Hunderte reicher Männer reisen in ein Kriegsgebiet und zahlen viel Geld, um zum Spaß wehrlose Zivilisten zu töten: Das ist die Geschichte der „Sarajevo-Safari“, wie sie seit einigen Monaten von vielen Medien verbreitet wurde. Auch die F.A.Z. berichtete. Schauplatz der Schauergeschichte ist die Hauptstadt von Bosnien-Hercegovina, die von 1992 bis Ende 1995 von Truppen des später vom Kriegsverbrechertribunal zu lebenslanger Haft verurteilten bosnisch-serbischen Generals Ratko Mladić belagert wurde. Belegt ist: Mehr als 10.000 Einwohner Sarajevos kamen durch den jahrelangen, systematischen Beschuss der Stadt ums Leben. Besonders gefürchtet waren die Scharfschützen, die auf den Höhen der in einem Talkessel gelegenen Stadt lauerten.Doch die vermeintlichen Enthüllungen der vergangenen Monate gehen noch viel weiter: Reiche, weiße Männer, denen die Großwildjagd in Afrika zu fad geworden war, sollen sich beim Töten von Menschen in Bosnien einen neuen Kick geholt haben. So ist es in Hunderten Berichten zu lesen.In vielen Veröffentlichungen werden drei entscheidende Quellen für die Geschichte angegeben. Zunächst der Film „Sarajevo Safari“ des slowenischen Regisseurs Miran Zupanič aus dem Jahr 2022. Dem folgte 2026 das Buch „I cecchini del weekend“ (Die Wochenend-Scharfschützen) des italienischen Thrillerautors Ezio Gavazzeni. Ebenfalls 2026 legte der kroatische Autor Domagoj Margetić ein Buch zu dem Thema vor: „Plati i pucaj“ (Zahle und schieße) heißt es.Bei einem genaueren Blick bleibt von den Quellen wenig übrigNur: Keines dieser drei Werke hält in Bezug auf seine Quellentauglichkeit auch nur annähernd einer kritischen Prüfung stand. Wer den Film sieht und die Bücher liest, weiß danach ziemlich genau: nichts. Der Skandal der reichen Menschenjäger wird in diesen Werken zwar herbeigeraunt, aber nicht belegt oder plausibel erläutert. Dass Zupanič, Gavazzeni und Margetić in vielen Medienberichten als „Investigativjournalisten“ auftauchen, rechtfertigt ihre Arbeit jedenfalls nicht.Als Zupaničs Film 2022 in Sarajevo gezeigt wurde, erstattete Sarajevos damalige Bürgermeisterin Benjamina Karić wegen der darin behaupteten Verbrechen Anzeige gegen unbekannt. Die Staatsanwaltschaft Sarajevo hat allerdings auch fast vier Jahre später noch keine Anklage erhoben. Kein Wunder: Es gibt keine gerichtsfesten Belege. Die wichtigste Quelle des angeblichen Dokumentarfilms über die angebliche Menschenjagd ist ein Anonymus. Man sieht ihn nicht, kennt seinen Namen nicht. Der Mann berichtet, dass ihm 1991 in Ljubljana angeboten worden sei, für „eine wichtige amerikanische Agentur“ zu arbeiten, wohl einen Geheimdienst. Er nahm das Angebot an, wohl auch vom Geld gelockt: „Ich habe sehr gern Roulette gespielt, und wenn ich vier- oder fünftausend (deutsche) Mark an einem Abend verlor, bedeutete das für mich keine Kosten, denn ich wurde sehr gut bezahlt“, sagt der namenlose Protagonist über seinen geheimnisvollen Job. Auf fast drei Dutzend Reisen zwischen 1992 und 1994 will er für seine Auftraggeber in Bosnien gewesen sein und dabei auch die ausländischen Menschenjäger gesehen haben.Kaum plausible BegründungIn die Schilderungen des Anonymus, wie er die Tötung von Kindern durch reiche Ausländer beobachtet habe, sind authentische und schwer anzuschauende Amateuraufnahmen aus der Kriegszeit hineingeschnitten: blutende Opfer von Scharfschützen. Auch wird die erschütternde Geschichte eines Ehepaars geschildert, das seine kleine Tochter durch einen