In Abu Dhabi kursiert die Geschichte über eine Loyalitätsweltkarte. Dort, so heißt es, markiere die Regierung der Vereinigten Arabischen Emirate andere Länder – je nachdem, wie entschieden und tatkräftig sie die Golfmonarchie im Irankrieg unterstützt haben. Tatsächlich spielt diese Frage bei der zukünftigen Ausrichtung emiratischer Außenpolitik eine entscheidende Rolle. „Die Beziehungen des Landes werden gerade einer Neubewertung unterzogen“, erklärt Nadim Koteich, ein Beobachter mit engen Kontakten in die Regierung. „Und dabei wird eben genau hingeschaut, auf wen sich die Emirate verlassen könnten – und auf wen nicht.“Der Krieg war eine einschneidende Erfahrung für das Land. „Es war die größte Herausforderung seit seiner Gründung 1971“, sagt Koteich. Mehr als jedes andere Land waren die Emirate in der bewaffneten Konfrontation unter iranischen Raketen- und Drohnenbeschuss geraten. Jetzt zieht die Führung ihre Lehren daraus.Die gesamte Nachbarschaft ist dabei, ihre strategische Ausrichtung neu zu justieren. Die Monarchen am Golf stehen allesamt vor ähnlichen Problemen. Eigentlich würden sie sich lieber den volkswirtschaftlichen Umbauarbeiten widmen, um unabhängiger von den Öleinnahmen zu werden. Dafür brauchen sie Ruhe. Doch die Golfstaaten haben durch den Krieg erfahren müssen, dass sowohl Abschreckung als auch Entspannungspolitik gegenüber Iran weniger verlässliche Ergebnisse bringen. Sie haben gelernt, dass Bündnisse weniger absolut sind und Krisen schwieriger zu beherrschen. Sie wollen unabhängiger werden vom Schutz der Vereinigten Staaten, die an Vertrauen eingebüßt haben.Gemeinsam mit Israel hatte Präsident Donald Trump einen Waffengang entfesselt, den die arabischen Golfstaaten eigentlich vermeiden wollten. Jetzt will Trump einen Ausweg aus der Konfrontation erzwingen, was ebenso Skepsis hervorruft.Rubio will in Abu Dhabi Bedenken zerstreuenDie von Teheran und Washington ausgehandelte Absichtserklärung für einen Waffenstillstand behagt den arabischen Herrschern am Golf nicht, wie es von mehreren Beobachtern in der Region heißt. Trump habe viel versprochen, sogar einen Regimewechsel. Aber kaum etwas gehalten. Es herrscht in den Führungen wenig Appetit auf eine Fortsetzung der Konfrontation. Es herrscht aber ebenso wenig Vertrauen in eine dauerhafte Ruhe.Die Golfstaaten sehen ihre Sicherheitsinteressen in Gefahr. Dabei geht es nicht nur um den iranischen Griff nach einer Atombombe. Sie wollen, dass das iranische Raketenprogramm keine Bedrohung mehr darstellt, ebenso wenig die Schattenarmee Teheran treu ergebener arabischer Milizen. Es herrscht in einigen Führungen außerdem Sorge, dass Iran Zugriff auf die Straße von Hormus behält, weil auch in dieser Frage weiter Ungewissheit herrscht. „Über die freie Schifffahrt durch die Meerenge sollte man eigentlich gar nicht verhandeln“, sagt Mohammed Baharoon, der Chef der in Dubai ansässigen Denkfabrik B’huth. Gerade ist die Wasserstraße aber wieder Schauplatz eines Machtkampfes.Mohammed Baharoon im Dezember 2025 in DohaPicture AllianceDer amerikanische Außenminister Marco Rubio versuchte diese Woche während einer Reise an den Golf die Bedenken zu zerstreuen. Er musste eine Vereinbarung verteidigen, die der Präsident nachdrücklich unterstützt. Trump spielte auf dem G-7-Gipfel zum Beispiel die Bedeutung des iranischen Raketenarsenals herunter, dessen Vernichtung er in seinen ersten Kampfansagen angekündigt hatte. Raketen seien „nicht das Problem“, sagte Trump. „Die tun gelegentlich weh, aber die jagen den Planeten nicht in die Luft.