MeinungSpaceX ist nicht der Beweis irrationalen Überschwanges an der Börse Vergleiche mit der Tulpenmanie des 17. Jahrhunderts haben derzeit Hochkonjunktur. Sie greifen allerdings zu kurz. Die Börsen befinden sich nicht in einer Blase, weil sie nicht nur ein Thema spielen, sondern durchaus differenzieren.Alfons Cortés25.06.2026, 01.28 UhrDer Börsengang von SpaceX wird gerne als Zeugnis einer spekulativen Überhitzung zitiert. Der Verweis auf das Buch «Extraordinary Popular Delusions and the Madness of Crowds» von Charles Mackay und insbesondere die Parallelen zur Tulpenmanie in Amsterdam, die in Mackays Buch zelebriert wird, liegt in der Luft.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenThemarket.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Doch wie Peter M. Garber in «Famous First Bubbles» schreibt, ist die Evidenz bei Mackay äusserst dünn.Kann ich beurteilen, wer recht hat? Nein. Aber in Anlehnung an das Buch «Information als Gegenstand des Rechts» von Professor Jean Nicolas Druey ist Information kein Wert an sich, und eine der Messlatten zur Wertung von Information ist die Quelle.Dem Buch von Peter Garber geht ein Vorwort des renommierten, leider allzu früh verstorbenen Professors Rudi Dornbusch voraus, und der Umschlag enthält eine positive Beurteilung von Professor Robert Shiller, dem für seine Forschung im Bereich der Verhaltensökonomie 2013 der Wirtschaftsnobelpreis verliehen wurde. Im Vertrauen auf die Quellen Dornbusch und Shiller kam bei mir der Glaube auf, dass die Ausführungen von Peter Garber stimmen. Aber dann kam der eminente Wirtschaftshistoriker Charles Kindleberger ins Spiel, der in «Manias, Panics, and Crashes» eine Kritik an der Arbeit von Peter Garber übt.Trotz Informationsflut nie ausreichend informiert Jetzt komme ich zur Sache: Die meisten Informationen, auf die wir uns an der Börse stützen, hat jemand bereits vorverarbeitet. Selbst quantitative Daten unterliegen einer Fülle von Schätzungen. Wer mit Privatmärkten zu tun gehabt hat, weiss, wie sich professionelle Schätzer bei Investitionen über wesentliche Faktoren streiten können.Schwieriger noch ist, sich ein zuverlässiges Bild von den exogenen Kräften zu machen, die eine Wirkung auf den wirtschaftlichen Gang vieler Unternehmen haben können. Von der Zollpolitik des US-Präsidenten bis zum Krieg gegen Iran und den Libanon sowie der Beeinträchtigung von Lieferketten und dem Verkehr in der Strasse von Hormuz gar nicht zu sprechen. Die Archive werden, wenn sie in dreissig Jahren den Historikern zugänglich sind, offenbaren, was wir alles nicht gewusst haben, aber hätten wissen müssen, um ausgewogene Entscheidungen treffen zu können.Zu SpaceX kann ich mich kurz fassen: Kursexplosionen von «gehypten» Börseneinführungen und spätere Kursimplosionen sind häufig und keine Ausnahme. SpaceX ist nicht der Beweis irrationalen Überschwanges an der Börse.Was es heisst, die Gegenwart auf den Punkt zu bringen Nach Schliessung der Wahllokale werden erstaunlich zutreffende Hochrechnungen erstellt, die das Resultat einer Parlamentswahl vorwegnehmen. Es handelt sich nicht um Meinungsumfragen, sondern um Ergebnisse, die auf der Basis getroffener Entscheidungen zustande gekommen sind. So wie Kurse an der Börse.Die Verwertung der marktgenerierten Daten ist ähnlich zu verstehen. Sie bringen die zuletzt gemessene Gegenwart zum Ausdruck.Wenn unmittelbar nach einer Parlamentswahl eine neue Wahl erfolgen würde, wäre das Ergebnis nicht komplett anders. Das heisst aber nicht, dass eine Wahl nach Wochen, Monaten oder noch später anders ausfallen würde.So ist es auch an der Börse. Ich ermittle nur die Gegenwart und versuche, sie auf den Punkt zu bringen. Die Raison dahinter ist, dass die marktgenerierten Daten die Handlungen einer sehr grossen Zahl von Akteuren und damit indirekt die Meinungen zum Ausdruck bringen, auf deren Basis sie ihre Entscheide getroffen haben.Marktpreise sind nicht das Ergebnis einer professionellen Bewertung, sondern das unbeabsichtigte Ergebnis einer Vielzahl beabsichtigter Handlungen von Millionen von Akteuren. Sie sind einfach faktisch.Diese von der Börse herbeigeführte «Gegenwart» ändert sich strukturell nur langsam. Es gilt aber, laufend zu überprüfen, ob sie erodiert oder sich verfestigt. Vom Beginn einer Erosion bis zu einer strukturellen Veränderung braucht es aber Zeit. Millionen von «Wählern» ändern ihre Meinung nicht von einem Tag auf den anderen.Das ist die Gegenwart an den globalen Aktienmärkten Gegenwärtig wird an den globalen Aktienmärkten sehr