Der andere Blick mit DatenDer Beruf des Lehrers wird immer stärker von Frauen dominiert. Warum das für einige Kinder problematisch istEine Auswertung der NZZ zeigt, wie selten männliche Lehrer inzwischen geworden sind. Das hat Folgen, vor allem für Jungen.27.06.2026, 04.30 Uhr4 LeseminutenWenn Schulmeister es in Literatur und Film zu Heldenstatus bringen, handelt es sich fast immer um männliche Prachtexemplare: Man denke etwa an den engagierten Pädagogen Dr. Johannes («Justus») Bökh aus Erich Kästners Jugendroman «Das fliegende Klassenzimmer», an den charismatischen Lehrer John Keating aus dem amerikanischen Kultfilm «Der Club der toten Dichter» oder an den unterrichtenden Gangster Zeki Müller, den Elyas M’Barek in «Fack ju Göhte» darstellt. Die Realität des Lehrerberufs in Deutschland sieht allerdings anders aus: Sie ist ganz überwiegend weiblich. Und wird immer weiblicher.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Wie unsere Grafik zeigt, sind mittlerweile fast drei Viertel der Voll- und Teilzeitbeschäftigten an allgemeinbildenden Schulen Frauen. Bei den unter 30-jährigen Lehrern sind es sogar rund 80 Prozent.Wie kam es zur Verweiblichung des Lehrerberufs? Vor allem aber: Spielt das Geschlecht überhaupt eine Rolle für die Arbeit in der Schule, für die Chancen der Kinder? Oder ist es egal, wer vor der Klasse steht?Historisch wurden Erziehungs- und Lehrtätigkeiten von Frauen eher toleriert als Karrieren in den Männerdomänen Juristerei, Medizin oder gar Ingenieurwesen. In den 1920er Jahren stellten sie zum Beispiel gut ein Viertel der deutschen Volksschullehrer. Hingegen betrug der Frauenanteil bei den Ärzten um 1925 nur 5 Prozent, bei Juristen war er noch niedriger. Der Umgang mit Kindern wurde in einer noch patriarchalisch geprägten Gesellschaft offenkundig als Aufgabe betrachtet, für die sich Frauen gleichsam von Natur aus eigneten.Der Frauenanteil war in der DDR höherAuf Grundlage dieses «Vorsprungs» erreichte der Lehrerinnenanteil an allgemeinbildenden Schulen in Westdeutschland in den fünfziger Jahren bereits rund 40 Prozent. In der DDR war der Lehrerberuf noch stärker weiblich geprägt; bis heute ist der Frauenanteil in ostdeutschen Bundesländern höher.Die weibliche Eroberung der Profession schritt allerdings auch in Westdeutschland voran, vor allem ab den sechziger Jahren – sieht man von einem kleinen Zwischenstopp in den Siebzigern ab.Heute jedoch bestimmen Frauen den Alltag an allen Schulen, sogar am ehrwürdigen Studienrats-Gymnasium sind sie seit 2003 in der Überzahl. Das trifft freilich nicht für die Leitungsebene zu: In Rheinland-Pfalz, beispielsweise, gab es laut dem Mainzer Bildungsministerium im Jahr 2024 lediglich ein knappes Drittel Direktorinnen an Gymnasien.Immerhin liegen die höchstrangigen Schulleiterinnen damit deutlich vor Chefärztinnen und Medizinprofessorinnen (13 Prozent). Von Führungsfunktionen abgesehen, galt das Lehramt wegen seiner Arbeitszeiten (nur bis mittags!) und der Ferien immer als besonders familienfreundlich – und insofern als praktisch für Mütter. Wie weit das jemals zutraf oder heute angesichts von Ganztagsschule, hohen Integrationsanforderungen und vielfältigen zusätzlichen Präsenzpflichten überhaupt noch stimmt, sei dahingestellt.Vermutlich ist es aber kein Zufall, sondern in irgendeiner Form familienbedingt, dass laut den NZZ-Zahlen 86 Prozent der Teilzeitbeschäftigten im Schulbetrieb weiblichen Geschlechts sind.Wie bei Ärztinnen, die vermehrt in Angestelltenverhältnisse und Teilzeitstellen streben, und bei Juristinnen, die sich eher für den öffentlichen Dienst als für die Grosskanzlei entscheiden, hat die hohe Teilzeitquote zum einen strukturelle Folgen – und seien es, im Fall der Schule, nur die wachsenden Schwierigkeiten, Klassenlehrer zu finden oder Vertretungs- und Abiturprüfungspläne zu erstellen, die allen Beschäftigungsmodellen gerecht werden. Doch damit sollten fähige Schuladministratoren wohl gerade noch zurechtkommen.Deutlich interessanter ist die Frage, ob die Verweiblichung der Pädagogik inhaltliche oder methodische Auswirkungen hat. In diesem Zusammenhang wird besonders intensiv nach den Jungen gefragt.Kaum Vorbilder für BubenDurchaus zu Recht: Während Mädchen schon in der Kita und später in der Schule aus vielfältigsten weiblichen Vorbildern auswählen können, sind die Jungen im femininen Bildungswesen eingeschränkt. Es mangelt dort schlichtweg an Männern, die ihnen ein Gefühl für «gute Autorität» vermitteln könnten, für eine männliche Erwachsenenrolle, die nicht auf Dominanz, sondern auf Kompetenz, Klarheit und Stabilität beruht.Kämen die Jungen zudem noch aus Alleinerziehenden-Haushalten, fehle ihnen beim Aufwachsen oft ein naher Mann als «echtes Gegenüber», sagt der Tübinger Geschlechterforscher Reinhard Winter: Notgedrungen orientierten sie sich dann an medialen Männlichkeitsbildern, kruden Rollenstereotypen oder den lautesten Gleichaltrigen.Häufig nicht zu ihrem schulischen Vorteil: Denn von Lehrerinnen (und natürlich auch Lehrern) würden die Jungs ohnehin häufig als «schwieriger» und weniger leistungsstark wahrgenommen als die anpassungs- und kommunikationsfähigeren Mädchen. Schnell verfestigten sich auf diese Weise schulische Misserfolgsbiografien.Schon aus dem Elternhaus bringt der männliche Nachwuchs oft zu wenig Selbstbeherrschung mit – die Schule kann da nur begrenzt nachhelfen. Den vielen Lehrerinnen und wenigen Lehrern würde es bei ihrer Mammutaufgabe allerdings helfen, wenn die Hochschulen sie im Studium nicht mit der – abwegigen – Lehre vom Geschlecht als rein sozialer «Konstruktion» indoktrinierten.Guter Unterricht braucht vielmehr solide entwicklungspsychologische Kenntnisse. So kann etwa der Reiferückstand von kleinen Jungen gegenüber kleinen Mädchen ein bis zwei Jahre betragen – sowohl was die motorische als auch die sprachliche Entwicklung angeht.Dieser unhintergehbare Unterschied wirkt bis ins Grundschulalter nach. Und vielleicht werden Lehrerinnen erst dann zu Literatur- und Filmheldinnen, wenn sie in ihrem Wirkungsbereich sichtbar und erfolgreich dafür kämpfen, aus dem frühen Handicap der Buben keinen langfristigen Nachteil entstehen zu lassen.Passend zum Artikel
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