Scharfschützen verlor. Die Aufnahmen und die Geschichte sind echt – aber sie belegen nur die Verbrechen an sich, nicht eine Täterschaft durch ausländische Schützen. Durch eine manipulativ wirkende Schnittfolge wird diese Täterschaft aber zumindest unterschwellig insinuiert.Der italienische Autor Ezio GavazzeniAFPSeltsam mutet auch die Begründung des Anonymus dafür an, dass er nur als Schattenriss Auskunft gibt: Die Serben hätten ihn gewarnt, er dürfe nie über das reden, was er in Sarajevo gesehen habe. An anderer Stelle behauptet er dann aber, die Serben selbst hätten ihn zu den Stellungen ihrer ausländischen Scharfschützen-Kundschaft geführt – obwohl sie gewusst hätten, dass er für einen (amerikanischen) Geheimdienst arbeitete. Doch warum sollten die Serben den USA Belege für ihre Kriegsverbrechen frei Haus servieren?Eine weitere Quelle des Films hat immerhin einen Namen: Der frühere bosnische Geheimdienstmitarbeiter Edin Subašić sagt, ein gefangener serbischer Soldat habe 1993 bei einem Verhör berichtet, auf der Fahrt zur Front fünf Italiener bemerkt zu haben, von denen drei behauptet hätten, Geld gezahlt zu haben, um in Sarajevo Menschen zu töten. In Gavazzenis Buch taucht die Anekdote auch auf. Das wäre immerhin eine Quelle.Gab es die Zeugen überhaupt?Gibt es das Verhörprotokoll noch? Hat der Gefangene den Krieg überlebt? Lebt er noch? Wenn ja, wo? Würde er wieder aussagen? Diese sich aufdrängenden Fragen stellen weder Gavazzeni noch der Film. So entstehen weitere Fragen: Hat der gefangene Serbe in dem Verhör die Wahrheit gesagt? Was genau hat er gesagt? Gab es ihn überhaupt?Der Film lässt viele weitere Fragen offen, doch die sind harmlos verglichen mit dem mitunter unfreiwillig komischen Festival an Bizarrerien, das Gavazzeni seinen Lesern bietet. Gavazzeni, der eine Recherche am Tatort sowie Gespräche in Sarajevo nicht für nötig hielt, stapft mit frohgemuter Ahnungslosigkeit durch das von ihm beschriebene Terrain. Da ist etwa von einer jugoslawischen Infanterieeinheit die Rede, die in Norilsk stationiert gewesen sei – nur liegt diese Stadt nicht in Jugoslawien, sondern in der sibirischen Permafrostzone.Gerüchteküchenchef Gavazzeni serviert seinem Publikum alle paar Seiten Kostproben seiner ausgeprägten Fähigkeit, Zusammenhänge am Balkan nicht zu verstehen. Mal sind es eigene Irrtümer, mal gibt er die seiner Gesprächspartner unkommentiert wieder. Dass die Nachricht vom Massaker von Srebrenica erst zwei Wochen nach der Tat im Juli 1995 nach außen drang, ist ebenso falsch wie die Behauptung, zum Zeitpunkt des Bosnienkriegs seien Serbiens Autobahnen bombardiert worden (das geschah erst 1999), oder dass in Rumänien damals ebenfalls Krieg geherrscht habe.Wie landet man auf einem geschlossenen Flughafen?Wichtiger als diese Fehler sind aber die grundlegenden Fehlannahmen: So sollen die „Wochenend-Scharfschützen“ per Flugzeug angereist sein. An einer Stelle ist als Zitat von „einigen europäischen Flughäfen“ als Ausgangspunkt der Jagdtrips die Rede. Gavazzeni will herausgefunden haben, die blutige „Tour“ habe „wahrscheinlich“ jeweils in Triest (oder auch in Parma) mit einem Flug nach Belgrad begonnen, bevor es auf dem Landweg weiterging. Doch der Flughafen Belgrad und der ganze serbische Luftraum waren durch die Resolution 757 des UN-Sicherheitsrats vom Mai 1992 für den Flugverkehr gesperrt. Ausnahmen mussten einzeln angemeldet und genehmigt werden. Erst Ende 1994 wurde die Blockade aufgehoben.Die Vorstellung, man