Vor 50 Jahren wurde das Meme erfunden – wie das Internetphänomen entstanden istMemes sind im Internet omnipräsent und entsprechend wirkmächtig. Sie werden von Politikerinnen und Politikern im Wahlkampf eingesetzt und neuerdings sogar als Kunst gehandelt. Warum sind diese oft humorvollen Bilder und Videos derart erfolgreich?Maurice Koepfli25.06.2026, 05.30 Uhr3 LeseminutenChristine Tien Wang: Das Werk «Capitalism Cat» aus dem Jahr 2024 kann für 14 000 Euro erworben werden.Foto: Simon Vogel / Christine Tien Wang, Galerie Nagel DraxlerDie Pointe ist simpel, die Bildsprache schlicht: Eine Katze wacht auf, blickt kurz in die Welt und schläft weiter. Über der vierteiligen Bildfolge steht der Satz: «When you wake up and it’s still capitalism».Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Das Werk, das an der Art Basel unweit der kubistischen Porträts Pablo Picassos hing, ist ein Klassiker. Allerdings weniger in der Kunstwelt als im Internet. Das Motiv basiert auf einem Meme – einem jener Bilder, die im Netz geteilt, verbreitet und weiterverarbeitet werden.Weil sie Botschaften in einfache Bilder, Texte oder Videos verpacken, können Memes innerhalb kurzer Zeit Millionen von Menschen erreichen. Selbst Politiker nutzen sie, um für ihre Programme zu werben. Dass eine neue Variante des Katzen-Memes nun an der Art Basel hängt, markiert den vorläufigen Höhepunkt eines modernen Phänomens.Das egoistische MemeJoanna Nowotny ist Kulturwissenschafterin und arbeitet beim Schweizerischen Literaturarchiv. Sie hat mehrere wissenschaftliche Bücher über Memes geschrieben und sagt: «In unserer digitalen Gesellschaft gehören Memes mittlerweile zur Alltagskommunikation.» Das Internet sei voller Katzen, Frösche und Comicfiguren, die scheinbar harmlose Witze und politische Botschaften verbreiteten.Der Ursprung des Begriffs sei jedoch älter als das moderne Internet. Er geht auf den Evolutionsbiologen Richard Dawkins und sein 1976 erschienenes Buch «The Selfish Gene» zurück. Dawkins interessierte sich für die Frage, wie sich kulturelle Praktiken wie Feste oder Tänze in einer Gesellschaft durchsetzen. Er argumentierte, dass sie sich ähnlich wie Gene verbreiten – allerdings nicht durch Vererbung, sondern durch menschliche Imitation. Als «Meme» bezeichnete er jede kulturelle Tätigkeit, die auf diese Weise weitergegeben wird.Richard Dawkins, Evolutionsbiologe.GettyGenau das geschah in beschleunigter Form mit dem Aufkommen des Internets in den 1990er Jahren. In anonymen Online-Foren entstanden eigene Subkulturen. Nutzer teilten Bilder, die von anderen aufgegriffen, verändert und mit neuen Bildunterschriften versehen wurden. Die Motive wurden zum Ausdruck gemeinsamer Erfahrungen, Witze und Vorurteile. Durch ständige Wiederholung und kleine Abwandlungen entstanden dadurch Memes.Der WanderzyklusDamit ein Meme erfolgreich wurde, musste es früher mehrere Selektionsstufen hinter sich bringen. In den Anfangsjahren des Internets verlief die Verbreitung von Inhalten deutlich langsamer. «Erfolgreiche Memes durchliefen in den nuller Jahren und den frühen 2010er Jahren einen typischen Wanderzyklus», sagt Nowotny.Die meisten entstanden auf Nischenplattformen wie 4chan, wurden auf Foren wie Reddit aufgegriffen und erreichten erst danach die grossen sozialen Netzwerke. Ihr Erfolg beruhte auf einer schrittweisen Verbreitung von Gemeinschaft zu Gemeinschaft.Mitte der 2010er Jahre änderte sich dieses Prinzip. «Zunehmend entschieden Algorithmen statt Nutzer darüber, welche Inhalte sichtbar wurden», sagt die Kulturwissenschafterin Nowotny. Aufmerksamkeit wurde zur entscheidenden Währung. Wer Empörung, Wut oder Schadenfreude auslöste, konnte innert Stunden Millionen Menschen erreichen.Lego-Figuren und Bowling-PinsIn diesem Umfeld entdeckte auch die Politik die Macht der Memes. Spätestens im amerikanischen Präsidentschaftswahlkampf von 2016 wurde ihr Potenzial einem breiten Publikum sichtbar. Memes wurden gezielt eingesetzt, um Botschaften zu verbreiten und politische Gegner anzugreifen. Zu den wichtigsten Zielscheiben gehörte die demokratische Kandidatin Hillary Clinton.Mittlerweile nutzen Akteure des gesamten politischen Spektrums Memes. Künstliche Intelligenz hat ihre Produktion zusätzlich vereinfacht: Bilder und Videos lassen sich innert Minuten erstellen und millionenfach verbreiten. Wie selbstverständlich Memes inzwischen zur politischen Kommunikation gehören, zeigte sich jüngst im Konflikt zwischen den USA, Israel und Iran.Alle Seiten verbreiteten KI-generierte Inhalte und Memes, um ihre Sicht der Ereignisse zu vermitteln. Dabei wurde Donald Trump etwa als aufgebrachte Lego-Figur dargestellt und iranische Ziele als Bowling-Pins inszeniert.Mit Dawkins’ Vorstellung einer kulturellen Weitergabe durch Nachahmung hat das nur noch wenig gemein. Viele erfolgreiche Memes verschwänden heute so schnell, wie sie auftauchten, sagt die Kulturwissenschafterin Joanna Nowotny. Wer einen Klassiker sehen will, muss wohl eher ins Museum gehen.Passend zum Artikel
Vor 50 Jahren wurde das Meme erfunden – wie das Internetphänomen entstanden ist
Memes sind im Internet omnipräsent und entsprechend wirkmächtig. Sie werden von Politikerinnen und Politikern im Wahlkampf eingesetzt und neuerdings sogar als Kunst gehandelt. Warum sind diese oft humorvollen Bilder und Videos derart erfolgreich?









