Jamal Musiala ist einer der Unterschiedsspieler im deutschen WM-Kader. Wenn die Nationalmannschaft weit kommen will, muss sich der 23-Jährige noch steigern. Ein Gespräch über eigene Ansprüche, schwere Verletzungen und scharfe Soßen.In den Spielen merkt man ihm manchmal noch den fehlenden Rhythmus an: Jamal Musiala. Der Mann, der schon bei der WM 2022 in Katar mit dabei war, will im weiteren Turnierverlauf jene Form erreichen, die ihn einst zum größten Versprechen im deutschen Fußball gemacht hat. Frage: Herr Musiala, dank des 2:1 gegen die Elfenbeinküste hat sich Deutschland erstmals seit 2014 wieder bei einer WM für die K.-o.-Runde qualifiziert. Wie fanden Sie die Leistung des deutschen Teams – und was erwarten Sie für das Gruppenfinale gegen Ecuador?Jamal Musiala (23): Das Spiel gegen die Elfenbeinküste war nicht leicht, weil wir auf einen körperlich starken Gegner getroffen sind. Wir haben uns aber gewehrt, den Gegner die ganze Zeit gestresst. So eine Erfahrung kann uns im weiteren Turnierverlauf helfen: nach einem Rückstand das Spiel noch gedreht zu haben. Gegen Ecuador dürfen wir nicht nachlassen. Wir wollen im Flow bleiben. Über irgendwelche Spiele in der K.-o.-Runde und mögliche Gegner nachzudenken, bringt sowieso nichts.Frage: Wir haben ein Foto mitgebracht, auf dem Sie fünf Jahre alt sind. Was würden Sie als heutiger deutscher WM-Star Ihrem 18 Jahre jüngeren Ich sagen, wenn Sie die Gelegenheit hätten?Musiala: Ich würde dem fünfjährigen Jamal als Ratschlag noch einmal die Dinge sagen, die mich dahin gebracht haben, wo ich heute bin: Bewahre dir den Hunger, es schaffen zu wollen, um es auf die größte Bühne der Welt zu schaffen. Aber ich würde ihm ebenso raten, dass es wichtig ist, dass er weiter den Fußball genießt und Spaß am Spiel hat.Lesen Sie auchFrage: Ihr großes Kindheitsidol war Lionel Messi, der am Mittwoch 39 Jahre alt wird. Beim 3:0 der Argentinier gegen Algerien erzielte er alle drei Tore, danach beide beim 2:0 über Österreich. Darf auch der 39-jährige Messi noch als Idol gelten?Musiala: Ja, was soll man über Messi noch sagen? Die Qualität, die er heute noch zeigt, wird er wahrscheinlich auch noch mit 60 Jahren haben (lacht). Er ist ein Superspieler, der seine Mannschaft immer noch besser macht. Dabei ist Argentinien auch als Mannschaft an sich auf einem Top-Level. Ich glaube, dass jeder Spieler von Messi auch bei dieser WM noch lernen kann.Frage: Sie haben selbst einmal gesagt, dass es Ihr Ziel sei, wie Messi Weltfußballer zu werden. Messi gehört mittlerweile zur alten Generation, jüngere Stars wie Lamine Yamal und Sie drängen nach. Schlägt bei dieser Weltmeisterschaft die Zeit Ihrer Generation?Musiala: Wir wollen bei diesem Turnier zeigen, was wir draufhaben. Von so einer großen Auszeichnung will ich aber jetzt gar nicht sprechen, das ergibt sich – wenn, dann irgendwann, und an erster Stelle steht immer das Team. Schon seit ich ein Kind war, will ich immer die bestmögliche Version aus mir herauskitzeln. Dafür pushe ich mich jeden Tag. Was ich mittlerweile aber gelernt habe, ist, geduldig zu bleiben. Ich weiß: Gerade nach meiner Verletzung muss ich Geduld haben. Genauso weiß ich aber, dass ich die Qualität dazu habe, die hohen Ziele, die ich mir gesetzt habe, eines Tages zu erreichen. Ich mache mir da aber wegen persönlicher Trophäen keinen Druck.Frage: Neben dem Fußball zählt Basketball zu Ihren großen Leidenschaften. Hatten Sie im DFB-Quartier abends auch mal die Zeit, die NBA-Finals zu schauen?Musiala: Ja, ich habe sie gesehen. Es war leider am Ende fast ein bisschen langweilig, weil die Serie so schnell beendet war. Ich habe eigentlich erwartet, dass es bis zum siebten Spiel gehen wird. Aber die New York Knicks haben gegen die San Antonio Spurs verdient gewonnen.Frage: Sind die Knicks mit der deutschen Nationalmannschaft vergleichbar? Sie wurden zuletzt 1973 NBA-Ch­ampion. Auch Deutschland hatte bei den vergangenen beiden Weltmeisterschaften wenig Erfolg, galt vor dem Turnier nicht als einer der Titel-­Favoriten.Musiala: Was die Knicks so stark macht, ist der mannschaftliche Zusammenhalt. Man könnte sagen, dass