hätte während des Kriegs aus dem Ausland Wochenendtrips nach Sarajevo absolvieren können, sei abenteuerlich, bestätigt auch der britische Journalist Tim Judah, der 1992 Korrespondent für die „Times“ sowie den „Economist“ in Belgrad war und von allen Fronten berichtete. Es habe ewig gedauert, nach Bosnien hineinzukommen und sich dort zu bewegen, schon wegen der Straßensperren, erinnert er sich. „Einiges von dem, was ich gelesen habe – so zur Logistik, mit Flügen von Triest nach Belgrad –, kann nur von Menschen geschrieben und geglaubt werden, die keine Ahnung haben, dass der Flughafen Belgrad geschlossen war“, sagt Judah.Natürlich könne er nicht ausschließen, dass es einige wenige Einzelfälle von zahlenden Schützen aus dem Ausland gegeben habe. Doch ein jahrelanges Massenphänomen mit Hunderten Beteiligten, unbemerkt von allen Journalisten, Mitarbeitern von Hilfsorganisationen und dem UN-Personal vor Ort? Das sei eine „sensationsheischende Geschichte, die von Menschen aufgegriffen wird, die nicht dort waren und sich nicht vorstellen können, dass so etwas in irgendeinem größeren Umfang extrem unwahrscheinlich gewesen wäre“.Logische Schwächen und ZirkelschlüsseGavazzeni und seine vielen anonymen Zeugen („Der Franzose“, „der Namenlose“, „Herr X“, „NNN“) stellen solcher Skepsis vor allem Belanglosigkeiten entgegen. Auch Gavazzenis Zahlenangaben werfen Fragen auf. Laut Mirsad Tokača, dem führenden Experten für die Opferzahlen des bosnischen Kriegs, waren Scharfschützen in Sarajevo für etwa 350 Tote der Belagerungszeit verantwortlich. Laut Gavazzeni waren in der gleichen Zeit allein aus Italien etwa 230 Schützen an dem mörderischen Spiel beteiligt, „aus Frankreich und Belgien etwas weniger, einige aus der Schweiz und auch einige aus Österreich“. Viele der Täter hätten mehrere Opfer pro Ausflug getötet. Ein italienischer Schütze „erledigte in sechs Stunden zwei Kinder, eine Frau und zum Abschluss drei Alte“, zitiert Gavazzeni einen angeblichen Zeugen. Rechnet man solche Zahlen hoch, hatten serbische Truppen mit dem Scharfschützen-Terror von Sarajevo offenbar nichts zu tun – alle Scharfschützenopfer müssten von Ausländern ermordet worden sein, mit Mladićs Truppen als interessierten Beobachtern.Eine Auflistung von Gavazzenis logischen Schwächen und Zirkelschlüssen würde Seiten füllen, doch Domagoj Margetićs Buch stellt das noch einmal in den Schatten. „Frankfurter Rundschau“, „taz“, „Bild“, der Schweizer Rundfunk, „El País“, „Politico“, die „Times“ und andere Medien zitieren den Kroaten als „Investigativjournalisten“. In Kroatien beurteilen seriöse Journalisten ihn anders. Der angesehene kroatische Autor und Publizist Boris Rašeta etwa bezeichnet Margetić als „Märchenerzähler für Erwachsene“. Margetićs angebliche Enthüllungen verfolge er grundsätzlich nicht, „da ich ihm nichts glaube“, so Rašeta. Der renommierte kroatische Autor Ivica Djikić nennt Margetić „eine unglaubwürdige und unzuverlässige Quelle“ und einen Verschwörungstheoretiker. Ähnliche Einschätzungen gibt es in Kroatien zuhauf.Margetićs Buch „Zahle und schieße“ bestätigt solche Ansichten. Margetić, der 2007 vom Haager Jugoslawien-Tribunal zu drei Monaten Haft und einer Geldstrafe von 10.000 Euro verurteilt wurde, da er die Namen geschützter Zeugen in Kriegsverbrecherprozessen veröffentlicht und sie somit gefährdet hatte, hat eine ausgeprägte Phantasie. In seinem Buch behauptet er etwa: „Ein europäischer König kam, um Kinder aus Sarajevo zu töten und Frauen zu vergewaltigen.