenso plötzlich dünn geworden. Weil sie „ihm das trockene Auge gemacht haben“, sagt Mane Díaz. Das ist eine Bemerkung, die einer anthropologischen Übersetzung bedarf, weil ihr Wortsinn keinen Sinn ergibt und sich die Poesie womöglich nicht auf den ersten Blick erschließt.Pure Wissenschaft halt.Auch Didier Paz, einem Physiotherapeuten, der mit Díaz in der kolumbianischen Nationalelf zusammengearbeitet hat und gerade an einer Biografie des Fußballers arbeitet, war dies nicht geläufig. Doch er brachte in Erfahrung, dass die Geschichte existiert, Luis Díaz sei Opfer eines Rituals geworden, das in südlicheren Teilen des Landes unter dem Rubrum „böser Blick“ firmiere, im Norden eben unter „trockenes Auge“. Eine Erklärung: Luis Díaz habe so viel Energie verströmt, dass jemand fürchtete, er könne anderen schaden.Pure Wissenschaft eben.Was in den Folgejahren geschah? Luis Díaz ging in die Fußballschule, die sein Vater vor über 30 Jahren gründete und die heute als gemeinnützige Stiftung firmiert. Und der Vater half dem Sohn dabei, ein besserer Fußballer zu werden. Luis Díaz wurde so gut, dass er 2015, als 17-jähriger, zur „Copa América der indigenen Völker“ in Chile eingeladen wurde, obwohl er gar nicht zum Volk der Wayúu gezählt werden kann, denen die Guajira einst gehörte. Aber was machte das schon. Wichtig war: Luis Díaz triumphierte.Der FC Barranquilla wurde daher auf ihn aufmerksam. Und ehe ihm „sein schlanker Konstitutionstyp, der an den Radfahrer Nairo Quintana erinnert“, wie Paz sagt, zum Verhängnis werden konnte, weil er in den Zweikämpfen körperlich unterlegen war, zog Luis Díaz weiter zum anderen Klub der Stadt, Junior Barranquilla.Luis Díaz trainiere täglich Kraft mit Gewichten, sagt sein VaterDort arbeitete er noch gezielter an seiner Physis, am Aufbau von Muskulatur, an einer förderlichen Ernährung. Zugleich verhinderte sein Biotyp, dass die Muskelmasse wuchs, dass einzelne Fasern dicker wurden, sagt Paz. Er wisse, dass Luis Díaz noch immer mit Gewichten arbeite, jeden Tag. Der erste Einrichtungsgegenstand in Díaz' Haus sei bei jedem Standortwechsel eine multifunktionale Gym-Station, an der er täglich arbeite. „Er ist sehr fokussiert, strebsam, sehr diszipliniert und organisiert“, sagt Papa Mane Díaz.In diesen Wesenszügen erkennt Mane Díaz den tieferen Grund dafür, dass sein Sohn beim FC Porto, dem FC Liverpool und dem FC Bayern so gut ankam und ankommt. „Er ist immer beliebt gewesen – bei seinen Trainern, seinen Mitspielern, in den Städten, in die er gezogen ist. Unser Stolz ist, dass Luis Kolumbien verlassen hat und es kein einziges Land gibt, das ihn nicht liebt. Dass er den Namen Kolumbiens hochhält und ein guter Repräsentant seiner Heimat ist.“Mane Díaz selbst kam das mindestens einmal zupass. Ende Oktober 2023, als er auf offener Straße von einem Kommando der linksextremen Guerrilla-Organisation „Ejército de Lineración Nacional“ (ELN) entführt wurde. Nicht nur er, auch seine umgehend freigelassene Ehefrau Celia erlitten einen gehörigen Schrecken.Die Welle der Empathie, die Luis Díaz und seinem Vater Mane damals entgegenschlug, war gigantisch. Erst recht, nachdem Luis Díaz nach einem Tor für seinen damaligen Klub Liverpool das Trikot hochzog und ein T-Shirt zeigte, auf dem „Libertad para Papá“ stand, „Freiheit für Papa“.11. Mai 2023: Luis Díaz fordert im Trikot des FC LIverpool die Freilassung seines Vaters Mane. Zac Goodwin/PA/ImagoEs brach den Entführern das Genick.„Schau dir an, was dein Sohn gemacht hat“, hätten die Entführer gesagt, erzählte Mane Díaz vor ein paar Monaten einem Podcast namens Conducta Delictiva (Kriminelles Verhalten): „Jetzt müssen wir dich so schnell wie möglich übergeben.“ Nach insgesamt zwölf Tagen Gefangenschaft war Díaz Senior wieder frei.Seither genießt er das Leben, den Sohn und aktuell in Nordamerika die WM.Er wisse nicht mehr, was er gedacht habe, als er Luis, seinen zweiten Sohn, erstmals in den Armen gehalten habe. Er vermute, sagt Mane, er habe gehofft, sein Sohn werde die Zukunft sein. So sei es dann ja gekommen. Luis habe sein Leben verändert, wirtschaftlich, psychologisch, spirituell. Vor allem aber ist er nun der berühmteste Kolumbianer und bereit, Cristiano Ronaldo herauszufordern und alles dafür zu tun, damit Kolumbiens „Tricolor“ als Gruppenerster in die K.-o.-Phase einzieht. „Luis ist gut drauf“, sagt Mane Díaz. Das kann für die Partie gegen Portugal eine Menge bedeuten.