Als Erstes hat uns Jason, unser Vermieter hier in Atlanta, die Garage gezeigt. Es ist eine sehr große Garage. „Ihr werdet doch ein Auto mieten, nicht wahr?“ Nun, eigentlich hatten wir das nicht vor. Kann man in Atlanta denn nicht auch ohne Auto zurechtkommen? Downtown scheint doch gleich dort drüben zu liegen. Da könnte man zum Beispiel … zu Fuß gehen?Jason blickte uns ungläubig an, während er an seinem beachtlichen schwarzen SUV lehnte. Fünfeinhalb Wochen ohne Auto in Atlanta, da würden wir mindestens verhungern, schien seine Miene zu sagen. Und es könnte auch etwas Schlimmes passieren. Also hat er uns erst mal mit Nachdruck in sein eigenes Auto verfrachtet und ist mit uns zu einem Grocery Store gefahren, ungefähr so ausladend wie in Deutschland ein Ikea. Wir luden ein paar Cornflakes, Milch und etwas Obst in unseren schrankgroßen Einkaufswagen, ein paar Nudeln, etwas Tomatensoße, Wasser und Brot. „Das war’s?“, fragte Jason.MeinungWM-Kolumne „American Football“:Ganz OhrDas schmale, hohe Haus, das hier während der WM unser Headquarter ist, liegt auf der anderen Straßenseite des Martin Luther King Jr. National Historical Park, einer der wichtigsten Sehenswürdigkeiten der Stadt. Zwei Kreuzungen weiter fährt eine Straßenbahn, das Atlanta Streetcar, auch Downtown Loop genannt. 2014 wurde sie in Betrieb genommen. Der Fahrpreis beträgt einen Dollar, cash only. Man muss die Dollarnote in einen durchsichtigen Plastikbecher werfen und an einem Hebel ziehen, damit sie nach unten durch fällt. Wenn jemand einsteigt, ohne sofort zu bezahlen, ruft die Fahrerin – aus irgendeinem Grund war es bisher immer eine Fahrerin: „Fare is one Dollar!“ Solange der Fahrgast seinen Dollar nicht in den Behälter geworfen hat, fährt die Straßenbahn nicht weiter. „Fare is one Dollar!“ Die meisten steigen dann wieder aus, als hätten sie sowieso nur mal kurz gucken wollen.Am Wochenende sind auf der Beltline so viele Menschen unterwegs, manchmal kommt man mit dem Rad kaum durchDie Straßenbahn hält allerdings, was ihr Name verspricht, sie fährt einmal quer durch die Innenstadt und dabei direkt am Stadion vorbei. Als dort am Sonntag Spanien gegen Saudi-Arabien spielte, waren zwei Fans im Spanien-Trikot, ein Sicherheitsmann und die deutschen Reporter die einzigen Fahrgäste.„Na, immer noch kein Auto?“, fragte Jason, als er mal wieder vorbeikam, um nach uns zu sehen. „Aber ihr scheint euch zurechtzufinden.“ Vor der sehr großen Garage stehen inzwischen drei Leih-E-Bikes. Vorne haben sie einen praktischen Korb dran, man kommt damit in zwölf Minuten zur Arena und in 14 Minuten zum Supermarkt. Es ist fantastisch! Vor allem dann, wenn man einen Teil der Strecke auf der Atlanta Beltline zurücklegt.Früher waren hier Bahngleise, heute verbindet ein asphaltierter Fuß- und Radweg die verschiedenen Stadtviertel miteinander, auf inzwischen 35 Kilometern, gesäumt von Grünflächen, Restaurants, Bars, alternativen Läden. Wenn man mit dem Leihrad auf die Beltline einbiegt, regelt es automatisch die Geschwindigkeit runter, auf dem Display erscheint dann eine Schildkröte. Damit man nicht aus Versehen einen der vielen Fußgänger umfährt. Vermutlich kann man an wenigen Orten so stilvoll joggen, Rad fahren, skateboarden, spazieren wie auf der Beltline. Am Wochenende sind hier Hunderte, wenn nicht Tausende unterwegs, manchmal kommt man mit dem Fahrrad kaum durch.Dafür, dass man in Atlanta im Grunde nicht zu Fuß gehen kann, gehen auf der Beltline ganz schön viele Leute zu Fuß.