Frankfurter Anthologie : Seamus Heaney: „Vom Graben“Von Thomas Brose26.06.2026, 18:30Lesezeit: 2 Min.Barbara KlemmDie Feder dieses Dichters ist kein Sturmgewehr und auch kein Spaten. Aber er gräbt tief mit ihr und weiß die Ziele zu treffen, die er anvisiert.Das Gedicht „Vom Graben“ lässt die Geschichte der Vorfahren Revue passieren. In krisenhafter Zeit steht Seamus Heaney (1939 bis 2013), der Sohn einer kinderreichen irischen Familie, nämlich vor der Frage, wie alles weitergehen soll. Auf Reichtümer kann der Nachfahre kleiner Farmer nicht zurückgreifen, aber für ihn gibt es eine festere Währung. Die Arbeit seiner Leute hat Spuren im Erdreich hinterlassen. Der junge Poet verdichtet, was die Familiengeschichte prägt: Stets ging es ums Graben.Wie wertvoll diese Einsicht ist, zeigt Heaneys Debütband „Death of a Naturalist“ aus dem Jahr 1966, darin enthalten das Gedicht „Digging“. Wo Generationen vor ihm den Alltagskampf mit wuchtigen Spatenstichen bestanden, erscheint sein Arbeitsgerät dagegen zierlich und zerbrechlich. Des Dichters „Feder“ findet Platz „zwischen Finger und Daumen“. Bloß ein Spielzeug für Intellektuelle? Gerät Seamus aus der Spur? Was zuerst harmlos erscheint, wirkt mit einem Mal bedrohlicher als alle Grabwerkzeuge. Der Zeitgenosse des Nordirlandkriegs wäre durchaus in der Lage, zur Eskalation beizutragen. Denn sein „squat pen“, („gespannte Feder“; „untersetzter Stift“) liegt ihm, wie er in schönster Assonanz ausdrückt, „snug as a gun“ – „sturmklar wie ein Gewehr“ – in der Hand.Torf, das ist verdichtete Natur und GeschichteAuffällig, dass der Poet, der ansonsten auf ein festes Metrum verzichtet und die Verse frei laufen lässt, seinen Vater Patrick mit einem Reim charakterisiert. „Under my window, a clean rasping sound / When the spade sinks into gravelly ground.“ Kann der Sohn mit diesem Virtuosen des Spatens mithalten? Tatsächlich ist sich der Dichter des „Buddenbrook-Problems“, also der Zunahme an Kunstsinn bei gleichzeitiger Abnahme an Lebenstauglichkeit, sehr bewusst. Doch mit „Vom Graben“ stellt er entschieden die Weichen. Er zeigt, dass er sich in tiefere Schichten – jenseits des erst 1998 durch das Karfreitagsabkommen beendeten Bürgerkriegs zwischen Katholiken und Protestanten – auf eigene Faust vorwärtsgraben kann. Graben wird zu einer universalen Metapher, mit deren Hilfe der Naturlyriker poetische Archäologie betreibt. Das klingt in dem großartigen Gedicht „Moorland“ (Bogland) an: „Und jede freigelegte Schicht / Scheint früher bewohnt gewesen.“„Mein Großvater stach mehr Torf an einem Tag / Als irgendein andrer im Toner-Moor.“ Der Enkel zeichnet das Bild eines echten Kerls. Mit Hast trinkt der die ihm gereichte Milch, weil er eine Berufung hat: „Nach dem guten Torf. So grub er.“ Torf bildet sich, wenn Pflanzen im Moor nur teilweise zersetzt werden. Onomatopoetisch hörbar wird dieser Prozess, wenn der Dichter lautmalerisch vom „Glucksen und Klatschen“ („the squelch and slap“) spricht. Torf: Das ist für Heaney verdichtete Natur und Geschichte – ein Symbol für Prozesse, die ein Menschenleben übersteigen. Daher gelte es, sich mit keiner Epoche gemein zu machen.Seamus Heaney, der als einer der bedeutendsten englischsprachigen Lyriker des 20. Jahrhunderts den Literaturnobelpreis erhielt, trifft am Ende des Gedichts eine Entscheidung: „Doch um ein Mann zu werden, wie sie waren, habe ich keinen Spaten.