InterviewEine Investigativjournalistin kennt die Sorgen der Polizei: «Die Politik übersieht, wie vielen Menschen das auf der Seele brennt»Polizisten erleben täglich, wo der Rechtsstaat an seine Grenzen stösst. Die Reporterin Liv von Boetticher hat fast drei Jahre lang Polizisten in ganz Deutschland bei der Arbeit begleitet.27.06.2026, 04.30 Uhr9 LeseminutenJens FussanDas Gespräch zwischen der Investigativjournalistin Liv von Boetticher und Beatrice Achterberg, Redaktorin der NZZ in Berlin, ist ein Auszug aus dem Deutschland-Podcast «Machtspiel» der NZZ und der Brost-Stiftung. Das vollständige Interview finden Sie hier.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.«Wir verlieren dieses Land» lautet der Titel Ihres Buches. Es ist aber auch ein Satz, den Ihnen einmal ein Polizist gesagt hat. In welchem Zusammenhang?Ein Berliner Polizeibeamter, mit dem ich mich regelmässig über seinen Einsatzalltag austausche, sagte mir diesen Satz. Ich bin Fernsehjournalistin und beschäftige mich schwerpunktmässig mit Migration und innerer Sicherheit. Deshalb sind die Erfahrungen von Polizistinnen und Polizisten für meine Arbeit zentral.Der Beamte sprach darüber, wie schwierig es geworden sei, Recht und Gesetz auf der Strasse durchzusetzen. Er sagte: «So, wie es aktuell läuft, verlieren wir dieses Land.» Berlin hat sicherlich besondere Probleme. Aber ähnliche Aussagen habe ich während meiner fast dreijährigen Recherche immer wieder gehört. Manche sagten: «Dieses Land ist am Ende», andere: «Wir haben dieses Land schon verloren.» Mich hat beschäftigt, dass Menschen an der Front unseres Rechtsstaats das Gefühl haben, ihre Arbeit bringe immer weniger.Was denken Polizeibeamte über Deutschland, Liv von Boetticher?AutorBeatrice AchterbergIst das die Sicht einer frustrierten Minderheit, oder teilen viele Polizisten dieses Gefühl?Mir war wichtig, kein Buch über Einzelfälle zu schreiben. Deshalb habe ich mit Beamtinnen und Beamten aus allen Bundesländern gesprochen, bei Landes- und Bundespolizei, über verschiedene Hierarchieebenen hinweg.Wenn ein einzelner Beamter frustriert ist, sagt das noch nichts. Wenn mir aber Menschen aus allen Bundesländern unabhängig voneinander von denselben Entwicklungen berichten – mehr jugendliche Straftäter, eine zunehmende Verrohung oder deutlich mehr Messergewalt –, dann ergibt sich ein Muster. Genau darüber wollte ich schreiben.Sie zitieren einen hochrangigen Polizeibeamten mit den Worten: «Deutschland ist zum Plündern und Vergewaltigen freigegeben.» Ein anderer sagt: «Deutschland wird als Beutegesellschaft betrachtet.» Stimmen Sie diesen Aussagen zu? Oder sind das zugespitzte Formulierungen?Das sind zwei unterschiedliche Themen. Der erste Satz stammt von einem Beamten, der in der Kölner Silvesternacht 2015/16 in leitender Funktion im Einsatz war. Damals wurden rund um den Hauptbahnhof zahlreiche Frauen und Mädchen sexuell angegriffen. Anschliessend herrschte zunächst auffälliges Schweigen. Sowohl in der Politik als auch in Teilen der Medien. Man tat sich schwer, die Tätergruppen zu benennen. Damals entstand auch der Begriff «Nafri» für nordafrikanische Intensivstraftäter.Vor diesem Hintergrund sagte der Beamte: «Deutschland ist zum Plündern und Vergewaltigen freigegeben.» Nicht, weil er meinte, das gelte für das ganze Land, sondern weil hier schwerste Straftaten begangen wurden und die Täter erstaunlich wenig Konsequenzen zu befürchten hatten.Es gab damals mehr als 1200 Anzeigen. Am Ende standen nur rund 30 Verurteilungen.Genau. Ich war damals selbst in Köln im Dienst und habe erlebt, wie erschütternd diese Ereignisse waren. Die Tochter eines Kollegen gehörte zu den Betroffenen.Mich hat aber auch beschäftigt, dass man danach nicht gesagt hat: Wir müssen jetzt über dieses Problem sprechen. Denn