“Washington werde nichts tun, was die Sicherheit seiner langjährigen Verbündeten in der Region untergrabe, versicherte Rubio nun am Golf. In einer gemeinsamen Erklärung der Vereinigten Staaten und des Golf-Kooperationsrates (GCC), dem wichtigsten regionalen Zusammenschluss, ist von dem „gemeinsamen Ziel“ die Rede, „Iran daran zu hindern, jemals eine Atomwaffe zu entwickeln oder auf andere Weise zu erwerben“. Man wolle außerdem „das gesamte Spektrum der Bedrohungen durch Iran“ angehen, „einschließlich seiner ballistischen Raketen, Drohnen und der Unterstützung von Stellvertretern in der Region“.Die Emirate verfolgen einen anderen Kurs als ihre NachbarnDoch auch wenn die arabischen Golfstaaten in solchen Zielen übereinstimmen, sind sie gespalten in der Frage, wie sie diese am besten erreichen. Die Emirate grenzen sich am deutlichsten ab. Sie steuern einen zunehmend auf Eigeninteressen und Eigenständigkeit zielenden Kurs an. Die Führung in Abu Dhabi hält nicht damit hinter dem Berg, wer in der außenpolitischen Bewertung schlechte Noten bekommt. Dazu gehört zum Beispiel der GCC. Anwar Gargasch, außenpolitischer Berater der Führung in Abu Dhabi, hat vor einiger Zeit dessen „schwache Leistung im Angesicht einer historischen Herausforderung“ betont. Die Emirate haben ihre Arbeit im GCC schon sichtbar herabgestuft.„Ich glaube nicht, dass in näherer Zukunft eine ranghöhere Person als der Außenminister zu Gipfeltreffen reist“, sagt ein gut vernetzter Beobachter in der emiratischen Hauptstadt. Stattdessen setzt Abu Dhabi auf engere Beziehungen zu Ländern wie Südkorea oder Frankreich, von denen die Emirate große Unterstützung dabei erhalten haben, den iranischen Dauerbeschuss zu bewältigen.Wie sich die Emirate von ihren Nachbarn abgrenzenVor allem aber grenzen sich die Emirate deutlich von ihren Nachbarn ab, wenn es um das Verhältnis zu Israel geht. Die arabische Führungsmacht Saudi-Arabien schaut – ebenso wie das Emirat Qatar – mit großer Skepsis auf die aggressive Politik der Regierung von Ministerpräsident Benjamin Netanjahu. Sie sehen den Aufstieg Israels zum militärischen Hegemon in der Region mit Unbehagen und im Regierungschef einen Störenfried, der die Region mit seinen Kriegen destabilisiert. Riad und Doha arbeiten daher enger mit Mittelmächten wie Pakistan oder der Türkei zusammen, um ein Gegengewicht zu bilden.Abu Dhabi hingegen setzt auf engere Kooperation. Mehrere gut in Abu Dhabi vernetzte Quellen bestätigen Berichte, laut denen Israel den Emiraten während des Krieges moderne Raketenabwehrsysteme bereitgestellt hat. Demnach waren in diesem Zusammenhang auch israelische Militärvertreter in den Emiraten. Außerdem berichten Insider von enger Geheimdienstzusammenarbeit und Koordinierung, was die Ziele von Luftangriffen betrifft. Israelische Regierungsvertreter loben die Zusammenarbeit in Kriegszeiten, auch beim Ausfliegen israelischer Staatsbürger aus den Emiraten. Sie sehen in der Folge große Möglichkeiten für noch engere Kooperation – sei es in Sicherheitsfragen oder in Wirtschaft und Handel.Vergeltungsangriffe auf Ziele in IranDoch solche Nähe ist heikel angesichts des Unmuts in der Region über Netanjahu und seine von Extremisten durchsetzte Regierung. Als das Büro des israelischen Regierungschefs Mitte Mai