Mehr als 95 Prozent der Hessen stehen fest zur Demokratie – aber nur 64 Prozent sind zufrieden damit, wie diese in die Tat umgesetzt wird. Das ist eines der zentralen Ergebnisse des ersten Hessenmonitors, den Wissenschaftsminister Timon Gremmels (SPD) am Freitag gemeinsam mit Isabelle Borucki von der Universität Marburg und Moritz Stockmar von der TU Darmstadt präsentierte.Die größte Sorge der mehr als 3200 interviewten Hessen ist die wirtschaftliche Entwicklung im Land. Ihrem Heimatort fühlen sich 85 Prozent der Befragten verbunden, und mehr als 80 Prozent sind Hessen und Deutschland zugetan. Während etwa 79 Prozent dem Bundesverfassungsgericht vertrauen, misstrauen fast zwei Drittel den politischen Parteien.„Unsere Demokratie steht von innen und außen unter Druck. Wer Demokratie fördern will, muss wissen, wo sie stark ist und wo Handlungsbedarf besteht“, sagte Gremmels während der Vorstellung der Studie. Viele Menschen vermissten, dass die Politik zuhöre und Veränderungen bewirke. Der Minister warnte davor, dass die grundsätzliche Zustimmung zur Demokratie auf Dauer sinken könne, weil viele Hessen mit der gelebten Demokratie unzufrieden seien.„Befunde zeigen hohen Anspruch an demokratische Praxis“Für die Studie, die noch nicht vollständig ausgewertet ist, hatten Forscher von fünf beteiligten Hochschulen zwischen Mai und Juni 30.000 Menschen kontaktiert, um eine Zufallsstichprobe bilden zu können. Es wurden mehr als 4000 Interviews mit Personen im Alter von 19 bis 86 Jahren geführt; 3200 Antworten flossen gewichtet in den Monitor ein. Die Pilotstudie ist Teil des Programmes „Stärkung der Demokratieforschung in Hessen“. Wenn es nach den Beteiligten geht, soll der Hessenmonitor fortgeschrieben werden.Den großen Unterschied zwischen dem Bekenntnis zur Demokratie und deren Verwirklichung interpretierte Borucki wie folgt: „Die Befunde sprechen nicht für Demokratiedistanz, sondern für einen hohen Anspruch an demokratische Praxis.“ Bei der Befragung stellte sich zudem heraus, dass sich 36 Prozent der Hessen durch Muslime bedroht fühlen. Warum dies der Fall ist, sollen laut Borucki weitere Interviews in sogenannten Fokusgruppen beantworten. Auch sie sei von diesem Ergebnis überrascht worden.Als größte Probleme nach der wirtschaftlichen Entwicklung und drohender Arbeitslosigkeit (24,2 Prozent) nannten die Befragten die Infrastruktur und den Verkehr (21,4 Prozent), die Bildung und die Schulen (19,3 Prozent), sowie die Migration (19 Prozent). Fast 18 Prozent sehen die Politik und auch die Demokratie in der Praxis als Problem. Obwohl fast 81 Prozent ihre persönliche wirtschaftliche Lage und ihre Erwartungen an die Zukunft als positiv bewerten, denken das nur 51 Prozent von ihrem Wohnort und nur 26 Prozent von Deutschland insgesamt.AfD-Wähler sehen ihre Region vom Bund ignoriertGroße Unterschiede gibt es sowohl zwischen Stadt und Land als auch bei den Anhängern unterschiedlicher Parteien. 56 Prozent aller Befragten sehen große Unterschiede zwischen ländlichen und städtischen Regionen, und 36 Prozent sind der Meinung, dass die Bundespolitik sich nicht für ihre Region interessiere. In Bezug auf die Landespolitik teilen 24 Prozent diese Überzeugung. Fast 29 Prozent meinen, dass sich die Landespolitik zu stark um das Rhein-Main-Gebiet kümmere, und 23 Prozent sehen starke Konflikte zwischen Stadt und Land.Dass der Bund die Region ignoriere, meinen 71 Prozent der AfD-Wähler und 32 Prozent der Wähler der Linken sowie 40 Prozent der FDP-Wähler. Konflikte zwischen Stadt und Land sehen nur 13 Prozent der Wähler der Grünen, 21 Prozent der SPD-Anhänger und ebenfalls 21 Prozent der CDU-Wähler. Bei AfD-Anhängern beträgt der Anteil mehr als 40 Prozent.Auch bei der Bewertung der Demokratie zeigen sich Unterschiede nach Parteienpräferenz. Anhänger von CDU, SPD, Linken und Grünen unterstützen fast zu 100 Prozent die Demokratie als Idee, während FDP- und AfD-Wähler dies zu etwa 90 Prozent angeben. Eklatant wird der Unterschied in der Praxis: Wähler von CDU, SPD und Grünen sind zu mehr als 80 Prozent überzeugt, dass die Demokratie funktioniert. Bei Anhängern der FDP sind dies nur etwa 58 Prozent, bei den Linken 53 Prozent und bei Hessen, die der AfD nahestehen, sind es sogar nur 15 Prozent.