Zu den Lieblingswörtern von Leo Neugebauer gehören „cool“ und „solide“. Zwei Begriffe, die beim ersten Hören nicht zusammenzupassen scheinen. Lässig und entspannt gegenüber zuverlässig und ordentlich. Doch bei Neugebauer fügen sich die Begrifflichkeiten wie selbstverständlich zu einem stimmigen Gesamtbild. Gerade weil er seinen Job als Zehnkämpfer so fundiert gelernt hat und gewissenhaft ausübt, kann er es sich leisten, das Leben so unverkrampft anzugehen.An diesem Wochenende tritt Neugebauer beim Zehnkampf-Meeting in Ratingen auf. Er wird dort zum ersten Mal an den Start gehen und „freut sich sehr“, dabei zu sein. Als persönliches Ziel gibt der Weltmeister aus, „einen coolen Zehnkampf abzuliefern“.Angesichts der Hitzewelle in Deutschland, die am Samstag mit Temperaturen über 40 Grad Celsius kulminieren wird, ist cool bleiben kein leichtes Unterfangen. Doch der in Texas lebende Athlet ist an Hitze gewöhnt und macht sich keine Sorgen wegen der äußeren Bedingungen.„Genug trinken, genug essen, genug Elektrolyte zu sich nehmen“Seine Präventionsmaßnahme: „Genug trinken, genug essen, genug Elektrolyte zu sich nehmen“. Neugebauers Leitlinie basiert auf dem Prinzip der Vorbeugung: „Wenn man da ins Hintertreffen kommt, kann es einen in den Hintern beißen.“ Gerate der Athletenkörper ins Defizit, sei es schwer, solide Leistungen abzuliefern.Neugebauer, seit vergangener Woche 26 Jahre alt, gilt als Deutschlands bester Zehnkämpfer in der an überragenden Zehnkämpfern reichen Leichtathletik-Historie. Mit seiner persönlichen Bestmarke von 8961 Punkten markierte er im Juni 2024 den deutschen Rekord. Ein Jahr zuvor hatte er schon die Uralt-Marke von Jürgen Hingsen (8832) aus dem Jahr 1986 geknackt. In Paris gewann Neugebauer die Silbermedaille bei den Olympischen Spielen, ehe er sich 2025 in Tokio zum Weltmeister emporschwang.Ein Ende seiner Leistungskurve scheint noch nicht absehbar, und es dürfte nur eine Frage der Zeit sein, wann er als fünfter Athlet weltweit die 9000-Punkte-Marke überbieten wird. Eine Diskussion, der sich der Sportler selbst stets geschickt entzieht. Nicht mal für Ratingen, wo schon 2002 Roman Sebrle (8701) den Meetingrekord aufstellte, lässt sich Neugebauer einen angepeilten Wert entlocken. Er wolle einfach nur „solide“ die einzelnen Disziplinen abliefern, „dann kommt die Punktzahl ganz allein“. Je höher, desto cooler.Sein Saisoneinstieg vor vier Wochen in Götzis verlief jedenfalls vielversprechend. 8730 Punkte erzielte er dort, Rang zwei hinter dem Schweizer Tagessieger Simon Ehammer (8778) und somit auch Rang zwei in der Weltbestenliste.Harmonische Zusammenarbeit mit zwei TrainernZwei so intensive Wettbewerbe binnen so kurzer Zeit stellten eine Herausforderung in der Trainingsgestaltung dar, zumal der Saison-Höhepunkt, die Europameisterschaft in Birmingham, schon Mitte August folgt. „Es war von Anfang an der Plan“, berichtet Neugebauer über die Herangehensweise. „Ein gutes Volumen“ attestiert er sich im Training. „Nicht zu viele Off-Days“ habe er eingestreut. Gleichwohl sei „die richtige Recovery“ eminent wichtig.Dass der für den VfB Stuttgart startende Neugebauer seinen Lebensmittelpunkt seit ein paar Jahren in Texas verortet hat, lässt sich anhand einzelner eingestreuter englischer Vokabeln nicht verleugnen. Die Phase zwischen Götzis und Ratingen verbrachte er gleichwohl in Deutschland, auch um möglichst viel Zeit mit Freunden und Familie zu verbringen. „Ich genieße die Zeit mega“, sagte er.Mit seinem Coach Jim Garnham, der in Texas geblieben war, kommunizierte Neugebauer via Video-Calls. Die Umsetzung erfolgte in Leverkusen bei Jörg Roos. „Wir leben in guter Harmony“, denglischte Neugebauer über die ebenso solide wie coole Zusammenarbeit des Trios.Eine Disziplin, an der er besonders gearbeitet hatte, war der Diskuswurf, obwohl er dort mit einer Bestleistung von 58,70 Metern ohnehin zu den Top-Performern im Pool der Zehnkämpfer zählt. Doch ihm seien in Götzis „ein bei Sachen aufgefallen“, an denen sich der Feinschliff lohne.Hochsprung dagegen trainiert er eigentlich gar nicht mehr. „Bringt mir nicht so viel“, hat er festgestellt. Als er zuletzt mehr Hochsprung trainierte, sei er im Wettkampf unter zwei Metern geblieben – eine Höhe, die er ansonsten „solide“ auch ohne Training meistern könne.Neugebauer leistet sich die Freiheit, auszuwählen. Seit er Weltmeister wurde, spürt er noch eine größere Gelassenheit in sich als je zuvor. „Was sich verändert hat, ist der Pressure“, sagte er nun. „Ich weiß, was ich schon erreicht habe.“ Das lasse sich auch an den Promi-Galas und Rote-Teppich-Events ablesen, die er seitdem besucht hat. „Schon nervig, wenn man zu so vielen Partys eingeladen wird“, sagte er lässig über seinen Lifestyle – schob aber sicherheitshalber noch nach: „das war ein Witz“. Denn im Vordergrund stehe immer noch die solide Arbeit.
Zehnkämpfer Leo Neugebauer bleibt cool und arbeitet solide
In Ratingen wartet auf Zehnkämpfer Leo Neugebauer ein Wettbewerb unter extremen Bedingungen. Doch der Weltmeister begegnet der Hitze mit „Coolness“ – auch weil es zu seiner Persönlichkeit passt.