wenn so etwas einmal möglich ist, kann es wieder passieren. Zehn Jahre später habe ich denselben Beamten gefragt, was sich seitdem verändert hat. Sein Fazit war ernüchternd: Vieles von dem, wovor er damals gewarnt hatte, sei inzwischen eingetreten.Und was meint der Satz: «Deutschland wird als Beutegesellschaft betrachtet»?Dabei geht es um Sozialleistungsmissbrauch. Viele Bürger können sich kaum vorstellen, in welchem Ausmass Leistungen missbraucht werden. Es geht nicht nur darum, dass jemand unberechtigt Geld erhält, sondern teilweise um organisierte Strukturen.Haben Sie dafür ein Beispiel?Ein Beispiel ist ein Hochhaus in Göttingen, über das ich vergangenes Jahr recherchiert habe. Es wird auch «Horrorhaus» genannt. Dort liefen innerhalb von zwei Jahren Mietschulden von mehr als 900 000 Euro auf. Die Bewohner unterschrieben zunächst eine Abtretungserklärung, so dass das Jobcenter die Miete direkt an den Vermieter überweisen sollte. Diese Erklärung konnten sie aber schon nach kurzer Zeit widerrufen. Von da an erhielten sie das Geld selbst, zahlten keine Miete mehr und verschwanden teilweise nach ein oder zwei Jahren.Das Geld vom Staat floss also weiterhin?Ja. Das ist zunächst einmal Betrug zulasten des Vermieters. Hinzu kommt, dass viele Bewohner über Minijobs aus Rumänien oder Bulgarien nach Deutschland gekommen waren. Schon ein sehr kleiner Minijob kann dazu führen, dass die gesamte Familie Anspruch auf Sozialleistungen hat. Ob dieser Minijob tatsächlich existiert oder nur auf dem Papier steht, lässt sich oft kaum überprüfen.Polizisten haben mir ausserdem von Einzimmerwohnungen erzählt, an deren Klingelschildern 14 Namen stehen, obwohl dort kaum jemand anzutreffen ist. Gleichzeitig fliessen erhebliche Summen an Sozialleistungen.Viele Bürger haben den Eindruck: Wer einmal zu schnell fährt oder seine Steuererklärung verspätet abgibt, bekommt sofort Post vom Staat. Warum funktioniert der Staat dort – und bei diesen Problemen offenbar weniger?Genau das war die Ausgangsfrage meiner Recherche. Kriminalität gab es immer. Es gab immer Gewalt, Sozialleistungsmissbrauch oder organisierte Kriminalität. Neu sind vor allem die Dimension und der Kontrollverlust.Altgediente Beamte haben mir übereinstimmend gesagt, viele Entwicklungen hätten mit der EU-Osterweiterung begonnen. Aus ihrer Sicht wollte die Politik den europäischen Einigungsgedanken nicht gefährden und hat deshalb bestimmte Kriminalitätsformen und Tätergruppen möglichst wenig thematisiert.Wie muss man sich das konkret vorstellen? Hat man Beamten gesagt: Darüber sprecht ihr lieber nicht?Genau so wurde es mir beschrieben. Ein Beispiel betrifft bestimmte Tätergruppen aus dem Umfeld der Sinti- und Roma-Gemeinschaften. Beamte berichteten, dass sie zunächst versuchten hatten, diese Entwicklungen möglichst präzise zu benennen. Später seien selbst neutrale Beschreibungen unerwünscht gewesen.Irgendwann sprach man nicht einmal mehr über die Tätergruppen, sondern nur noch von «Straftaten zum Nachteil älterer Menschen». Es ging um Straftaten wie den Enkeltrick, bei dem alten Leuten vor allem von der Tätergruppe der Sinti und Roma Geld abgenommen wird. Das ist letztlich eine Umkehr von Täter und Opfer. Ältere Menschen erfahren zwar, dass sie gefährdet sind, wissen aber nicht, wovor sie sich konkret schützen sollen.Natürlich darf man niemals ganze Bevölkerungsgruppen unter Generalverdacht stellen. Das wäre völlig falsch. Gleichzeitig muss man Probleme benennen können, sonst kann man sie auch nicht lösen.2015 kam dann noch einmal eine Zäsur hinzu.Ja. Rein faktisch kamen damals sehr viele Menschen nach Deutschland, deren Identität und Biografie oft nicht eindeutig geklärt waren. Gerade Beamte der Bundespolizei haben mir gesagt: «Wir wussten, dass unter ihnen viele