Düsseldorf. Seit meinem ersten Taschengeld hatte meine Finanzstrategie vor allem darin bestanden, möglichst wenig auszugeben. Während mein Bruder den Großteil in gemischte Tüten steckte, behielt ich meines einfach für mich. Später landete alles, was ich verdiente, mit wenigen festverzinslichen Ausnahmen auf dem Girokonto.Es dürfte nicht überraschen, dass ich zum klassischen linksgrünen Geisteswissenschaftler heranwuchs, der sich lieber mit den politischen Zuständen in den USA auseinandersetzt als mit seinen Geldangelegenheiten.Das änderte sich, als ich im vergangenen Jahr meine private Altersvorsorge neu regeln musste. Immerhin, darum hatte ich mich 2008, den Studienabschluss in der Tasche, gekümmert. Damals hatte ich eine auf Aktienfonds basierende Rentenversicherung abgeschlossen, bei einem Freund, was natürlich niemals eine gute Idee ist. Alles war angeblich sehr sicher.Ich überlegte nicht lange und unterschrieb. Die jährliche Überblickspost heftete ich brav ab, ohne sie mir genauer anzuschauen.Selbst ein Sparbuch hätte mehr abgeworfenDass ich im vergangenen Jahr doch genauer hinsah, hatte wohl auch mit meinem Wechsel zum Handelsblatt zu tun. Es ist hier unmöglich, nicht irgendwann an die eigenen Finanzen zu denken. Ich war 42, und es stellte sich heraus, dass ich nach mehr als 15 Jahren und mehr als 20.000 Euro Beiträgen bloß 1000 Euro Gewinn gemacht hatte. Dabei war es den Aktienmärkten in dieser Zeit doch eher gut gegangen.Vermutlich hatte das alles auch mit den hohen Gebühren zu tun. Selbst ein Sparbuch hätte mehr abgeworfen. Ich kündigte die private Rentenversicherung beim Nachfolger meines früheren Schulfreundes. Er argumentierte nicht allzu sehr gegen meine Entscheidung.Ich hatte nun also mehr als 20.000 Euro zur Verfügung, um meine private Altersvorsorge von Neuem anzugehen. Ich, der damals gerade erst auf Online-Banking umgestellt und eigentlich vorher schon so viel auf dem Girokonto hatte, dass mich meine Volksbank regelmäßig bekniete, wenigstens einen Teil davon sinnvoller zu lagern.Für mich stand fest, dass ich das Geld halbwegs grün investieren wollte. Es lag nahe, sich für einen Aktienfonds der GLS Bank oder von Ökoworld zu entscheiden. Das aber war mit hohen Gebühren verbunden, weil bei der Auswahl der Fonds Menschen entschieden, damit es auch bloß grün genug wurde. Doch mein Bedarf an hohen Kosten war gedeckt. Ich war bereit, in Sachen Korrektheit Abstriche zu machen.Alles lief also auf einen ETF-Sparplan hinaus, der bei vergleichsweise hoher Sicherheit hohe Renditen versprach, jedenfalls wenn man das Geld mindestens ein Jahrzehnt nicht brauchte. Egal, wo ich mich informierte, immer war die Antwort ETF.Als dann noch mein sozialistischer Lieblingswirtschaftspodcast „Wohlstand für alle“ zu ETFs riet und darauf hinwies, dass sogar Karl Marx an der Börse spekuliert hatte (relativ erfolglos), war die Sache entschieden.Im August 2025 legte ich los. Diese Dinge habe ich als ETF-Anfänger seitdem gelernt.1. Die Theorie ist einfach, die Praxis nicht ganz so sehrJeder ETF-Ratgeber für Anfänger sagt im Grunde dasselbe: Direktbank wählen (wegen niedriger Gebühren), Sparplan mit breit gestreutem ETF einrichten, einmal im Jahr draufschauen, so lange wie möglich nicht anfassen, fertig. In der Praxis fand ich es nicht immer so einfach.Welche Direktbank? Gerade weil es so umfangreiche Vergleichstabellen gab, wollte ich auch wirklich die für mich beste finden. ETF ausschüttend oder thesaurierend? Einmalzahlung und Sparplan kombinieren? Bei welcher Börse die Einmalzahlung einsetzen?Geldanlage „Wer diversifiziert, gibt zu, dass er nichts weiß“ Gelernt habe ich wirklich nur, was unmittelbar wichtig ist für mich. Sonst verstehe ich bis heute wenig. Es ist ein bisschen so wie beim Autofahren: Ich weiß, was ich tun muss, damit das Ding fährt, aber nicht, was unter der Motorhaube passiert. Immerhin habe ich mich mit ETFs deutlich mehr