Meine Oma war schon immer so ein bisschen tüdelig. Aber ich glaube, richtig gemerkt hat man die Demenz, als sie drei verschiedene Namen genannt hat, bis ihr meiner eingefallen ist. Im Oktober ist dann leider mein Opa gestorben. Seitdem ist es schlimmer geworden mit ihr. Der Opa war ihr Anker. Allein zu leben in dem Haus, war eine absolute Umstellung für sie.Am Ende hat sie nichts mehr gegessen. Das war dann der Punkt, an dem wir gesagt haben, wir können sie dort nicht allein lassen. Leider wohnten wir alle nicht mehr in der Nähe. Mit einem Heimplatz haben wir so kurzfristig kein Glück gehabt. Für meine Eltern gab es keine Möglichkeit, sie aufzunehmen. Bei mir dagegen sollte das Semester relativ ruhig sein. Da dachte ich: Ich will es wenigstens versuchen, bis mein Onkel bei sich in der Familie die Zimmer vorbereitet hat.Der Tagesablauf mit meiner OmaMeine Oma hat selbst zwei enge Angehörige bis an ihr Lebensende gepflegt. Das hat sie mir vorgelebt. Es war für mich so ein unglaubliches Löwending, meine Oma ist eine sehr starke Frau. Für sie war das ganz selbstverständlich. Auch wenn manche Menschen im Alter garstig wurden, hat sie sich gekümmert, ist liebevoll geblieben. Ich habe mich immer gefragt, wie sie das stemmt, wie jemand so selbstlos sein kann.Meine Oma ist dann also bei uns eingezogen. Ich wohne zusammen mit meinem Partner in einer Dreiraumwohnung. Das Wohnzimmer wurde zu ihrem Zimmer, dort haben wir ein großes Pflegebett aufgestellt. Aus dem kann sie leichter rein- und rauskommen.Mein Tag sah dann so aus: Ich bin aufgewacht und habe Frühstück gemacht. Normalerweise frühstücke ich nicht, aber für meine Oma war es wichtig, in die Routine reinzukommen. Beim Frühstücken hat meine Oma ein bisschen was erzählt, oder wir haben ferngeguckt. Dann habe ich mich auch schon fertig gemacht für die Uni. Mein Partner hat zum Glück Homeoffice. Während ich in der Uni war, hatte er ab und zu ein Auge auf sie. Wenn niemand zu Hause sein konnte, habe ich mich um eine Tagespflege gekümmert. Nach der Uni habe ich eingekauft. Anschließend bin ich zu meiner Oma und habe mit ihr gespielt oder geredet. Dann bin ich auf Arbeit. Je nachdem, wie lange die Schicht war, bin ich so um drei Uhr oder um zwei Uhr nach Hause gekommen, ins Bett und am nächsten Morgen das Gleiche.„Mehr Onlineangebote und hybride Veranstaltungen hätten mir geholfen“Geschlafen habe ich in der Zeit nicht viel. Gesund war das nicht. Es waren schwierige Monate. Aber es hat sich für mich richtig angefühlt. Wenn ich außer Haus war, um zu arbeiten oder zur Uni zu gehen, habe ich mich oft schuldig gefühlt, weil ich nicht bei ihr sein konnte. Das ist natürlich unlogisch, weil ich ja arbeiten gehen muss, um Geld zu haben.Auch meine Wahrnehmung vom Unileben hat sich total verändert. Zur Vorlesung zu gehen, hat sich fast wie Freizeit angefühlt. Ich saß dann im Hörsaal und habe mir gedacht: Sollte ich vielleicht doch früher gehen und mir die Folien lieber zu Hause angucken? Gleichzeitig war ich die ganze Zeit gestresst, weil ich auf mögliche Anrufe von zu Hause wartete. Was, wenn sie wieder versucht, etwas zu kochen, oder gestürzt ist?Zum Glück habe ich in der Uni nicht so viele Module belegen müssen. Den Großteil habe ich versucht, mir von zu Hause aus anzueignen. Ein bisschen musste ich zurückschrauben und habe nicht alles geschafft, was ich gerne gemacht hätte. Ein Modul lag zum Beispiel zu einem Zeitpunkt, bei dem meine Oma einen Arzttermin hatte. Das konnte ich dann nicht weiter belegen. Mehr Onlineangebote und hybride Veranstaltungen hätten mir geholfen. Das wäre bestimmt auch für studierende Eltern gut.Die Regelstudienzeit war mir irgendwann egalIn der Zeit hat mir eine sehr enge Freundin einen Rat gegeben. Sie hat mir gesagt: Auch wenn du dich schuldig fühlst, musst du auf dich hören. Du kannst dich nicht kaputtmachen. Sie hat mich dann quasi dazu gezwungen, mir auch Zeit für mich zu nehmen. Dafür ist zum Beispiel mein Bruder vorbeigekommen und hat den Abend mit meiner Oma Memory gespielt. In der Zeit konnten mein Partner und ich ausgehen, da waren wir dann in der Therme oder was essen.Manchmal war ich wirklich erschöpft und habe ein bisschen geweint. Aber dann habe ich mich immer wieder selbst ermahnt: Warum heule ich jetzt hier so rum? Andere haben es doch viel schlimmer. Das ist eine ungesunde Denkweise, das weiß ich. Aber