Hundert Mal hat der Großvater vom Stierlauf erzählt. Hundert Mal hat er seiner Enkelin Andrea Martín gesagt, dass man dem Stier nur in die Augen sehen müsse, um zu erkennen, ob das Tier Rechtsfüßler sei. Dann müsse man nach links springen, denn ein Stier, der rechtslateralisiert sei, stoße den Kopf mit den Hörnern nach rechts oben. Hundert Mal hat er erzählt, wie einfach es sei, der heranstürzenden Meute der sechs Stiere und sechs Ochsen auszuweichen. Die Finger habe er trotzdem gekreuzt beim Encierro, wenn die Tiere auf ihn zurannten. Er hat seine Enkelin beschworen, es ihm gleich zu tun, ebenfalls zu laufen, um die Tradition weiterzugeben.Aber Andrea ist nicht gerannt. Nie, sagt sie, denn sie findet die stille Ankunft der Stiere am Vorabend schöner als die adrenalingeladene Hatz am Morgen. Bei Sonnenuntergang treiben die Rinderzüchter ihre Tiere vom großen Pferch jenseits des Flusses Arga an den Befestigungsmauern vorbei in die kleine Stallung am Startplatz des Laufes. Jeden Abend bringe ein anderer Züchter seine sechs Kampfstiere hinüber. Auch die Ochsen. Sie kennen die Laufstrecke. Die Ochsen rennen sie jeden Tag. „Sie sind kastriert“, sagt Andrea, verzieht ihr Gesicht und macht einen scharfen Schnitt mit der Hand durch die Luft, „und sorgen durch ihre Anwesenheit dafür, dass keiner der Stiere kehrtmacht.“Glänzendes Fell im weichen MondlichtFür Andrea ist der gelassene Gang der Tiere über den Fluss der schönste Moment des San Fermín. Sie liebt diesen Moment besonders bei Vollmond, wenn das weiche Licht des Mondes das Fell der Tiere glänzen lässt. Beim Rennen sei alles anders. Ihr Großvater sei gelaufen, um den Frauen zu imponieren. „Schaut her, was ich kann!“ Andrea ist aufgesprungen und streicht ihr schwarzes Haar nach hinten. Sie tänzelt, wirft den Kopf hoch. „Schaut, Frauen, wie toll ich bin. Wie schön. Wie mutig.“ So ein Kerl sei ihr Großvater gewesen.Immer noch würden die Läufer und die wenigen Läuferinnen sich etwas beweisen wollen. Aber es sei gefährlicher geworden. Tausende suchen jeden Morgen um acht Uhr die Herausforderung. Sie stellen sich in der engen, steil ansteigenden Gasse Santo Domingo auf. Jeder darf mitlaufen. Es gibt weder eine Anmeldung noch eine Mengen- oder Altersbegrenzung. Die ersten Läufer treffen um sieben Uhr ein. Sie sind weiß gekleidet, tragen rote Schärpen um die Taille und rote Tücher um den Hals. Die Läufer blicken hoch zu den Balkonen. Sie spiegeln sich in den Gesichtern der Zuschauer hinter der hölzernen Balustrade, die die ganze Nacht gewartet haben, um den Lauf von der ersten Reihe aus zu verfolgen.Jenseits der Stierhatz ist Pamplona eine beschauliche Stadt.LUNAMARINAWer zu spät gekommen ist und weiter hinten steht, schaltet die Liveberichterstattung auf dem Handy ein. Polizisten patrouillieren durch die Straße und schauen, ob Läufer alkoholisiert wirken. Betrunkene und Kinder werden aus der Menge gezogen. Doch keiner trinkt Bier, die Läufer halten Red-Bull-Dosen in der Hand und zusammengerollte Zeitungen. Kehrmaschinen brummen heran, Müllmänner sammeln die letzten Flaschen auf. Die Läufer umarmen sich, springen hoch, wärmen ihre Muskeln, dehnen die Fußgelenke. Sie machen sich Mut, klatschen rhythmisch, als stehe ein Start zum Marathon bevor. Wer cool ist, steckt sich jetzt eine Zigarette an.Andere zerdrücken vor Aufregung das Foto des heiligen Firmín in ihren feuchten Händen. Der Puls schießt in die Höhe, auch bei den Zuschauern. Plötzlich drehen sich die Läufer zum Start, als wollten sie den Bullen in die Augen