Der Riss in der deutschen Fahrradbranche wird in diesen Tagen in Frankfurt sichtbar: Die Fahrradmesse Eurobike hat dieses Jahr nur halb so viele Aussteller, davon fast 60 Prozent aus Asien. Doch den Chef und Gründer der französischen Multimarkengruppe Rebirth stört das nicht: „Wir haben uns erst im Mai für eine Teilnahme an der Messe entschieden, und das hat sich schon am ersten Tag gelohnt“, sagt Gregory Thebaol. Zuletzt seien er und seine Firma vor 13 Jahren bei der Eurobike vertreten gewesen, damals noch am früheren Veranstaltungsort in Friedrichshafen.Nun sei er in der schlimmsten Zeit der Eurobike angekommen, aber ihm gehe es darum, die Marke Peugeot als Fahrradmarke neu vorzustellen, für die sein Unternehmen eine Lizenz übernommen hat, sagt Thebaol. Zu einem attraktiven Preis habe er einen zentralen und großen Messestand in der beliebten Halle 12 erhalten, erklärt er weiter. Und nun kann er neben Peugeot ein Portfolio anderer Marken wie Solex, Matra, Easybike, Cowboy oder Gitane präsentieren.Die Antwort darauf, warum plötzlich ein Riesenplatz in einer wichtigen Messehalle frei wurde, liefert womöglich ein kleines Detail des Messekatalogs. Da ist Shimano angeführt, einer der wichtigsten Lieferanten für Gangschaltungen. Von der Messeleitung war noch vor einigen Monaten beteuert worden, Shimano werde natürlich präsent sein. Und traditionell war Shimano bisher immer mit einem Riesenstand vertreten. Nun findet sich an der Stelle, wo laut Messekatalog Shimano sitzen sollte, nur eine kleine leere Ecke.„Am besten, wir reden nicht darüber“Gegenüber sitzt etwas verlassen der kroatische E-Bike-Anbieter MS Energy, mit einem akkurat gestalteten Stand. Zur Frage, ob man sich bewusst gewesen sei, mitten in einen großen Konflikt um die Eurobike zu kommen, mit kleinerer Zahl von Ausstellern und womöglich weniger Besuchern, gibt es nur eine wegwerfende Handbewegung: „Am besten, wir reden nicht darüber“, lautet die etwas niedergeschlagene Antwort.Zu denen, die die neue Lage mit wenig Präsenz der üblichen deutschen Platzhirsche zu genießen scheinen, gehört Alex Thusbass, Managing Director des Fahrradherstellers Hepha. Der steht neben dem großen Messestand von Gobao, einem chinesischen Motorenhersteller und technischen Partner von Hepha. „Es liegt an uns, etwas aus der Veranstaltung zu machen“, sagt Thusbass. Und sagt dann weiter: „Wir scheuen uns nicht vor der Konkurrenz, wir haben gern Mitbewerber“. Wenn die Medien nach Neuheiten auf der Eurobike suchen, kann Thusbass einiges vorweisen.Seine wichtigste Neuheit ist ein Elektrofahrrad, das von den Fahreigenschaften einem Elektromoped ähnlicher ist als einem Muskelfahrrad. Bei dem neuen Modell „Urban X“ dienen die Pedale nur noch dazu, intuitiv den Motor zu steuern, mit Anfahren, Schneller- oder Langsamerwerden oder Bremsen mit Rekuperation. Die eigentlichen Fahrradbremsen sollen nur noch der Notbremsung dienen. Zudem soll sich das Elektrofahrrad binnen 15 Minuten an einer Steckdose aufladen lassen, eben wie ein Elektroauto. 2027 soll die Neuheit auf den Markt kommen.Neuheiten gibt es weiterhin: Präsentation eines Lastenfahrrads von Dynamic Drives Giessen.Emil EichingerVon der Abwesenheit des größten Mitbewerbers profitiert in diesem Jahr womöglich auch ein deutscher Anbieter von Fahrradmotoren, der schwäbische Hersteller Pinion, der vor einigen Jahren einen Innovationspreis der Eurobike gewann, weil er erstmals Getriebe und Motor in einem leichten Element vereinte. Der ewige große Konkurrent Bosch, der Pionier der E-Motoren für die Fahrräder, ist dieses Jahr abwesend. Schließlich ist Bosch im Vorstand des Zweirad-Industrie-Verbandes (ZIV) vertreten, der sich nach der Eurobike 2025 mit dem Messeveranstalter zerstritten hat und nun eigene Wege geht.Doch Pinion tritt auf der Fahrradmesse