“ Unter den Menschenjägern von Sarajevo sei „mindestens“ ein gekröntes Haupt aus Europa gewesen: „Der König liebte es, Kinder zu töten. (...) Manchmal wählte er kleine Kinder, deren Mütter sie auf den Armen hielten, oder zumindest an der Hand“, heißt es in dem Buch.Die angeblichen Zeugen sind entweder tot oder anonymQuelle? Ein gewisser „Dragan“, der auf serbischer Seite angeblich einer Einheit angehörte, die für die „Logistik“ des königlichen Besuchs zuständig war. In den Pausen vom Kindertöten habe sich der König gern mit dem Vergewaltigen junger Mädchen vergnügt, die danach verschwanden, schreibt Margetić weiter, um einen seiner angeblichen Zeugen sagen zu lassen: „Nach dem Krieg waren die Leute des Königs hier tätig, um zu überprüfen, ob es irgendwelche Spuren seiner Morde und Vergewaltigungen gab, ob es Beweise oder Zeugen gab, die ihn wiedererkennen könnten; sie gruben überall, nur um zu verhindern, dass irgendetwas darüber bekannt würde oder nach außen dringe.“Immerhin: Manchmal sind Margetićs Zeugen nicht nur anonyme „Dragans“ oder „Jovans“, sondern Menschen mit vollem Namen. So wie Kroatiens früherer Ministerpräsident und Geheimdienstchef Josip Manolić. Laut einem in Margetićs Buch über viele Seiten wiedergegebenen Interview soll Manolić bereits 1995 genauestens über die angeblichen Menschenjagden von Sarajevo berichtet haben. Zwei Dinge fallen dabei auf: Manolić ist tot. Er starb 2024 in seinem 105. Lebensjahr. Gibt es eine Tonbandaufnahme, die Manolićs in dem Buch mit Punkt und Komma referierten angeblichen Aussagen belegen könnte? Oder ist Margetić ein Gedächtniskünstler? Auffallend zudem: Manolić hat die Geschichte von der „Sarajevo-Safari“ zwar angeblich Margetić in ausufernder Detailfülle erzählt, schweigt dazu aber in seinen voluminösen Memoiren. War in den zwei Bänden mit 800 Seiten vielleicht nicht genug Platz?Das Muster bei Margetić ist jedenfalls auffällig: Mindestens vier namentlich klar genannte Zeugen wussten offenbar unheimlich viel über die „Sarajevo-Safari“ und berichteten ausgerechnet dem in Kroatien nicht gut beleumundeten Margetić alles darüber. Nur sind alle vier tot. Margetićs lebende Zeugen sind dagegen meist nicht identifizierbar – oder von zweifelhafter Glaubwürdigkeit. Getreu dem Bonmot, dass auch Paranoiker verfolgt werden können, muss das nicht bedeuten, dass alles in Margetićs Buch falsch ist. Anders als Gavazzeni kennt Margetić wenigstens die Region und den Kontext. Und auch Verschwörungstheoretiker finden vielleicht einmal ein Körnchen Wahrheit.Doch insgesamt trägt auch Margetić vor allem zu dem von vielen Medien leider allzu klickbegierig verbreiteten Menschenjägerlatein einer vermeintlichen „Sarajevo-Safari“ bei. Problematisch sind dabei nicht Zupanič, Gavazzeni und Margetić. Es ist schließlich nicht verboten, schlechte Filme und Bücher zu machen. Bedenklich ist aber ein Journalismus, der sich solche Machwerke weitgehend kritiklos zu eigen macht, wenn nur die Tendenz stimmt – böse, alte weiße Männer als Täter. Vielleicht gab es die Menschenjagd von Sarajevo. Aus den immer wieder dafür angeführten Quellen ist das jedoch nicht abzuleiten.
„Sarajevo-Safari“: Zweifel an den Quellen zur „Menschenjagd“ in Bosnien
Die Geschichte der angeblichen „Sarajevo-Safari“, bei der reiche Ausländer zum Spaß Zivilisten getötet hätten, erregte weltweit Aufsehen. Sie speist sich in ihrem Kern allerdings aus äußerst fragwürdigen Quellen. Eine Spurensuche.