die Spurs die besseren Einzelspieler haben, die größeren Stars wie beispielsweise Victor Wembanyama. Aber das Team der Knicks passte einfach besser zusammen. Und das kann bei uns auch der entscheidende Faktor werden. Wir sind eine gute Gruppe, haben eine tolle Stimmung im Team und geben auf dem Platz alles füreinander. Das wollen wir beibehalten, und das können wir uns von den Knicks abschauen, um ähnlich erfolgreich zu sein wie sie diese Saison.Frage: Eines Ihrer Idole neben Messi ist Basketball-Superstar Steph Curry von den Golden State Warriors. Was können Sie von ihm lernen?Musiala: Ich möchte die gleiche Freude versprühen, die er auf dem Platz vermittelt. Er hat hart gearbeitet, um da hinzukommen, wo er heute ist. Steph Curry hatte ähnlich wie ich mit Verletzungen zu kämpfen, er musste sich richtig durchbeißen. Er hatte in seiner Karriere gute und schlechte Phasen, aus denen er gelernt hat. Er hat immer an sich geglaubt. Mir gefällt, wie er als Mensch ist. Er hat sich trotz des Erfolges nie verändert, ist immer freundlich und sympathisch geblieben. Ich habe ihn zwar noch nicht persönlich getroffen. Aber alles, was ich von ihm mitbekomme, ist, dass er ein sehr guter Typ ist.Frage: Bei der WM 2022 haben Sie noch zu den Neulingen gehört, hatten die Rolle des unbekümmerten Dribblers. Jetzt zählen Sie als Leader, der die Mannschaft mit zum Titel tragen soll. Wie verändert das für Sie Ihre Rolle?Musiala: Meine Rolle hier bei der WM ist auf jeden Fall eine andere als vor vier Jahren. Klar gehe ich immer noch in meine Dribblings, bekomme dabei ein immer besseres Gefühl. Man darf aber nicht vergessen, dass ich aus einer Verletzung zurückkomme. Je mehr Minuten und Spiele ich mache, ein umso besseres Gefühl bekomme ich am Ball. Das Zocken macht mir wieder richtig Spaß. Aber es ist schon so, dass meine Aufgaben für das Team mehr geworden sind. Ich bin auch mehr verantwortlich für unsere Abschlüsse und will genauso in der Defensive mithelfen. Ballgewinne machen auch richtig Spaß. (lacht)Frage: Sie machen sich viele Gedanken über Ihre persönliche Leistung. Sind Sie selbst Ihr größter Kritiker?Musiala: Absolut. Ich brauche keinen Druck von außen, denn niemand macht mir mehr Druck als ich mir selbst. Was ich über die Jahre aber auch gelernt habe: Ich darf nicht zu hart mit mir selbst sein. Das beeinflusst dein eigenes Spiel am Ende nur negativ. Wenn ich einen Fehler mache und danach aufstecke, tut mir das nicht gut. Ich möchte versuchen, locker zu bleiben und einen kühlen Kopf zu bewahren.Frage: Haben Sie sich persönliche Ziele für die WM gesteckt?Musiala: Wie ich sagte: Ich glaube, mir Extra-Druck zu machen, bringt nichts. Ein Wunsch von mir ist auf jeden Fall, dass ich viele Tore schieße. Aber wenn Kai (Havertz; d. Red.), Deniz (Undav; d. Red.) oder Flo (Wirtz; d. Red.) treffen, bin ich genauso glücklich.Frage: Bundestrainer Julian Nagelsmann setzt großes Vertrauen in Sie. Ist es ein Vorteil, dass Sie sich beide schon aus der gemeinsamen Zeit beim FC Bayern kennen?Musiala: Das kann sein. Julian ist ein super Trainer, er schenkt jedem einzelnen Spieler Vertrauen. Das ist genau diese Art von Vertrauen, die ich brauche. Genauso spüre ich das im Verein durch Vincent Kompany. Es hilft mir enorm und tut mir extrem gut. Ich kann dadurch frei und selbstbewusst aufspielen. Ich arbeite hart, um das Vertrauen, das Julian mir entgegenbringt, zurückzuzahlen.Frage: Ihre Rolle ist die des Spielmachers, Sie tragen die Rückennummer 10. Wie fühlt sich diese verantwortungsvolle Position für Sie an?Musiala: Ich trete selbstbewusst auf und habe Freude auf dem Platz. Ich kann mich bei der Mannschaft und dem Trainerteam nur bedanken, weil ich meine Aufgaben kenne und das spielen darf, was ich gerne spiele. Ich versuche immer, alles zu geben – in erster Linie für meine Teamkollegen. Ich fühle mich gut auf dem Platz. Das ist auf jeden Fall ein anderes Gefühl als noch vor vier Jahren. Ich habe über die Zeit viel dazugelernt und bin gewachsen.Frage: Wie viel Spaß bereitet es Ihnen dabei, wieder gemeinsam mit Florian Wirtz zu wirbeln?Musiala: Das macht mir