Bald kann es losgehen mit dem olympischen Medaillensegen. Vielleicht nicht gleich mit Gold, Silber und Bronze, aber doch mit der Agentur, die für den Aufschwung im olympischen und paralympischen Sport Deutschlands sorgen soll. So in zehn bis fünfzehn Jahren. Noch vor der Sommerpause will der Deutsche Bundestag das Sportfördergesetz verabschieden, dessen Kern die Agentur bildet.Neun Sachverständige hatte der Sportausschuss des Hohen Hauses deshalb zur Stellungnahme gebeten. Alle waren für das Gesetz, einige trieben voller Optimismus zur Eile. Wenn es denn bei Olympischen Spielen in Deutschland klingeln solle, 2036 oder 2040 oder 2044, müssten nun die Weichen gestellt werden. Doch das Dafür der einen unterscheidet sich so gravierend vom Dafür der anderen, dass man profunde Uneinigkeit im organisierten deutschen Sport konstatieren muss.11.500 Euro für einen Topmanager?Die beiden Vorstände der Agentur, die Deutschlands Olympiamannschaften, wie es der Gesetzentwurf beschreibt, bei Winterspielen unter die besten drei des Medaillenspiegels und bei den Sommerspielen unter die besten fünf führen sollen, würden nach Bundesbesoldungstabelle B 3 bezahlt werden, verriet der CSU-Abgeordnete Stephan Mayer; das stehe für ungefähr 11.500 Euro im Monat. „Bekommen wir dafür das notwendige Personal?“ Olaf Tabor, der Leistungssportvorstand des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB) antwortete: „Ich glaube nicht, dass das ausreicht, wenn wir die Besten haben wollen.“Damit dürften erste Zweifel an dem Entwurf von Gesetz und Sportführung gesät sein. Er soll der große Wurf werden, seit Innenminister Thomas de Maizière ein Jahr vor den Spielen von Rio de Janeiro 2016 in der F.A.Z. als Gegenleistung für die staatliche Sportförderung ein Drittel mehr Medaillen forderte. Vielleicht waren aber ausgerechnet diese Frage und diese Antwort Zeichen einer übergreifenden Harmonie. Politik und Sport sind sich womöglich einig, dass die Besetzung der exponiertesten Position im operativen Geschäft des olympischen Sports in Deutschland nicht durch das Besserstellungsverbot, die Bezahlung analog dem öffentlichen Dienst, behindert werden soll.Deutschlands „Sportchefin“: Staatministerin Christiane Schenderlein (links), hier mit Paralangläuferin Anja Wicker, wird den Stiftungsrat der Spitzensportagentur leiten.dpaAnsonsten herrschten Hauen und Stechen unter der Oberfläche des höflichen Austausches. Der DOSB fordert – neben einer gesetzlich fixierten Finanzierungsverantwortung des Bundes für den Spitzensport und einem vierten der neun Sitze im Stiftungsrat – „Steuerungsfähigkeit“ des Agenturvorstandes. Er müsse Förderkonzepte und Förderrichtlinien beschließen können, forderte Tabor: „Die, die wir suchen, wollen das.“Die Konferenz der Spitzenverbände, in Berlin am Mittwoch vertreten von Turnerpräsident Alfons Hölzl, unterstützt den DOSB in dieser Forderung. Athleten Deutschland e.V. fordert gar, das Wort „Steuerung“ als Zweck der Spitzensportagentur ins Gesetz zu schreiben. Die Agentur dürfe nicht auf die Rolle einer Mittelvergabestelle reduziert werden.Genau das aber fordern die Landessportbünde (LSB). Leistungsentwicklung und nicht die vermeintliche Steuerung von autonomen Verbänden solle im Vordergrund der Agentur stehen, fasste Jürgen Scholz, Präsident des Landessportverbandes Baden-Württemberg und Sprecher der LSB, deren Haltung zusammen. Steuerung erfolge bestenfalls über die Mittelvergabe, nicht aber inhaltlich.Kampf gegen Athleten DeutschlandDie Organisationen, in deren Vereinen und Olympiastützpunkten der Nachwuchs für den Spitzensport reift, wollen nicht Befehlsempfänger werden. Auch sie berufen sich, ebenso wie der DOSB, aber mit einem ganz anderen Impetus, auf die Autonomie des Sports. Auf keinen Fall, forderte Scholz (wie auch Urs Granacher, der Vorsitzende der Kommission zur Analyse des Medaillenpotentials von Verbänden, Potas), dürften Zuwendungsempfänger Sitz und Stimme im Stiftungsrat haben. Zum Thema Interessenkonflikt erwiderte darauf DOSB-Vorstand Tabor: Das ließe sich lösen.Mit harten Bandagen kämpfen DOSB und Fachverbände auch gegen Athleten Deutschland e.V. und dessen Forderung nach einem Sitz im Stiftungsrat, der als Aufsichtsgremium unter Leitung des Kanzleramtes arbeiten wird. Die Abgeordneten könnten dafür sorgen, sagte Athleten-Geschäftsführer Johannes Herber, dass man sage, in Deutschland werde mit Athleten entschieden, nicht über sie. Am Tag vor der Anhörung hatte sich der Spielerrat der Basketball-Nationalmannschaft mit Dennis Schröder und Franz Wagner Gehör verschafft, mit einer in der F.A.Z. formulierten Forderung: „Wir sind Profis und wollen von Profis vertreten werden.“Tabor wie Hölzl widersprachen: Sie würde Athletenvertretern ja gern einen Sitz überlassen, wenn sie denn über vier verfügen dürften. Dann allerdings würde dieser nicht an Athleten Deutschland e.V. gehen, sondern, wie sie sich ausdrückten, an demokratisch legitimierte Sportlerinnen und Sportler. Die Funktionäre versuchen, die häufig zeitlich überforderten Athletensprecher ihrer Nationalmannschaften gegen die als eingetragenen Verein organisierten Athletenvertreter auszuspielen.Athleten Deutschland e.V. gilt als weitgehend unabhängig. Der Verein verfügt über eine schlagkräftige hauptberuflich organisierte Geschäftsstelle. Auch während der Anhörung wurde deutlich, dass Athleten Deutschland längst als kompetente Stimme wahrgenommen wird. Die Forderung der Athleten, das Schutzprogramm gegen Gewalt und Übergriffe ins Gesetz aufzunehmen, machte sich der Abgeordnete Mayer zu eigen: „Safe Sport muss als Förderungsvoraussetzung ins Gesetz.“Schließung von StützpunktenHans-Jörg Michels, Präsident des Deutschen Behindertensportverbandes, forderte ebenfalls seinen Sitz im Stiftungsrat ein. Nachhaltige und leistungsorientierte Spitzensportförderung setze voraus, dass olympischer und paralympischer Sport gleichberechtigt im Fördersystem berücksichtigt werden, hielt er denen vor, die versäumt hatten, dies in den Gesetzentwurf zu schreiben.Die Auseinandersetzungen innerhalb des Sports werden nicht beendet sein, sobald die Agentur ihre Arbeit aufnimmt, im Gegenteil. „Wir müssen an die Strukturen ran“, kündigte der Sportwissenschaftler Urs Granacher an, der mit seiner Potas-Kommission Teil der neuen Agentur werden wird. Die Konzentration, das bedeutet: Schließungen, werde beim Stützpunktsystem beginnen.
Hauen und Stechen um Spitzensportreform in Deutschland
Eine Anhörung zum Sportfördergesetz im Bundestag verdeutlicht den heftigen Mehrkampf im deutschen Sport um Sitz und Stimme in der Spitzensportagentur.