in meinem Kopf war immer dieses Stigma: Wenn ich jetzt an dieser Stelle zusammenbreche, im Verein, in der Uni oder auf der Arbeit, dann sehen die Leute nur diesen kleinen Ausschnitt und halten mich für faul, für nicht zuverlässig, weil die ja gar nicht wissen, was ich alles im Hintergrund noch mache. Natürlich könnte ich es erzählen, aber ich will kein Mitleid oder so. Ich will nicht oversharen, und es ist auch sehr persönlich.Auch dieses Wort „Regelstudienzeit“ hat mich sehr gestresst. Vielleicht sehen dann meine zukünftigen Arbeitgeber, dass ich lange studiert habe, aber kennen den Grund nicht. Dann denken die, ich sei faul oder so. Mit der Regelstudienzeit hatte ich schon vorher Probleme. Ich hatte Krebs und bin deshalb einige Zeit ausgefallen, einmal auch wegen eines gebrochenen Fußes. Grundsätzlich kann man für die Pflege von Angehörigen ein Urlaubssemester beantragen. Allerdings war es bei mir alles so durcheinander, dass ich daran als Letztes gedacht habe. Außerdem ist meine Studienordnung mittlerweile veraltet, und manche Module werden nicht mehr regelmäßig angeboten.„Ich bin nicht wütend auf dich, aber ich kann dich hier auch gerade nicht ranlassen“Durch die gemeinsamen Monate hat sich die Beziehung zu meiner Oma verändert. Sie war für mich eine Person, bei der man sich Rat holt. Jetzt hat sich diese Dynamik gedreht. Ich habe sie nicht als Kleinkind gesehen, aber ich habe mich schon dabei erwischt, dass ich zum Beispiel die Messer außer Reichweite lege. Für mich ist meine Oma eine der stärksten Personen, die ich kenne. Daher ist es umso merkwürdiger und fast unheimlich, diesen Zerfall quasi live mitzuerleben.Am unerwartet anstrengendsten war, dass sie die ganze Zeit noch viel selber machen wollte. Sie hat immer versucht, mir Arbeit abzunehmen, aber mir dabei manchmal mehr gemacht. Einmal wollte sie mich zum Beispiel nach der Arbeit überraschen mit Grießklößchensuppe, das ist meine Lieblingssuppe. Dafür hat sie die Suppe aufgesetzt, souverän den Herd angemacht, aber dann die Suppe vergessen. Als ich nach Hause kam, war die Küche am Dampfen, weil das ganze Wasser weggekocht war. Da musste ich sie dann davon abhalten, mir beim Aufräumen zu helfen, damit sie sich nicht auch noch verbrennt. Es war nicht immer leicht, ihr klarzumachen: Ich bin nicht wütend auf dich, aber ich kann dich hier auch gerade nicht ranlassen, weil ich Angst habe, dass du dich verletzt.Seit April wohnt meine Oma nicht mehr bei uns, mein Onkel hat sie zu sich geholt. Nachdem sie ausgezogen ist, habe ich erst mal sehr lange auf der Couch gesessen und ins Nichts gestarrt. Bis mein Partner reinkam und meinte: „Babe, alles okay?“Auf der einen Seite war ich erleichtert, es war eben anstrengend. Gleichzeitig habe ich geweint, weil wir uns in dieser Zeit wieder so nahegekommen sind. Wir haben zum Beispiel viele Fotoalben von früher durchgeschaut von Urlauben oder Festen. Bis ich sie wiedersehe, wird es noch dauern. Ich habe Angst, dass sie mich vielleicht nicht mehr erkennt oder nicht mehr weiß, wer ich bin.Vor Kurzem sind wir zum ersten Mal abends raus, ohne dass ich mir Gedanken über meine Oma machen musste. Aber trotzdem habe ich manchmal aufs Handy geschielt. Die Gewohnheiten sind noch drin. Meine Oma ist nachts ab und zu gegen zwei oder drei aufgestanden. Ein paar Mal bin ich nach ihrem Auszug nachts hochgeschreckt. Ich dachte, ich hätte ein lautes Poltern gehört, bin schnell aufgesprungen und rausgerannt, aber natürlich war da niemand.Wir reden oft über die Zeit, als sie bei uns gewohnt hat. So lustige Anekdoten. Wir haben manchmal Schwimmen gespielt, dieses Kartenspiel, bei dem man lügen muss. Alle fünf Minuten hat sie versucht zu schummeln. Wenn wir sie erwischt haben, meinte sie: Das wusste ich ja gar nicht, dass man das nicht darf. Aber man hat gesehen, dass sie geschmunzelt hat und das ganz genau wusste.Das Wohnzimmer fühlt sich noch an wie ihr Raum, er riecht auch noch nach ihr, nach diesem Jil-Sander-Parfüm. Das verwendet sie immer, und das trage ich auch selbst gerne, weil es mich an sie erinnert. Als sie bei uns gelebt hat, hat sie auch angefangen zu malen. Ihre Zeichnungen hängen nach wie vor am Kühlschrank. Wir telefonieren immer noch jeden Tag.Es war eine wahnsinnig stressige und zermürbende Zeit, aber auch eine glückliche Gelegenheit, noch mal so viel Zeit mit ihr zu verbringen.