nicht in die Fußstapfen von Bosch, mit entsprechender Präsenz in einer kühlen Halle. Stattdessen gibt es nur einen Außenstand mit Testrädern in der Sommerhitze. Pinion kann von einer Integration des Motors in einer elektronischen Partnerschaft zur Steuerung von Anzeigen, Navigation, Diebstahlschutz und Wartung berichten, alles innerhalb von Schwesterunternehmen des Konzerns Bombardier Recreational Produkts (BRP Inc.) aus Kanada, der vor einigen Jahren die Mehrheit am deutschen Start-up Pinion übernommen hatte.E-Antrieb des Herstellers PiniondpaBei der Eurobike gehe es für Pinion allerdings nicht so sehr um eine eindrucksvolle Präsenz gegenüber dem Besucherpublikum, sagt Marketingchef Dirk Menze. Während der Messe fänden wichtige Gespräche mit Fachbesuchern und mit Partnern aus der Zulieferindustrie statt. „Wichtiger als ein Stand sind ist für uns hier eine Reihe von Besprechungsräumen“, sagt Menze. Dass große Namen auf der Eurobike nicht vertreten sind, sieht er gelassen: „Die großen Hersteller lassen sich nicht mehr so leicht von Messekonzepten locken und machen gern auch eigene Hauspräsentationen.“Wer sich dagegen neu dem Publikum präsentieren will, ist der deutsche Fahrradanbieter Canyon, ein Großer der Branche, nach eigenen Angaben mit 1300 Mitarbeitern und 750 Millionen Euro Jahresumsatz. Nach einer tiefen Krise hat Gründer Roman Arnold die Firmenleitung wieder selbst übernommen, statt wie bisher nur mit Versand zu operieren, plant er nun Verkaufsstützpunkte und zeigt sich mit einem durchgestylten Stand erstmals auf der Fahrradmesse.Rennräder im Windkanal beim aerodynamischen Tests des Radherstellers CanyonMichael EderAuftreten wie ein Großer der Branche, das versucht in der Halle nebenan der chinesische Motorenhersteller Gobao. Die Fläche ist annähernd so groß wie das, was Bosch traditionell belegte. „Die Lage spielt uns in die Hände, weil wir ein neues Produkt vorzustellen haben“, sagt Gobao-Sprecher Gregor Strathmann. Es gehe um einen Antriebsmotor, erstmals kombiniert mit einer Automatik, die eine variable Übersetzung nutze, wie ein sogenanntes CVT-Getriebe für Autos. Insgesamt wünsche man sich aber eher eine einzige europäische Leitmesse, sagt Strathmann. Vom Motorenhersteller Pinion kommentiert Marketingchef Menze, es gehe um das Verbindende, und es müsse keine Machtkämpfe um eine dominierende Position geben.Doch genau das ist nun geplant: Die nächste Eurobike in Frankfurt soll vom 1. bis 3. September 2027 in Frankfurt stattfinden. Die deutsche Fahrradindustrie, die 2026 auf der Frankfurter Messe fehlte, plant ihre „European Bike Show“ vom 6. bis 8. September 2027 in Köln. Der Eurobike-Geschäftsführer Philipp Ferger hat dafür beißende Kritik: „Niemandem hilft es, wenn sich in eine ohnehin schon wettbewerbsintensive Messelandschaft nun auch noch ein Verband mit seiner eigenen Messe einbringt. Die Branche möchte Konzentration und nicht Zersplitterung.“ Doch an der tiefen Spaltung der Branche waren wohl auch Fergers Vorgänger beteiligt.Einen strategischen Blick auf die ganze Branche hat dagegen Gunnar Fehlau, der für die Branche mit einem Pressedienst die vielen Details der Fahrradwelt an das breite Publikum vermitteln soll: „Es könnte sein, dass sich zwei Messen auf verschiedene Schwerpunkte konzentrieren, die eine auf weltweite Zulieferketten und damit auch den internationalen Markt, die andere nahe an den deutschen und europäischen Verbrauchern.“ Natürlich sei es gut gewesen, dass es die Eurobike lange geschafft habe, unterschiedliche Interessen auf einen Punkt zu bringen. Doch die Fahrradwelt habe eben ihre Eigenheiten und auf jeden Fall auch Stärken: „Die deutsche Fahrradbranche wird gerade durchgeschüttelt, sie ist ein wenig wie ein Flohzirkus, aber sie hat Dynamik und immer noch viel Bock auf das Produkt.“