Heute wird hier Geschichte geschrieben, und Milos M. ist mittendrin. Doch das interessiert den 38-Jährigen nur wenig, denn er hat zurzeit ganz andere Sorgen. Seit Juni 2025 sitzt Milos M. im Gefängnis in Stadelheim ein, wo ihn Polizeibeamte am Morgen abgeholt und hierher ins Strafjustizzentrum an der Nymphenburger Straße gebracht haben.Nun betritt der jugendlich wirkende Mann in Jeans, Armani-Shirt und Handschellen den Sitzungssaal B175 – einer von nur mehr wenigen Räumen des riesigen Gebäudekomplexes, in denen an diesem Tag noch Gerichtsverhandlungen stattfinden. Danach ist endgültig Schluss: Nach fast einem halben Jahrhundert, in dem Mördern, Betrügerinnen, Vergewaltigern und anderen Verbrechern hier der Prozess gemacht wurde, ziehen große Teile der Münchner Justiz in das neue Strafjustizzentrum am Leonrodplatz um.Genauer gesagt sind das Münchner Amts- und Oberlandesgericht (OLG), die Landgerichte München I und II sowie die Staatsanwaltschaft München I bereits weitgehend in das Gebäude übergesiedelt, das 430 Millionen Euro gekostet und einer zehnjährigen Bauzeit bedurft hat. Bei der offiziellen Einweihung im Mai nannte OLG-Präsident Hans-Joachim Heßler das neue Strafjustizzentrum „ein Schmuckstück von Justizgebäude“ – mithin also das komplette Gegenteil seines maroden Vorgängers.So setzt sich auch Milos M. auf eine sichtlich ramponierte Anklagebank, legt die Arme auf den Tisch, senkt seinen Blick. Seit einigen Wochen sieht sich der Trockenbauer vor dem Landgericht München I mit einer Anklage wegen versuchten Mordes in zwei Fällen konfrontiert. Nach Überzeugung der Staatsanwaltschaft hat er mit einem Messer brutal auf seine frühere Lebensgefährtin und deren Freund eingestochen. An diesem Tag wird die Verhandlung fortgesetzt, während hinter dem Richtertisch mehrere Umzugskartons stehen – mutmaßlich mit Akten.Ein Brutalismusbau beherbergte jahrzehntelang die Münchner Justiz. Robert HaasIm alten Strafjustizzentrum an der Nymphenburger Straße ist nun Schluss: 300 000 Kisten wurden bereits in das neue Justizgebäude am Leonrodplatz gebracht. Robert HaasInsgesamt 300 000 dieser Kisten in 1500 Lastwagenladungen sind für den Umzug vom alten ins neue Strafjustizzentrum veranschlagt. Einige davon wird auch Maria Fenakova packen, voraussichtlich an diesem Wochenende. Die 49-Jährige ist Justizwachtmeisterin und wird schon am Montag ihren Dienst im Neubau verrichten. An diesem Freitag arbeitet sie jedoch noch in dessen Vorgänger – am letzten Tag, an dem dort Prozesse stattfinden. „Ich gehe mit einem lachenden und einem weinenden Auge“, sagt Fenakova. So freue sie sich natürlich auf den Neubau, wo „alles moderner, heller und schöner ist“. Zugleich werde sie aber dem alten Strafjustizzentrum nachtrauern, das seit elf Jahren ihr Arbeitsplatz und obendrein „wie ein zweites Zuhause für mich ist“.Wenn Maria Fenakova durch den markanten Brutalismus-Bau streift, trifft sie allenthalben auf Erinnerungen. Etwa im Eingangsbereich, wo sie als Wachtmeisterin Abertausende Einlasskontrollen durchgeführt hat. „Wir haben hier schon Kokain und Gras bei den Leuten gefunden“, erzählt die 49-Jährige, die sich an eine Anekdote besonders gerne erinnert. Dabei habe sie einen Besucher aufgefordert, vor dem Körperscanner seine Armbanduhr abzulegen. „Der hat ganz freundlich gesagt: Ja, gerne. Und plötzlich macht es klick-klick, und er hält seine komplette Hand in der anderen Hand.