Menschen waren, die keine Syrer waren. Aber wir hatten keine Möglichkeit genauer hinzuschauen.»Man muss vielleicht dazusagen: Syrer erhielten damals sehr schnell eine Aufenthaltsperspektive.Genau. In einer akuten humanitären Lage musste natürlich gehandelt werden. Aber aus Sicht vieler Beamter wurde sehr schnell und stark politisch entschieden, ohne ausreichend auf die Sicherheitsbehörden zu hören. Angela Merkel war nach Aussagen mehrerer Gesprächspartner von den Sicherheitschefs vor den Risiken gewarnt worden und hat sich dennoch dafür entschieden – auch, um die Bilder an den Grenzen zu vermeiden.Ich sehe aber auch die Medien kritisch. Ein Bundespolizist aus Bayern erzählte mir, dass er Journalisten bat, nicht nur Familien mit Kindern zu filmen, sondern auch zu zeigen, dass die grosse Mehrheit der Ankommenden junge Männer waren. Viele entschieden sich dennoch für die emotionaleren Bilder.Ich arbeite selbst beim Fernsehen und weiss, wie stark Bilder wirken. Vielleicht hätte auch ich damals zuerst Frauen und Kinder gefilmt. Aber im Ergebnis entstand dadurch in der Bevölkerung ein Bild, das die tatsächliche Zusammensetzung der Migration nicht vollständig widerspiegelte.Ein grosses Thema in Ihrem Buch ist auch die Clan-Kriminalität. Warum waren Clans in Deutschland aus Ihrer Sicht so erfolgreich?Zunächst muss man sich vergegenwärtigen, dass Hunderttausende Menschen in Deutschland Teil solcher Familienverbände sind.Viele der grossen libanesischen Clans gehen auf die achtziger Jahre zurück. Damals kamen sogenannte Mhallami-Kurden aus Libanon und der Türkei als Staatenlose nach Deutschland. Man wusste nicht so recht, wie man mit ihnen umgehen sollte. Gleichzeitig durften sie zunächst nicht arbeiten und hatten keine Integrationsperspektive. Im Nachhinein haben mir Beamte gesagt, dass damals der Moment verpasst worden war, an dem man konsequent hätte gegensteuern müssen. Ein Teil dieser Familien ist später in die Kriminalität abgerutscht.Inzwischen gilt dieses strenge Arbeitsverbot längst nicht mehr. Es gibt Integrationskurse und Deutschkurse. Hat das etwas zum Besseren verändert?Polizisten haben mir von Jobcenter-Mitarbeitern erzählt, die Sanktionen gegen Leistungsbezieher durchsetzen wollten und daraufhin bedroht wurden. Ihnen wurden Reifen zerstochen, oder sie erhielten massive Drohungen. Teilweise mussten sie von der Polizei geschützt werden.Das heisst: Jobcenter-Mitarbeiter, die geltendes Recht durchsetzen wollen, riskieren ihre eigene Sicherheit?So wurde es mir mehrfach geschildert. Das Buch handelt zwar von den Erfahrungen der Polizei. Aber dieselben Probleme begegnen Lehrern, Erziehern, Mitarbeitern von Ordnungsämtern, Ärzten, Feuerwehrleuten oder Beschäftigten in Behörden. Es betrifft längst nicht mehr nur die Polizei.Eine universale Lösung für alle Probleme gibt es wohl nicht. Was wünschen sich die Beamten am meisten?Eigentlich etwas sehr Banales: dass geltendes Recht auch angewendet wird. Deutschland hat gute Gesetze. Das Problem ist oft nicht das Recht selbst, sondern seine Durchsetzung. Wenn jemand kein Aufenthaltsrecht hat, sollte dieser Aufenthalt auch beendet werden – und zwar zeitnah, nicht nach vielen Jahren. Oder wenn jemand immer wieder Straftaten begeht und kaum Konsequenzen erfährt, warum sollte er damit aufhören?Was ist das vorherrschende Gefühl der Polizisten, mit denen Sie gesprochen haben?Vor allem Frustration. Auch junge Beamte sagen: Ich mache diesen Beruf vielleicht noch fünf Jahre und höre dann auf. Nicht weil ihnen der Beruf keinen Spass macht, sondern weil sie das Gefühl haben, jeden Tag gegen ein System zu arbeiten.Was hält sie trotzdem bei der Polizei?Vor allem der Zusammenhalt untereinander und das Gefühl, der Gesellschaft zu dienen. Viele sagen ausdrücklich: «Ich diene der