Gluthitze in Frankreich: wo Klimaanlagen ein Politikum sindFrankreich erlebt eine historische Hitzewelle. Marine Le Pen verspricht, das Land mit Klimaanlagen zu überziehen, sollte sie 2027 zur Präsidentin gewählt werden. Das halten ihre Gegner für Populismus.25.06.2026, 17.11 Uhr3 LeseminutenEin Mann sucht in einem Brunnen nahe dem Eiffelturm Abkühlung.Christophe Ena / APIn einem kleinen Kebabrestaurant nahe der Place de la Bastille in Paris laufen drei Ventilatoren auf Hochtouren. Kühlung bringen sie keine. Sie wirbeln lediglich die heisse Luft in der offenen Küche auf. Hinter der Theke schneidet Hassan Fleisch vom Spiess. Der Hitze fernzubleiben, könne er sich nicht leisten, sagt der Angestellte und wischt sich den Schweiss von der Stirn.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Ein paar Schritte weiter, im klimatisierten Monoprix an der Rue du Faubourg Saint-Antoine, strömen die Kunden durch die automatische Schiebetür in die kühle Luft. Eine Kassiererin scherzt, diese Woche habe sie den besten Arbeitsplatz im Quartier. Das Regal für Ventilatoren und mobile Klimageräte ist bereits leer geräumt.Höchste AlarmstufeFrankreich erlebt derzeit eine Hitzewelle, die einen Rekord nach dem anderen bricht. Nach den beiden heissesten Tagen seit Beginn der landesweiten Messungen 1947 folgte in der Nacht auf Donnerstag mit einer Durchschnittstemperatur von 22 Grad die bislang wärmste Juninacht. In Paris wurden am Mittwoch 40,3 Grad gemessen. Im Département Charente-Maritime an der Atlantikküste stieg das Thermometer sogar auf bis zu 43,8 Grad.Derweil gilt fast überall im Land die höchste Hitzewarnstufe. Rund 3500 Schulen blieben geschlossen, weitere 10 000 verkürzten den Unterricht oder verlegten ihn in kühlere Räume. Mindestens 40 Personen kamen bei Badeunfällen ums Leben. Der französische Premierminister Sébastien Lecornu rief am Donnerstag die höchste Alarmstufe für das Gesundheitssystem aus, damit Spitäler und Rettungsdienste den anhaltenden Belastungen standhalten können.Mit den extremen Temperaturen ist auch eine Debatte zurückgekehrt, die das Land bereits im vergangenen Sommer führte: Soll Frankreich, wo lediglich ein Viertel aller Wohnungen klimatisiert ist und damit deutlich weniger als in Italien, Spanien oder Griechenland, nun doch konsequent auf Klimaanlagen setzen? Oder braucht das Land vor allem eine grundlegend bessere Anpassung an den Klimawandel?Den Ton setzt erneut Marine Le Pen. Bereits vor einem Jahr brachte die Fraktionschefin des nationalistischen Rassemblement national (RN) einen «grand plan clim» ins Spiel. Der Staat solle Schulen, Spitäler und Altersheime mit Klimaanlagen ausrüsten und auch private Haushalte beim Einbau unterstützen. Vergangene Woche legte sie auf der Technologiemesse Vivatech nach. Es sei geradezu kriminell, Spitalzimmer ohne Kühlung zu bauen, sagte sie. Werde sie 2027 zur Präsidentin gewählt, werde der Ausbau der Klimaanlagen zu den Prioritäten ihrer Regierung gehören.Pendler warten während der Hitzewelle in einer Metrostation in Paris.Annice Lyn / Getty Images EuropeIhr Vorstoss findet angesichts der «canicule», wie die Franzosen die Hitzeperiode nennen, deutlich mehr Gehör als noch im vergangenen Sommer. Offen bleibt allerdings, wie der milliardenschwere Ausbau bezahlt werden soll. Das RN spricht von einem Fonds über 20 Milliarden Euro und zinslosen Darlehen, will gleichzeitig aber den staatlichen Umweltfonds Fonds vert und die Umweltagentur Ademe abschaffen. Rasch sprachen Le Pens Kritiker deswegen von Populismus.Die Regierungssprecherin Maud Bregeon erklärte diese Woche, die Regierung habe «keine ideologische Haltung» gegenüber Klimaanlagen. Sie seien dort sinnvoll, wo sie gebraucht würden. Dem RN hielt sie jedoch vor, den Eindruck zu erwecken, Klimaanlagen seien die Antwort auf den Klimawandel. Tatsächlich gehe es ebenso um die Sanierung von Gebäuden, die Begrünung der Städte und den Schutz besonders gefährdeter Menschen.Symbol für EnergieverschwendungBei den Grünen stiess Le Pens Vorstoss vor einem Jahr noch auf heftigen Widerstand. Während die politische Rechte in der Klimaanlage vor allem gesunden Menschenverstand sieht, galt sie für Teile des linken Lagers lange als Symbol eines energieverschwenderischen, allzu amerikanischen Lebensstils. Die Parteichefin Marine Tondelier wirft Le Pen bis heute vor, ihr Klimaprogramm darauf zu reduzieren, «Klimageräte zu kaufen». «Natürlich» seien die Grünen aber nicht gegen Klimaanlagen in Spitälern, Schulen und Altersheimen, betont Tondelier inzwischen. Sie seien aber weder ein Tabu noch eine Lösung für alles.Noch vor wenigen Jahren gehörte das RN zu den skeptischsten Parteien in der Klimadebatte. Le Pen bezeichnete den Weltklimarat GIEC 2023 als alarmistisch, andere Parteivertreter stellten die Erkenntnisse der Klimaforschung wiederholt infrage oder warnten vor einer «ökologischen Bestrafung» der Bevölkerung. Mit der jüngsten Hitzewelle hat sich der Ton deutlich verändert. Führende RN-Politiker berufen sich inzwischen selbst auf die Berichte des GIEC und werfen der Regierung vor, Frankreich nicht ausreichend auf häufigere und intensivere Hitzewellen vorbereitet zu haben.Passend zum Artikel