„Einen Fall darlegen heißt eine Geschichte erzählen“, schreibt Philippe Sands in seinem 2023 erschienenen Buch „Die letzte Kolonie“. Die juristische Subsumtion ist für ihn nur eine Seite dessen, um was es in einem Gerichtsverfahren geht. Hinzu kommt der Gegenstand, das Geschehnis, das möglichst sinnfällig werden muss, um das begangene Unrecht ins Bewusstsein zu heben. Eine Plädoyertechnik, die sich für den Menschenrechtsanwalt keineswegs auf den Gerichtssaal beschränkt: Die meisten von Sands’ Büchern, für die der Genrebegriff „erzählendes Sachbuch“ wie geschaffen scheint, bewegen sich gekonnt im Grenzgebiet von Rechtsgeschichte, Roman und universalistischer Fürsprache.In „Die letzte Kolonie“ geht es um Chagos, ein Archipel im Indischen Ozean, der seit dem 16. Jahrhundert ein Spielball wechselnder imperialer Mächte ist. Von den Portugiesen entdeckt, übten zwischenzeitlich Frankreich und schließlich die Briten die Hoheit über das kleine Gebiet aus. Als Mauritius, zu dem es gehörte, 1968 selbständig wurde, sollte die Emanzipation eigentlich auch für Chagos gelten. Doch die Briten hatten andere Pläne: Sie gliederten den Archipel schon vorher aus und nutzten ihn als Unterpfand, um Teile an die USA zu verpachten, die dort Militär stationierten. 1967 gingen die Briten noch einen Schritt weiter und deportierten sämtliche Inselbewohner aus ihrer Heimat.Der Ohnmacht zum Recht verhelfenSands schildert das Schicksal der Betroffenen, die sich mit Protesten an die Medien und Klagen an die Gerichte wandten. Es begann ein auf vielen Ebenen geführter juristischer und öffentlicher Kampf, in dem sich das Dilemma des Völkerrechts spiegelt: Die blanke Macht kann binnen weniger Stunden Tatsachen schaffen, gegen deren Wirkungen mehrere Generationen viele Jahrzehnte ankämpfen müssen, ohne sich des Erfolges gewiss zu sein. 2019 entscheidet der Gerichtshof in Den Haag, dass Großbritannien widerrechtlich gehandelt hat und die Besetzung Chagos’ beenden muss. Doch die britische Regierung missachtet den Beschluss zunächst und bleibt bei ihrer ursprünglichen, fadenscheinigen Argumentation – als hätte es die vielen Verhandlungen nie gegeben. Erst vor einem Jahr unterzeichnete Großbritannien ein völkerrechtskonformes Rückgabeabkommen.Sands, der in seinem Buch das begangene Unrecht und den Kampf dagegen erzählt, trat selbst als Anwalt mancher Chagossianer und als Vertreter Mauritius’ auf. Man kann das Buch im Sinne von Sands’ Gerichtstechnik als verlängertes Plädoyer lesen. Das Völkerrecht, das derzeit wieder dem alten Verdacht ausgesetzt ist, eine lebensfremde und machtferne Konstruktion zu sein, wird hier in erzählerischer Form zum Leben erweckt. Die verschachtelten Ebenen der internationalen Gerichtshöfe, deren Mühlen meist langsam mahlen und deren Durchsetzungsfähigkeit jederzeit infrage steht, erfüllen die wichtige Aufgabe, wie im Fall von Chagos, Individuen, Völkern und Staaten zu jenem Recht zu verhelfen, über das die Mächtigen einfach hinweggehen zu können glauben.In Dutzenden Fällen trat Sands vor dem Internationalen Gerichtshof auf, in Nuklear-, Grenz-, Fischerei-, Genozid-, Investitionsfragen. Meist ist ihm die Öffentlichkeit eine wichtige Verbündete, um der Gerechtigkeit den nötigen Nachdruck zu verleihen. 2005 löst er mit seinem Buch „Lawless World“ eine Debatte zur Legalität des Irakkrieges aus und enthüllt geheime Pläne der amerikanischen und britischen Regierung, einen Vorwand für die Militärintervention zu schaffen.„Ökozid" als MenschheitsverbrechenIn „Torture Team“ (2008) widmet er sich der fragwürdigen Rolle, die amerikanische Juristen bei der Rechtfertigung von Foltertechniken in Guantánamo spielten. Seit einigen Jahren kämpft Sands, der sich schon an beinahe allen wichtigen juristischen Fakultäten der englischsprachigen Welt aufgehalten hat und jetzt in London lehrt, dafür, „Ökozid“, also die bewusste Zerstörung von Ökosystemen, als Verbrechen gegen die Menschlichkeit in das Römische Statut des Internationalen Strafgerichtshofs aufzunehmen.Wenn Philippe Sands am 11. Oktober in der Paulskirche den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels entgegennimmt, wie der Börsenverein gestern Vormittag bekannt gab, wird er abermals auf die kommunikative Macht der Öffentlichkeit setzen, um das Anliegen des internationalen Rechts mit der nötigen Dringlichkeit zu versehen. Aktuelle Anlässe – von der Ukraine über Gaza bis zu den Rohingya, für die er sich unter anderem einsetzt – gibt es mehr als genug.Dass sich Sands, der als Nachkomme von Holocaustüberlebenden in London aufgewachsen ist, für „Gerechtigkeit, Frieden und die beharrliche Verteidigung des Völkerrechts“ einsetzt, wie es in der Begründung heißt, klingt mit Blick auf sein umfangreiches politisches, juristisches, akademisches und literarisches Werk fast wie eine Untertreibung. Die mit der Verleihung einhergehende Aufmerksamkeit kann er für seine unzähligen Anliegen dennoch gut gebrauchen: Vor gut zwei Monaten hat die britische Regierung angekündigt, dem Druck des US-Präsidenten nachzugeben und den Vertrag zur Rückgabe Chagos’ vorerst nicht zu ratifizieren.
Philippe Sands erhält Friedenspreis: Ein Kämpfer für das Völkerrecht
Philippe Sands deckte Folterpläne in Guantánamo auf, verteidigte Deportierte vor dem Internationalen Gerichtshof und forderte, „Ökozid“ als Straftat zu ahnden. Im Oktober wird er dafür mit dem Friedenspreis geehrt.