sehen. Totenstille senkt sich über die Straße, selbst die Krakeeler verstummen. Einige Läufer beten. Die Kamera des öffentlich-rechtlichen Senders RTVE, der jeden Morgen berichtet, saust an Stahlseilen über die Wartenden hinweg und fängt den Moment ein, als die Statue von San Fermín durch die Laufstrecke getragen wird. Ein Geistlicher hält den Heiligen wie ein Baby im Arm.Die Stimmung ist am SiedepunktAus tausend rauen Kehlen dröhnt im Stakkato die Fürbitte an den Schutzpatron, sie zu geleiten und Segen zu spenden. In diesem Moment treibt der Sprecher der ausverkauften Stierkampfarena achthundert Meter weiter die Stimmung zum Siedepunkt. Hier ist das Ziel des Laufes, hier fiebern 20.000 Menschen dem Eintreffen der Tiere entgegen. Wie beim Champions-League-Finale verkündet der Sprecher die heutige Aufstellung. Erwartet werden die Stiere von Palmosilla. Sechs ausgewachsene Bullen. Der Stadionsprecher ruft jeden einzelnen der vierbeinigen Athleten auf, stellt ihn vor, schreit seinen Namen in die Arena. Auf der LED-Wand erscheint sein Bild mit Startnummer, Namen und Gewichtsangabe. Wiegt ein Stier mehr als 600 Kilo, geht ein Raunen durch die Ränge.Die Regie blendet jetzt eine Uhr über das Livebild vom Start. Schlag acht Uhr zündet die Rakete, das Gatter öffnet sich. Die Kampfstiere hasten aus dem Pferch, hämmern ihre Hufe auf die Kopfsteine des Pflasters und jagen Santo Domingo hoch. Ihre kurzen Vorderbeine sind in der Steigung von Vorteil. Im Galopp stürzen sich die Bullen mit gesenkten Köpfen auf das Knäuel Menschen, eine dampfende, graue, hart auf und ab springende Walze, die die Gasse hochdonnert. Läufer rennen um ihr Leben. Suchen links und rechts von den Tieren Platz, stürzen übereinander, rollen sich in Panik ein, bilden bizarre Klumpen, Zuschauer schreien. Sekunden dauert der Furor, dann sind die Stiere oben auf der Plaza Consistorial. Fünf Menschen liegen auf der Straße, 380 Meter sind zurückgelegt.Spiel des Lebens, Spiel mit dem Leben: Seine Fasziniation ist ungebrochen.ReutersDie Bullen rutschen in die scharfe Rechtskurve zur Estafeta. Auf den Balkonen fiebern Menschen mit den Läufern. Sie haben 160 Euro für den Augenblick bezahlt, in dem die Stiere um die Ecke biegen und in die hölzerne Absperrung crashen. Ein Wimpernschlag, dann sind die Stiere wieder auf den Beinen. Noch 468 Meter, schnurgerade durch die Altstadt. Die Estafeta ist die Gasse der Gassen, für Basken die berühmteste Straße der Welt. Die Bullen fliegen an Apotheken vorbei und an Geschäften, die die Nägel schön machen, an Kebabbuden, in denen sich lange Spieße mit Fleisch drehen, an Shops, in denen jeder ein Fakefoto von sich im „Bulls Run“ machen kann, dann tauchen die Tiere in den Trichter der Callejón ein, der Unterführung unter den ersten Sitzreihen der Stierkampfarena.Zwei Minuten sind vergangen seit dem Startschuss. Die überholten Läufer haben zum ersten Mal Platz und sprühen im Sand der Arena befreit auseinander, während die Stiere längst von den Katakomben des Stadions verschluckt sind.Ernest Hemingway gebührt ewiger DankSeit Ernest Hemingway das Rennen mit den Stieren vor genau hundert Jahren in seinem Roman „Fiesta“ beschrieben hat, ist San Fermín auf der ganzen Welt bekannt. Zwei Millionen Menschen strömen heute zum Feiern in die Stadt – die Bürger von Pamplona wissen, wem sie die Popularität und ihren Wohlstand verdanken. Sie errichteten Hemingway, dem großen Freund der Stadt, ein Denkmal neben der Arena. Die steinerne Skulptur trägt in diesen Tagen ein rotes Halstuch und