beschäftigt als damals mit meiner privaten Rentenversicherung.2. Es ist nie grün genugDie meiste Recherche ging nicht dafür drauf, das Prinzip ETF zu verstehen, sondern mich für die geeigneten grünen ETFs zu entscheiden. Während andere sich mit Klumpenrisiko befassten, suchte ich in Foren und mithilfe von Portalen wie www.ecoreporter.de und www.faire-fonds.info eine Balance, die sowohl mein Gewissen als auch mein Bedürfnis nach Sicherheit beruhigte.Die Frage, wie grün grüne ETFs wirklich sind, hängt auch von den eigenen Kriterien ab. Jedenfalls: Ohne ein bisschen Selbstbetrug geht es nicht. Grün genug ist es nie. Aber wenn ein MSCI-World-ETF fast 1500 Positionen hat, die Socially-Responsible-Investment-Version (SRI) hingegen keine 400, wurde zumindest ordentlich ausgesiebt.Windräder auf einer Wiese: Wie grün soll mein ETF sein? Foto: dpaIch machte mir auch klar, dass nicht das möglicherweise „böse“ Unternehmen mein Geld bekommt, sondern der, der die ETF-Anteile verkauft. Aber natürlich profitiere ich davon, wenn es einem solchen Unternehmen gut geht und ich Anteile besitze.Anlagestrategie „Robuste Nachfrage“ – Grüne Geldanlage erlebt ein Comeback All diese Überlegungen führten dazu, dass ich sehr grüne, mittelgrüne und nur ein bisschen grüne ETFs kombinierte. Mit dem einen verdiene ich an Tech-Werten wie Apple, und Meta, der andere ETF hat die rausgeworfen. Außerdem gewichtete ich Europa etwas über und nahm auch Nicht-Industrienationen auf. Ob’s eine gute Entscheidung war? Meine Wahl werde ich jedenfalls nicht öffentlich machen, weil mir garantiert mehrere Leser schreiben werden, was um Gottes willen ich mir denn dabei gedacht habe.3. Mein Bedarf an Finfluencern ist gedecktMir war klar, dass es im Internet viele ETF-Experten gibt, aber mir war nicht klar, dass es so viele gibt. Selbst wenn ich nur diejenigen zähle, die halbwegs seriös auftreten. Man kann mit dem Thema viel Zeit auf Youtube und Instagram verbringen, das meiste allerdings ist Spezialwissen, das ein Normalo wie ich nicht braucht.Interessant finde ich an solchen Finfluencern, dass sie gar nicht so sehr darauf angewiesen sind, mit ihrem eigenen ETF-Portfolio eine hohe Rendite zu machen, solange sie genug Geld mit den Werbeclips vor ihren Videos verdienen.4. Ich habe Angst, zu egoistisch zu werdenIch erwische mich gelegentlich dabei, wie ich auf nachrichtliche Großereignisse zuerst mit Blick auf meine ETFs reagiere, statt mich zu fragen, wie es den stärker betroffenen Menschen damit geht. Als Donald Trump täglich seine Meinung zu Zöllen änderte, flehte ich innerlich, dass er bitte, bitte eine Weile nichts mache, damit meine ETFs nicht in den Keller rauschten. Oder wenn, dann bitte sofort, damit ich mit meiner nächsten monatlichen Zahlung aufgrund des gesunkenen Kurses zu mehr Aktien komme.Zwei alte Menschen auf einer Bank: Ziel ist, sich als Rentner entspannt zurücklehnen zu können. Foto: dpaEng damit verbunden ist die Angst, unsolidarisch gegenüber den Menschen zu werden, die noch stärker auf die staatliche Rente angewiesen sind, weil sie nicht privat vorsorgen können. Dass mir also die Diskussionen, ob die Haltelinie bei 48 Prozent oder 47 Prozent liegen soll, etwas egal werden, weil ich schließlich mein Depot habe.5. Immer raus mit der KohleIch habe angefangen, mehr Geld auszugeben. Das ist zwar keine völlig neue Entwicklung, mein Taschengeld behielt ich selbst schon lange nicht mehr für mich, aber nun habe ich sozusagen die offizielle Genehmigung. Ein bestimmter Betrag geht in meine ETF-Sparpläne. Was nach Abzug aller anderen Fixkosten übrig bleibt, darf ich ohne allzu schlechtes Gewissen ausgeben.Little Treat Culture Warum sich junge Menschen mit kleinen Käufen trösten Zum Glück interessiere ich mich weder für teure Uhren noch Autos. Aber seltene Drei-Fragezeichen-Kassetten bei Ebay, noch ein Sonos-Lautsprecher, neben dem iPad noch ein iPad Mini, weil das für