“ Denn was Fenakova zuvor nicht bemerkt hat: Der Mann trug eine Handprothese. „Wir haben uns dann angeschaut und mussten beide lachen.“Maria Fenakova an der Einlasskontrolle: Hier zog sie schon Kokain und Gras aus dem Verkehr. Robert HaasWobei es immer wieder auch Situationen gab, die ganz und gar nicht zum Lachen waren. Etwa in der Cafeteria, wo zwei Streitparteien ihren zuvor im Gerichtssaal ausgetragenen Zwist kurzerhand fortsetzten – auf handgreifliche Art, zwischen Leberkässemmeln und Butterbrezn. „Da musste ich dazwischen gehen“, erinnert sich Maria Fenakova. Doch zum Glück seien ihr sogleich weitere Wachtmeister zu Hilfe geeilt. „Das ist das Schöne bei uns: Wir halten zusammen, und jeder hilft jedem.“ Dabei sei sie durchaus nervös gewesen, als sie 2015 ihren ersten Arbeitstag im Strafjustizzentrum hatte. „Ich habe mich damals schon gefragt: Kann ich das? Und schaffe ich das?“, sagt Maria Fenakova, die zuvor im Hotel an der Rezeption tätig war. Doch schon bald entdeckte sie ihre Liebe zum neuen Job – und zu der durchaus speziellen Arbeitsumgebung, in der sie für Sicherheit und Ordnung zu sorgen hat.Mit einem besonderen Ort im Strafjustizzentrum verbinde sie besonders viele Erinnerungen, sagt die Wachtmeisterin und geht auf eine Tür zu, neben der ein Schild mit der Aufschrift A 101 prangt. In diesem größten Sitzungssaal des Hauses ist in den vergangenen Jahrzehnten mehrfach Rechtsgeschichte geschrieben worden – etwa bei den Prozessen gegen den NS-Kriegsverbrecher John Demjanjuk, Formel-1-Chef Bernie Ecclestone oder den Mörder von Dominik Brunner. Und natürlich beim NSU-Verfahren, das Maria Fenakova als zuständige Wachtmeisterin hautnah miterlebt hat. „Das war sicher mein aufregendster Prozess“, sagt sie. Und doch ist ihr ein anderes Verfahren mindestens ebenso sehr im Gedächtnis geblieben. „Da ging es um einen jungen Mann, der unter Drogen einen 14-Jährigen totgefahren hat. Im Prozess saßen da oben mehrere Klassen, und viele Schüler haben geweint“, sagt sie und zeigt zum Besucherraum empor. „Das war schon sehr emotional – auch für mich. Da musste ich kurz mal raus aus dem Sitzungssaal, weil mich das so mitgenommen hat.“Jener Raser – er war bei der Tat mit 120 Kilometern pro Stunde über die Fürstenrieder Straße gebrettert – wurde seinerzeit wegen Mordes verurteilt. Wie der Prozess gegen Milos M. ausgehen wird? Das steht aktuell in den Sternen. Nachdem in Saal B175 ein Psychiater sein Gutachten über den 38-Jährigen vorgetragen hat, ist wenig später erst mal Schluss – in einer der letzten Verhandlungen überhaupt im Gebäude. Vom 7. Juli an sind dann die ersten Verhandlungstermine im neuen Strafjustizzentrum angesetzt, auch für Milos M. Sein Verfahren wegen versuchten Mordes soll nach derzeitiger Planung am 23. Juli mit einem Urteil enden.
München: Letzter Verhandlungstag im alten Strafjustizzentrum an der Nymphenburger Straße - so ist der Abschied
Noch ein Verhandlungstag im alten Strafjustizzentrum an der Nymphenburger Straße, dann ist Schluss: Wie Justizwachtmeisterin Maria Fenakova den Abschied erlebt – und welche Fälle ihr in all den Jahren besonders nahe gingen.