einen roten Hut. Rot und Weiß sind die Farben des Festes, das die Pamploneses seit dem Jahr 1324 im Gedenken an den heiligen Firmin, der in Frankreich missionierte, feiern.Die Fiesta beginnt jedes Jahr am 6. Juli und endet am 14. Juli. In dieser Zeit steht die Stadt Kopf. Es gibt keine Siesta mehr und keine Nachtruhe. Jeder ist auf den Beinen, jeder trägt Weiß, jeder eine faya roya, eine rote Schärpe, und ein rotes Halstuch. Den Touristen werden Tuch und Schärpe auf das Bett gelegt, das in diesen Nächten dreimal so viel kostet wie im Rest des Jahres. Auf den Plätzen der Stadt schäumt ein rot-weißes Meer. In den vollen Bars sieht es aus, als spiele Tag und Nacht der 1. FC Köln. Nur trinken sie hier, auch wenn die Farben gleich sind, kein Kölsch, sondern Lemon Icecream mit Cava, ein schlohweißes Getränk, das Champú, Shampoo, heißt, aber nie in den Haaren, sondern immer nur im Glas und am Gaumen schäumt.Früh übt sich: Auch Kinder machen beim Festival von San Fermín mit.ReutersKinder tragen Rot-Weiß, Jugendliche tragen Rot-Weiß, Mädchen wie Jungen, es gibt keine anderen Farben in Pamplona. Die Frauen stolzieren durch die Gassen, sie sind herausgeputzt und haben ihren rotesten Lippenstift aufgetragen. Das gefällt den drei korpulenten Männern am Straßenrand, sie winken. Die Alten schwitzen und tragen lange weite Hosen, die über den Bäuchen spannen. Mit ihren Schärpen sehen sie aus wie rot verschnürte Mehlsäcke. Pamplona ist eine Bühne. Der Vorhang bleibt neun Tage lang geöffnet.Bläser- und Fanfarenkorps ziehen kreuz und quer durch die Straßen. Vor dem Rathaus tanzen die Gigantes, drei Meter große, schwere Riesen, und die kleineren Cabezudos, die Großköpfe, kindliche Figuren der spanischen Volkstradition. Während die Giganten, die die Könige und Königinnen der Kontinente Europa, Asien, Amerika und Afrika darstellen, sich mit ihren wallenden Kleidern langsam im Kreis drehen, sind die kleineren Cabezudos auf die Balkone der Häuser geklettert. Von irgendwoher erklingt baskische Musik. Die Kinder jubeln, weil die drolligen Schwellköpfe ihnen wie im Mainzer Karneval Süßigkeiten zuwerfen.Den älteren Zuschauern wird es bei Temperaturen von 30 Grad im Schatten in der grellen Sonne zu heiß, sie verabschieden sich und gehen hinüber zur Plaza de la Cruz. Unter den Bäumen wird gleich die Banda Municipal aus Valtierra spielen. Der Dirigent hebt den Taktstock und gibt den Einsatz, und der Mann am Imbiss missversteht das Signal und legt jetzt Fisch auf den Grill. Es zischt zu den Klängen von Sanchicorrota y Doña Blanca, und eine weiße Dunstwolke zieht unter das Zelt der Brassband, aber die lässt sich ihre Freude genauso wenig nehmen wie eine weißhaarige alte Dame im Elektrorollstuhl, die vor die erste Stuhlreihe surrt und ihr Gefährt wie eine Tänzerin in rhythmischen Kreisen dreht.Jeder darf mitmachen: Bei der Stierhatz in Pamplona gibt es keinerlei Beschränkungen.ReutersPeñas, Freundeskreise und Vereine, tragen das Fest in die Stadtviertel, stellen in den Gassen Tische und Stühle in langen Reihen auf und essen gemeinsam Pintxos, wie die Tapas im Baskenland heißen. Dazu trinken sie Wein. Danach beginnt jeden Abend der kollektive Rausch. Die Läden verwandeln sich, die Besitzer stellen Käse und Tortas Txantxigorri, die in Schweineschmalz gebackenen Kuchen, nach hinten, rollen metallene Bierfässer hinein und drehen die Musik auf. Bars werden zu Diskotheken, Cervecerias zu Clubs und Metzgereien zu Techno-Schuppen, in denen Menschen unter Rinderschinken abtanzen.Hemingway würde das Café Iruña, in dem er seine Nachmittage verbrachte, kaum wiedererkennen. Ohrenbetäubende Musik lässt die Spiegel im ehrwürdigen Saal klirren, die Jugend, die hier frenetisch feiert, befolgt den an die Wand geschriebenen Spruch des Autors, „Gute Leute sind, wenn man ehrlich darüber nachdenkt, immer fröhliche Leute.