Dieser Schüler hat seine ganz eigene Zauberflöte dabei, auf dem Weg, der ihn nach Frankfurt, zum Ensemble Modern und zu Frank Zappa führt. Sein Musiklehrer hört ihm beim Blockflötenspiel zu und findet, der Junge habe „eine gute Luft“. Also vermittelt er dem Fünftklässler einen Lehrer. Daraus wird aber nichts. „Ich bin dreimal bei ihm gewesen und habe geklingelt“, erinnert sich Dietmar Wiesner. Geöffnet habe keiner. Also gibt ihm der Musiklehrer eine Querflöte zum Üben. Für Wiesner ein Glücksfall. „Der Lehrer, den ich dann hatte, war ein wunderbarer Mensch und wichtig für meine Jugend.“In einem schlichten Büroraum des Ensemble Modern im Osthafen erzählt der heute 71 Jahre alte Flötist und Mitbegründer des Ensembles von seinem Weg zum Profimusiker. Von den Eltern, die ihm trotz knapper Mittel Privatunterricht ermöglichen. Von seinem Studium in Detmold. Von finanziellen Sorgen in den Anfangsjahren. Und von Frankfurt, wo er zu einer der prägendsten Figuren für zeitgenössische Musik werden sollte.Alles beginnt am 30. Oktober 1980, im Kammermusiksaal des Deutschlandfunks in Köln: Musiker der Jungen Deutschen Philharmonie spielen Schönberg, Webern und andere Komponisten. Das klingt neuartig, aufregend, experimentell. Solche Formationen gibt es bislang nur in Paris und London. Das Konzert gilt als Geburtsstunde des Ensemble Modern. Wiesner ist von Anfang an dabei.Zeichnung Alfred Schüssler„Dass ich im Studium über Komponisten lernte, mit denen ich später zusammenarbeitete, hätte ich nie gedacht“, sagt er. Das Ensemble Modern wird rasch international bekannt. Wiesner nennt Projekte mit Jazz-Größen wie Anthony Braxton und Ornette Coleman, mit den Komponisten Karlheinz Stockhausen und Heiner Goebbels. Ein großes John Cage Festival. Und natürlich: Frank Zappa.Arbeit mit Frank Zappa „hat wahnsinnig viel Spaß gemacht“Der Musiker aus den USA träumt davon, Rock mit Klassik zu verbinden. Das Ensemble Modern erfüllt ihm, und sich selbst, den Traum. „Wir haben gesagt, wir kommen nach Los Angeles. Wir nehmen keinen Pfennig dafür. Nur Reise und Unterkunft werden bezahlt. Und wir stehen dir zwei Wochen zur Verfügung.“Zappa ist damals schon schwer krank, er hat Prostatakrebs. „Aber er hatte noch so viel Energie“, erinnert sich Wiesner. „Er hat entweder geschlafen oder gearbeitet, dazwischen vielleicht mal ein Sandwich gegessen.“ Geprobt wird in der Garage oder in Zappas Wohnung. „Das hat wahnsinnig viel Spaß gemacht.“ Zappa nimmt alles auf, ein Notenlektor transkribiert die Aufnahmen abends. Daraus entsteht „Yellow Shark“, Zappas letztes Album vor seinem Tod im Dezember 1993, und ein Meilenstein der orchestralen Musik, das in der Alten Oper uraufgeführt wird.Rhythmik, Dynamik, Laute im FußballstadionDietmar Wiesner vermittelt Schülern in Workshops zeitgenössische Musik.Frank RumpenhorstDie Vermischung der Genres und Kunstformen fasziniert Wiesner an neuer Musik. Frankfurt wird für ihn zum Ort dieser Verbindungen. Sogar seine spätere Frau, eine Bühnenbildnerin, lernt er bei der Arbeit an einem Stück von Samuel Beckett kennen. Die Begeisterung für Oper und Theater teilen sie bis heute. Für Wiesner bleibt Offenheit prägend, als Berufsmusiker vor allem in der Sprache der Musik.Dabei kann für Wiesner alles Musik sein. Sogar Fußball. Rhythmik, Dynamik, Publikum. In der Nähe des Dortmunder Stadions aufgewachsen, besucht Wiesner heute manchmal Eintracht-Spiele. Seinen unkonventionellen Zugang zu Musik vermittelt er auch in Workshops.Wiesner ist eines der ältesten Ensemble-Mitglieder. Ans Aufhören denkt er aber noch nicht. Neben eigenen Projekten, Hörspielen und Kompositionen fördert er Nachwuchs. Wichtig sei, Neugierde zu wecken, für Musik zu öffnen.Wiesner selbst hatte Glück, dass er als Schüler vor verschlossener Tür stand. Für ihn hat sich bald eine ganze Welt geöffnet.