Mit 28 Jahren hat Naomi Osaka doch noch den Rasen als Tennisbelag lieben gelernt. Erstmals in ihrer zwölf Jahre währenden Karriere hat die in Amerika aufgewachsene Japanerin mit hawaiianischen Wurzeln bei einem WTA-Turnier das Endspiel erreicht. Sie besiegte am Freitag bei den Bad Homburg Open die Chinesin Xinyu Wang 6:3, 6:3.Schon ihre Teilnahme am Semifinale war für Osaka eine Premiere, zuvor hatte sie in ihrer Laufbahn lediglich viermal ein Viertelfinale auf Rasen erreicht. In Wimbledon war der Einzug in die dritte Runde bisher ihr größtes Erfolgserlebnis gewesen. Deshalb ging auch die Chinesin Wang als Favoritin ins Match. Die 1,82 Meter große Asiatin hat zwar noch kein großes Turnier auf Rasen gewonnen, aber einige Siege aneinandergereiht. Der schnelle Untergrund ist ideal für ihr druckvolles, risikoreiches Spiel.Sie schaffte es, auch Osaka das eine oder andere Mal mit ihren krachenden Schlägen zu überraschen, aber die Trefferquote war nicht gut genug, um sich durchzusetzen. Was auch an dem hohen Niveau der Grundschläge der Japanerin lag, die seltener für direkte Punkte gut genug waren, jedoch einen beständig hohen Druck auf die Chinesin entwickelten.38 Grad im Schatten: Die Zuschauer fiebern bei Osakas Spiel mit.ReutersDie 4100 Zuschauer auf dem Centrecourt fieberten mit – bei 38 Grad im Schatten blieb ihnen quasi nichts anderes übrig. Am Ende waren die meisten wohl froh, dass sich das Halbfinale nicht in die Länge gezogen hatte, sondern nach 70 Minuten beendet war. Dass Osaka einen gewissen Glanz nach Bad Homburg bringen würde, war klar. Die viermalige Grand-Slam-Siegerin gehört zu den schillerndsten Spielerinnen der Tour. Wegen ihrer extrovertierten Persönlichkeit und ihrer Outfits. Sie trug auch in der Kurstadt ihr goldenes Paillettenkleid, mit dem sie bei den French Open für Aufsehen gesorgt hatte. Sie verzichtete angesichts der Hitze allerdings darauf, auf dem Weg zur Spielerbank eine goldene Schleppe zu tragen.In einem Interview mit der amerikanischen Internetplattform „Oprah daily“ hatte die Athletin vor wenigen Wochen erklärt, dass sie die Outfits benötigt, um sich richtig wohlzufühlen. „Sie sind Ausdruck meiner Persönlichkeit, ich mag mich, wenn ich anhabe, was mir richtig gut gefällt, es hilft mir, frei aufzuspielen.“Frei aufzuspielen, war etwas, was Naomi Osaka im Laufe ihrer Karriere phasenweise sehr schwerfiel. Sie sagte ihre Teilnahme an den French Open und Wimbledon 2021 ab, weil sie sich psychisch nicht in der Lage sah, anzutreten. Der Druck war ihr zu groß geworden. „Ich musste lernen, dass ich nicht immer den Erwartungen anderer genügen muss, um akzeptiert zu werden“, erläuterte sie in besagtem Interview. Während der Pause lernte sie, mehr auf sich und ihre Bedürfnisse zu achten. „Ich mache mir die kleinen, schönen Dinge des Lebens bewusst, und ich genieße es, wenn ich regeneriere – ohne schlechtes Gewissen.“Ihre Halbfinalgegnerin von Bad Homburg kennt den Druck, der in der Tennis-Mühle entsteht. „Jede Woche konfrontieren Siege und Niederlagen unsere Psyche. Es ist schwierig, damit umzugehen. Wichtig ist, sein Selbstwertgefühl nicht ausschließlich über die Ergebnisse zu definieren“, sagt Wang. Sie habe sich zeitweise nach Niederlagen generell als schlechter Mensch gefühlt.Die Gefahr besteht bei Naomi Osaka seit der Geburt ihrer nun knapp dreijährigen Tochter Shai nicht mehr. „Die größte Veränderung bestand darin, meinen Zeitplan an Shai anzupassen. Bei einem Baby kann man einfach keine Kompromisse machen – es gibt keinen Mittelweg.“ Shai ist jetzt ihre Referenzgröße für ein erfolgreiches Leben, nicht mehr die Weltrangliste. Den sportlichen Ehrgeiz habe sie darüber nicht verloren. „Ich will irgendwann einmal Wimbledon gewinnen.“ Nach ihren Leistungen in Bad Homburg klingt das nicht mehr so unwahrscheinlich wie zuvor.