“Die Straßen füllen sich in der Nacht, und die Nacht beginnt zu leuchten. Am Rathaus kreischt die Menge. Ein höllischer Funkenregen springt heran, und wir sehen einen Stier, der zur Gaudi der Menschen hoch über ihnen durch die Gasse rennt. Zwischen seinen Hörnern sprühen nach beiden Seiten Funken, und die Erwachsenen bedeuten ihren Kindern, dass sie laufen müssen, rennen vor diesem wilden Stier, der ein Feuerwerk auf seinem Metallrücken trägt, ein Spaß natürlich, ein Bull on Fire. Alle in der Straße laufen johlend vor dem Feuer sprühenden Untier davon, hoch zur Plaza del Castillo, auf der queere Rapper aus Kolumbien in frivolen goldenen Outfits unter donnernden Bässen gerade die Bühne betreten.Vergessen sind die Verletzten des heutigen Tages, verflogen die Worte des Reporters, der von der Noblesse der Stiere schwadronierte, weil die Stiere über einen gestürzten Läufer sprangen, verstummt ist die Trauer über 16 Menschen, die in den vergangenen hundert Jahren beim Stierlauf starben. Das letzte Opfer erlag im Juli 2009 seinen Verletzungen. Mittlerweile stehen an jeder Straßenecke Rettungswagen. Notärzte versorgen die Überrannten. Andrea Martín hebt beschwichtigend ihre Hände und drückt sie rhythmisch nach unten. Wiederbelebung. Auch das gehört zum Stierlauf. Sogar unten in der Arena steht die Ambulanz. Die Hilfe komme heute schneller als früher.Ja, sagt sie voller Überzeugung, der Stierlauf werde immer bleiben, er gehöre zum Encierro. Auch die Reveilles, die Blaskapellen, die jeden Morgen ab sechs Uhr durch die Straßen der Stadt ziehen, um die Bewohner aus den Betten zu treiben, und auch das Spiel der Jugend mit den Jungbullen in der Arena. Es sei nicht ungefährlich, aber wenigstens unblutig. Die Mutigsten springen über die kleinen Stiere, drehen unter dem Beifall des Publikums Saltos in der Luft und erschrecken, wenn ein ungestümes Jungrind über die die Balustrade hüpft. Alles harmlos, sagt Andrea, und wichtig, um die Spannung nach dem Lauf zu lösen.Die Besucher danken den ehrenamtlichen Helfern, den Musikern, dem Roten Kreuz und den Pastores, die mit ihren Stecken die Ochsen durch die Stadt trieben. Alle kommen morgens in die Arena. Ein friedliches Bild. Der Stierkampf selbst aber werde bald Vergangenheit sein, sagt Andrea Martín. Sie glaube nicht, dass dieser jahrhundertealte Kult noch lange existieren werde. Tierschützer protestieren immer energischer gegen das archaische, quälende Ritual, bei der die Klinge der Matadoren zwischen die Schulterblätter des Tieres gestoßen wird. Diese Klinge erstach auch die sechs Stiere von Palmosilla, die wir am Morgen haben laufen sehen. Ihr Leben endete am Nachmittag in der Stierkampfarena. Wir haben uns die Corrida nicht angeschaut.Information: Das Volksfest zu Ehren des heiligen Firmín in Pamplona findet zwischen dem 6. und 14. Juli statt. Jeden Morgen mit Ausnahme des ersten Tages gibt es Stierläufe. Sie beginnen um acht Uhr. Wer zuschauen möchte, muss früh aufstehen, einen Platz auf einem Balkon an der Strecke mieten oder sich in der Stierkampfarena einfinden, wo die Stiere zwei Minuten nach dem Start eintreffen. Das Programm des San Fermín Festivals 2026 kann online abgerufen werden: www.pamplonafiesta.com.