einen ursprünglich geheim gehaltenen Besuch in den Emiraten meldete, wies die Führung in Abu Dhabi das umgehend zurück. Diskret gingen die Emirate auch mit einem anderen delikaten Thema um: den Vergeltungsluftangriffen auf Ziele in Iran, die erst später bekannt wurden. Sie sollten, wie es in Abu Dhabi aus regierungsnahen Quellen heißt, ein Zeichen aussenden, dass man sich nicht alles gefallen lasse. Hardliner wie der emiratische Politikwissenschaftler Abdulkhaleq Abdullah zeigten sich „stolz“ darüber.Dass sich die Beziehungen zur Islamischen Republik bald wieder entspannen, daran scheint in Abu Dhabi niemand wirklich zu glauben. Die Führung ist weniger als andere in der Region gewillt, dem Regime in Teheran entgegenzukommen. Iran habe jedwedes Vertrauen verspielt, hat auch der emiratische Präsidentenberater Gargasch gesagt. Es hat zwar Kontakte zwischen hohen Sicherheitstechnokraten beider Länder gegeben. Als Zeichen der Entspannungspolitik will die emiratische Führung das aber nicht verstanden wissen.„Iran hat das deutliche Signal erhalten, dass es als Feind angesehen wird“, sagt Fachmann Nadim Koteich. Zwar strebe die emiratische Regierung danach, die Lage zu entschärfen, erklärt er. „Sie glaubt jedoch nicht mehr an ein friedliches Zusammenleben ohne klare und überprüfbare Mechanismen, die verhindern, dass es zu unprovozierten Aggressionen Irans kommt.“ Aus der Führung in Abu Dhabi kommen ebenfalls Töne, die den Wunsch nach Entspannung ausdrücken – die aber im Umgang mit Iran die Notwendigkeit eigener Abschreckungsfähigkeit hervorheben.Stärkung der eigenen RüstungsindustrieDie Emirate treiben auch in dieser Frage ihre Unabhängigkeit voran. Sie stärken eine eigene Rüstungsindustrie, etwa was die Abwehr von Drohnen und Raketen betrifft. Auch Saudi-Arabien und Qatar fördern die heimische Rüstungsindustrie. Von ausländischen Beobachtern wird die Vermutung geäußert, dass die defensive Ausrichtung dieser Bestrebungen irgendwann aufgegeben werden könnte. „Es ist gut möglich, dass man in der Region zu dem Schluss kommt, auch die offensiven Fähigkeiten zu stärken“, sagt ein Diplomat.Zumindest herrscht am Golf noch immer Skepsis, dass der Konflikt mit Iran schnell beigelegt werden kann. Westliche Beobachter sagen, trotz aller zur Schau getragenen Stärke und Zuversicht sei die emiratische Führung besorgt und beunruhigt über die Konfrontation. Ein jahrelanger Konflikt mit andauernden iranischen Nadelstichen könnte der Wirtschaft des Landes enorm schaden und ausländische Investoren abschrecken. Das Geschäftsmodell des Landes basiert darauf, als Hort der Stabilität zu gelten – sei es als Tourismusdestination oder als Standort für Zukunftstechnologien.Und die Emirate sehen eine grundsätzliche Feindschaft zur Islamischen Republik. Reem al-Haschimi, die emiratische Staatsministerin für internationale Kooperation, sagte in einem Fernsehinterview auf die Frage, warum Iran ihr Land besonders stark unter Beschuss genommen habe: „Wir sind alles, was sie nicht sind.“ Der Konflikt mit Iran sei „kein taktischer Konflikt, sondern einer der Modelle“, erklärt auch der Denkfabrik-Direktor Mohammed Baharoon. „Deshalb wird er weitergehen.“
Irankrieg: Wie sich die Emirate jetzt strategisch ausrichten
Die Golfstaaten ringen nach dem Irankrieg um ihren außenpolitischen Kurs. Die Emirate gehen eigene Wege – und suchen die engere Kooperation mit Israel. Das ist heikel.