längere Lektüre leichter in der Hand liegt, lieber mal wieder Pizza bestellen, statt selber kochen – ich bin dabei.6. Ich bin noch immer nicht zu hundert Prozent überzeugtEin bis drei Prozent von mir glauben weiterhin, einem Riesenscam aufgesessen zu sein. Einen breit gestreuten ETF kaufen, mindestens zehn Jahre warten, und danach hat man ziemlich sicher einen ordentlichen Gewinn gemacht – das klingt doch für ein Finanzprodukt, das Schwankungen unterworfen ist, immer noch zu gut, um wahr zu sein.Plötzlich sollen wir also alle mit ETFs unseren Ruhestand sichern, davor war es die private Rentenversicherung oder die Riester-Rente. Beides hat sich nicht als zwingend gewinnbringend herausgestellt. Und jetzt soll es anders sein? Kleiner Trost für die ein bis drei Prozent in mir: Wenn am Ende doch alles nur ein Scam ist, bin ich mit meinem Verlust nicht allein.7. Ich werde mich nie für ETFs begeisternIm Internet begegnen mir regelmäßig Menschen, die mit großem Enthusiasmus ihre ETF-Altersvorsorge betreiben. Ich gehöre nicht dazu. Weder bin ich ein Spieler noch halte ich den Gewinn für so sicher, dass mir die Planung Freude bereitet. Am Ende des Tages wäre es mir lieber, ich hätte eine staatliche Rente sicher, die ausreicht.Ich halte es für ein grundlegendes Versagen des Staates, dass er dieses Versprechen nicht (mehr) macht, und wünsche mir eine Regierung, die alles dafür tut, dass die staatliche Rente bei gemäßigten Ansprüchen locker ausreicht. Stattdessen schiebt der Staat einen Teil der Verantwortung auf seine Bürger ab.8. Ich fürchte, dass ich nichts von meinen ETFs haben werdeWenn alles so bleibt, werde ich in ungefähr 25 Jahren in Rente gehen. Aber ein großer Teil von mir ist überzeugt, dass ich, also wir alle, dann ganz andere Probleme haben werden als die Höhe der Altersbezüge.Wobei ich mir noch nicht sicher bin, ob der Planet bis dahin größtenteils geflutet oder zerbombt worden ist oder ob die große Mehrheit nur noch das Spielzeug von ein paar Tech-Billiardären sein wird. Eigentlich investiere ich fürs Alter nur für den Fall, dass ich unrecht habe. Wäre ja blöd, wenn die Apokalypse ausbleibt und ich mit fast leeren Taschen dastehe.9. Ich bleibe Fan der FestverzinsungDie Kollegen aus dem Finanzressort bitte einmal nicht hinschauen: Das Geld, das ich gerade nicht in ETFs angelegt habe oder als sofort verfügbaren Puffer bereithalte, lege ich weiterhin festverzinslich an. Festgeldkonto und Sparbrief sind für mich sehr schöne Wörter.Finanzielle Freiheit Dieser Rechner zeigt, wann Sie von Ihrem Vermögen leben können Natürlich sagen meine Kollegen mit ETF-Expertise, dass man nach zehn Jahren mit jedem MSCI World mehr hätte, aber lieber verzichte ich auf ein paar Prozent, als mich zehn Jahre lang zu sorgen, ob das Geld am Ende nicht doch weg ist. Ich will nicht nur an morgen, sondern auch an heute denken. Verwandte Themen ETFAppleEbayEuropa10. Gebühren vermeidenWer bis hierhin gelesen und vergeblich auf einen konkreten Tipp gehofft hat, den möchte ich nun belohnen. Zwar bin ich mir recht sicher, dass das schon in hundert anderen Artikeln steht, aber ich hab’s trotzdem zu spät gelernt. Für eine ETF-Einmalzahlung werden meist Gebühren fällig, bei Sparplänen in vielen Fällen nicht. Weil die Höhe der monatlichen Sparrate pro ETF allerdings je nach Bank begrenzt ist, lassen sich auch mehrere Sparpläne für denselben ETF anlegen. Wer also 10.000 Euro Einmalzahlung leisten will, kann stattdessen auch mehrere Sparpläne über 1000 Euro anlegen, und nach Erreichen der Summe wieder kündigen.Dieser Artikel erschien bereits im Januar 2026. Der Artikel wurde am 02.03.2026 erneut geprüft und mit leichten Anpassungen aktualisiert.
Geldanlage: Zehn Dinge, die ich als ETF-Anfänger gelernt habe
Unser Autor befasst sich zum ersten Mal in seinem Leben mit ETFs – und stellt fest, dass Altersvorsorge damit in der Theorie einfacher ist als in der Praxis.