tatsächlich sehr viel Spaß. Ich glaube, Flo und ich zocken richtig gut zusammen. Das gilt auch für Kai, Leroy (Sané; d. Red.), Felix (Nmecha; d.Red.) und Pavlo (Pavlovic; d. Red.). Die gesamte Mannschaft ist super drauf. Egal, auf welcher Position ich spiele: Ich kann mit jedem kombinieren. Aber es stimmt schon: Flo und ich harmonieren auf dem Feld sehr gut, wir können auch mal Positionen rotieren. Es macht einfach Spaß, diese Lockerheit und Freiheit auf dem Platz zu haben.Frage: Neben Ihnen stehen fünf weitere Bayern-Profis im Kader, dazu noch Jonas Urbig als Trainings-Torwart. Wie wichtig ist dieser Bayern-Block für die Titelchancen, und wie gut tut er Ihnen persönlich?Musiala: So ein Block ist zu 100 Prozent positiv. Aber die Stimmung ist nicht nur bei uns Bayern-Spielern super, sondern im gesamten Team. Egal, wer auf dem Platz steht: Wir haben ein echtes Wir-Gefühl. Das müssen wir uns unbedingt erhalten. Gerade, wenn jetzt weitere schwere Gegner kommen. Nicht jedes Spiel wird so gut laufen wie das gegen Curaçao. Deswegen müssen wir zusammenhalten mit dem Spirit, dass jeder dem anderen hilft und wir in jeder Sekunde 100 Prozent geben.Frage: Zum ohnehin schon großen Bayern-Block könnte mit Nathaniel Brown bald ein weiterer Profi kommen. Der FC Bayern soll sich mit Eintracht Frankfurt bereits über seinen Wechsel einig sein. Haben Sie mit Brown schon darüber gesprochen?Musiala: Nein, am Ende ist das nur seine Entscheidung. Aber man sieht, dass er eine hohe Qualität hat. Es macht richtig Spaß, mit ihm zu spielen. Er ist ein super Spieler, und ich bin mir sicher, dass er sich im Laufe der WM immer mehr in einen Rhythmus spielen wird.Frage: Gab es im Turnier bisher eine Mannschaft, die Sie besonders überrascht hat?Musiala: Das 0:0 von Spanien gegen Kap Verde hatte ich nicht erwartet. Dieses Spiel hat gezeigt: Bei einer WM kann alles passieren. Senegal hat zwar gegen Frankreich verloren, war aber auch sehr gut.Frage: Würden Sie sich über ein Duell mit Spanien freuen, um sich für das Viertelfinal-Aus bei der Heim-EM 2024 zu revanchieren?Musiala: Nein, ehrlich gesagt habe ich das nicht auf dem Schirm. Ich kenne den Turnierbaum auch nicht. Mein Fokus gilt immer nur dem nächsten Spiel. Wenn es so kommen sollte, dass wir gegen Spanien spielen, dann kommt es so. Aber darauf fiebere ich nicht hin.Frage: Um Sie gab es zuletzt eine ­öffentlich ausgetragene ­Situation zwischen den TV-Experten Thomas Müller, Jürgen Klopp und Lothar Matthäus. Müller und Klopp forderten Undav anstelle von Ihnen in der Startelf, Matthäus hielt dagegen. Wie verstehen Sie sich mit Undav?Musiala: Von der Diskussion habe ich nichts mitbekommen, ich verfolge so etwas nicht. Unabhängig davon kann ich sagen: Ich mag Deniz, mit ihm kann ich sehr gut reden. Wir schauen gemeinsam WM-Spiele oder zocken Karten. Auch im Training verstehen wir uns gut. Er hat richtig viele Qualitäten. Das hat man auch gegen Curaçao und die Elfenbeinküste gesehen, nachdem er eingewechselt wurde. Genau so einen Spieler brauchen wir in der Mannschaft.Frage: Lässt Undav Sie auch ­manchmal von seiner extrascharfen Soße probieren, die ihm DFB-Koch „Schmausi“ zu den Mahlzeiten separat reicht?Musiala: Eine habe ich mal ausprobiert. Aber die war nicht so scharf wie die von Deniz. Das ist nichts für mich, ich habe keine Lust auf Bauchprobleme. (lacht)Frage: Ihr Kapitän holt sich in seiner WM-Freizeit hier Inspiration aus Büchern. Aktuell liest Joshua Kimmich den Bestseller „Belonging“ von Owen Eastwood. Haben Sie auch eine Lektüre dabei?Musiala: Tatsächlich habe ich in das Buch von Jo schon reingeblättert und will es mir mal ausleihen. Falls er es nicht rausrückt, finde ich schon einen Weg, da ranzukommen (lacht). Ich selbst habe meine alten Tim-Grover-Bücher über Michael Jordan und Kobe Bryant mit dabei. Zurzeit brauche ich aber gar nicht viel Einfluss von außen. Für mich ist es am besten, einfach mal runterzukommen, sich auszuruhen, vielleicht auch mal Atemübungen zu machen.Das Interview wurde für das Sport-Kompetenzcenter (WELT, „Bild“, „Sport Bild“) erstellt und zuerst in der „Sport Bild“ veröffentlicht.