Gesellschaft, aber ich habe nicht mehr das Gefühl, der Politik oder meiner Behörde zu dienen.» Das halte ich langfristig für gefährlich. Denn gute Nachwuchskräfte wird man so kaum halten können.Sie schreiben auch über Angriffe auf Polizeibeamte selbst.Ja. Mehrere Beamte haben mir unabhängig voneinander einen besonders perfiden Fall geschildert. Tatverdächtige ausländische Frauen hätten sich nach ihrer Festnahme Körperflüssigkeiten an die Hände geschmiert und diese an der Uniform der Beamten verteilt, um ihnen später sexuelle Übergriffe vorwerfen zu können. Dann wird zunächst gegen den Beamten ermittelt. Im schlimmsten Fall wird er suspendiert oder verliert vorübergehend seine Dienstwaffe.Auch unabhängig von solchen Extremfällen berichten viele Polizisten, dass bei Kontrollen sehr schnell Rassismusvorwürfe erhoben werden. Dann beschäftigt man sich plötzlich mit Nebenschauplätzen statt mit dem eigentlichen Vorfall.Es gibt auch rassistische Vorfälle bei der Polizei.Natürlich. Deshalb muss man bei solchen Fällen genau hinschauen und sie konsequent verfolgen. Aber daraus folgt nicht, dass jede Kontrolle eines Menschen mit Migrationshintergrund rassistisch motiviert ist. Diese Differenzierung geht in der öffentlichen Debatte oft verloren.Besonders erschreckend ist der Anstieg der Sexualdelikte. Die polizeiliche Kriminalstatistik zeigt, dass Zuwanderer bei Sexualstraftaten gemessen an ihrem Bevölkerungsanteil häufiger tatverdächtig sind. Haben Ihre Gesprächspartner das ebenfalls thematisiert?Ja. Wir haben derzeit im Durchschnitt fast zwei Gruppenvergewaltigungen pro Tag in Deutschland. Allein diese Zahl ist erschütternd. Schaut man sich die Tatverdächtigen an, stammen viele aus den Hauptherkunftsländern der Asylmigration.Ich selbst war längere Zeit in Afghanistan und kenne das Frauenbild dort. Eine westliche Frau hat dort oft kaum einen gesellschaftlichen Wert. Eine Frau ohne Burka wird schnell als Prostituierte wahrgenommen.Wenn Männer mit diesem Frauenbild nach Europa kommen und hier auf eine völlig andere Gesellschaft treffen, kann das zu schweren Konflikten führen.Ist diese Form der Migration in diesem Umfang überhaupt integrierbar?Entscheidend ist der Umfang. Ich bin überzeugt, dass Integration grundsätzlich gelingen kann, wenn beide Seiten dazu bereit sind und genügend Kapazitäten vorhanden sind. Seit 2015 sind wir aber an einen Punkt gekommen, an dem die Zahl der Zuwanderer die Integrationsfähigkeit des Staates übersteigt.Einer Ihrer Informanten sagt: «Wir haben vielleicht noch zehn Jahre, bevor die Lage ausser Kontrolle gerät.» Ist das realistisch?Ich fürchte ja – wenn sich nichts ändert. Wir sehen bereits heute eine Überlastung vieler staatlicher Systeme: Polizei, Gerichte, Schulen, Kindergärten und Sozialbehörden. Gleichzeitig beobachten wir eine politische Radikalisierung. Im schlimmsten Fall führt diese Entwicklung dazu, dass Menschen irgendwann selbst zu Gewalt greifen. Das wäre das schlechteste denkbare Szenario.Sie sprechen von einer «Stunde der Entscheidungen». Woran würden Sie in fünf Jahren erkennen, dass Deutschland die Trendwende geschafft hat?Daran, dass geltendes Recht wieder konsequent angewendet wird. Wer kein Aufenthaltsrecht hat, muss Deutschland wieder verlassen – zeitnah und nicht erst nach vielen Jahren. Das wäre im Übrigen auch für die Betroffenen besser, als jahrelang in Unsicherheit zu leben.Und wenn Straftäter spürbare Konsequenzen erleben, wird sich auch ihr Verhalten ändern. Dasselbe gilt für den Missbrauch von Sozialleistungsmissbrauch. Deutschland muss als Ziel für diejenigen, die den Sozialstaat ausnutzen wollen, deutlich unattraktiver werden. Dann würde ich sagen: Wir verlieren dieses Land eben doch nicht.Passend zum Artikel
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