“ Seine Feder wird nicht zum Sturmgewehr, sondern bleibt der Tradition der Vorfahren treu, indem er Torf und Zeit zu Leibe rückt: „I’ll dig with it.“ Er schießt nicht, er gräbt.Seamus Heaney: „Vom Graben“Zwischen Finger und DaumenHalte ich die stämmige Feder, sturmklar wie ein Gewehr.Wenn’s unter meinem Fenster sauber und raspelnd klingt,Als ob ein Spaten in kieseligen Boden dringt,Ist es mein Vater, der gräbt. Ich schaue hinBis sein wehes Kreuz zwischen den BlumenbeetenTief sich neigt und zwanzig Jahre entfernt wieder auftaucht,Rhythmisch sich bückend zwischen KartoffelfurchenWo er damals grub.Der klobige Stiefel schmiegte sich an den Spatenschaft,Den nutzte die Innenseite des Knies als sicheren Hebel.Er entwurzelte hochgewachsenes Kraut, versenkte tief das glänzende BlattUm neue Kartoffeln zu verstreuen, wir lasen sie aufUnd liebten ihre kühle Härte in den Händen.Herrje, der Alte konnte mit dem Spaten umgehn.Genau wie sein Alter.Mein Großvater stach mehr Torf an einem TagAls irgendein andrer im Toner-Moor.Einmal brachte ich ihm eine Flasche Milch,Liederlich mit Papier verkorkt. Er richtete sich aufUnd trank sie, um sofort wieder dreinzuhaun,Aus der Grasnarbe Stücke zu kerben, zu schneiden und über die SchulterZu hieven, wieder und wieder sich bückendNach dem guten Torf. So grub er.Der kalte Duft von Kartoffelhumus, das Glucksen und KlatschenVon sumpfigem Torf, ein Spatenblatt mit seinen kurzen SchlägenDurch lebendige Wurzeln, das mag in meinem Kopf erwachen,Doch um ein Mann zu werden, wie sie waren, habe ich keinen Spaten.Zwischen Finger und DaumenHalte ich die stämmige Feder.Damit werde ich graben.Aus dem Englischen von Henriette BeeseSeamus Heaney: „Digging“Between my finger and my thumb The squat pen rests; snug as a gun. Under my window, a clean rasping sound When the spade sinks into gravelly ground: My father, digging. I look down Till his straining rump among the flowerbeds Bends low, comes up twenty years away Stooping in rhythm through potato drills Where he was digging. The coarse boot nestled on the lug, the shaft Against the inside knee was levered firmly. He rooted out tall tops, buried the bright edge deep To scatter new potatoes that we picked, Loving their cool hardness in our hands. By God, the old man could handle a spade. Just like his old man. My grandfather cut more turf in a day Than any other man on Toner’s bog. Once I carried him milk in a bottle Corked sloppily with paper. He straightened up To drink it, then fell to right away Nicking and slicing neatly, heaving sods Over his shoulder, going down and down For the good turf. Digging. The cold smell of potato mould, the squelch and slap Of soggy peat, the curt cuts of an edge Through living roots awaken in my head. But I’ve no spade to follow men like them. Between my finger and my thumb The squat pen rests. I’ll dig with it.Seamus Heaney: „Die Amsel von Glanmore. Gedichte 1965 bis 2006“. Hrsg. von Michael Krüger. Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main 2011. Vergriffen.Von Thomas Brose erscheint in Kürze: „Konfessionen. Zeugnisse, Zweifel und Optionen“. Hrsg. von Thomas Brose, Felicitas Hoppe und Holger Zaborowski. Herder-Verlag, Freiburg im Breisgau 2026. 176 S., geb., 25,– €.Redaktion Hubert SpiegelGedichtlesung Thomas Huber
Seamus Heaney in der Frankfurter Anthologie
Die Feder dieses Dichters ist kein Sturmgewehr und auch kein Spaten. Aber er gräbt tief mit ihr und weiß die Ziele zu treffen, die er anvisiert.