deutlich unterschieden zwischen Branchen und Unternehmen, die unter den Auswirkungen geopolitischer Störungen leiden, und solchen, die von Aufrüstung, Infrastrukturinvestitionen und Massnahmen zur Verbesserung der Umweltbilanz profitieren. Und ebenso von der Schumpeter’schen schöpferischen Zerstörung mit der anlaufenden Vertiefung der Digitalisierung in wohl historischem Ausmasse.Die globalen Aktienmärkte sind strukturell nicht von zerstörerischen spekulativen Blasen bedroht.Diese Einschätzung beruht auf der empirisch nachweisbaren Tatsache, dass sich spekulative Blasen grundsätzlich in spezifischen Themen aufblähen. Dazu zählen eine ausserordentliche Entwicklung eines Landes oder einer Region oder ein spektakulärer Durchbruch in einer Technologie. So kam in den Jahren 1987 bis 1989 eine spekulative Blase in Japan zustande und von April 1998 bis März 2000 eine solche in den Sektoren Technologie, Medien und Telecom. Beide dürften insbesondere bei älteren Marktakteuren noch in lebhafter Erinnerung sein.Ein wesentliches Merkmal ist, dass die Marktbreite in den «Profiteuren» einer Blasenbildung extrem hoch wird, während sie in anderen Marktsegmenten abnimmt. Nach meiner Methode liegt die Marktbreite in der Spätphase einer spekulativen Blase um die 100%.Diese Ausführungen sollen helfen, die folgenden Daten zu beurteilen.Eine repräsentative Auswahl der Datenlage der Gegenwart Die Marktbreite im gesamteuropäischen Raum liegt bei 55,1%, in Nordamerika bei 61,2% und in Japan bei 56,8%.Die Marktbreite im MSCI Energy wurde durch die Entwicklung im Nahen Osten vorübergehend auf 100% aufgeblasen. Mittlerweile liegt sie bei 92,5%. Der Sektor wurde in meinem Beitrag vom 15. Mai ausführlich behandelt. Die dortigen Feststellungen gelten immer noch.Die Marktbreite in den sechs besten Sektoren liegt zwischen 55,3% in Information Technology und 78,9% in Utilities.Die Marktbreite in den schwächsten Sektoren liegt zwischen 52,3% bei Real Estate und 38,5% in Communication Services.Unter den 69 Industrien gibt es nur vier mit einer Marktbreite von 100%: Electrical Equipment, bestehend aus vierzehn Aktien, Energy Equipment & Services mit vier Aktien, Marine, in der sechs Aktien vertreten sind, und schliesslich Mortgage REIT, die eine einzige Aktie enthält und daher immer mit 100% ausgewiesen wird.Electrical Equipment ist die stärkste Industrie im MSCI Industrials, der zu den sechs besten Sektoren gehört. Die Marktbreite von 61,3% zeigt, dass auch dieser Sektor vom Markt wählerisch und nicht euphorisch angegangen wird.Das wird noch dadurch unterstrichen, dass von vierzehn Industrien, die im MSCI Industrials vertreten sind, drei zu den fünfzehn stärksten Industrien aus allen Sektoren gehören und zwei zu den fünfzehn schwächsten. Mit Ausnahme von Electrical Equipment sind das relativ kleine Industrien, die keinen nennenswerten Einfluss auf die Stimmung an den Aktienmärkten haben können.Von insgesamt 69 MSCI-Industrien weisen im Unifinanz-Modell 29 negative Ratings auf. Dazu gehören zwei aus dem MSCI Information Technology, nämlich IT Services und Software.Sonderfall Semiconductors Anders Semiconductors mit einer Marktbreite von 96,8%. Hier gibt es viele Aktien, die insbesondere seit Anfang April sehr stark gestiegen sind. Die meisten haben zwischendurch konsolidiert, einige konsolidieren derzeit. Merkmale einer Blasenbildung liegen vor. Der aktuelle technische Status der Industrie ist vergleichbar mit jener des Nasdaq 100 am 5. Dezember 1996, als der diese Woche verstorbene damalige US-Notenbankchef Alan Greenspan die in die Geschichte eingegangenen Worte sprach, die US-Börse befinde sich in einer «irrational exuberance».Der Nasdaq handelte damals bei 835.80. Im Höhepunkt der Hausse im März 2000 waren es 4816.35, was einem Anstieg von 476% entsprach. Der S&P 500 avancierte in der gleichen Zeit von 744.38 auf 1553.10. Das entspricht immerhin einem Gewinn von 108%.Ich könnte noch viele Beispiele nennen, die meine These belegen, dass der globale Aktienmarkt die Herausforderungen unserer Zeit durchaus in seine Investitionsentscheide einbezieht. Deshalb kann man davon ausgehen, dass frei nach Professor Andrew Lo die Weisheit der Massen und nicht die Verrücktheit des Mobs vorliegt. Das spricht für die Anpassung an das Marktgeschehen und gegen konträre Einzelläufe.Alfons CortésAlfons Cortés ist seit März 1971 professionell an der Börse unterwegs. Bis Juni 2017 war er Geschäftsführender Partner von UnifinanzTrust reg., Vaduz. Seit Juli 2017 ist er Senior Partner im Unternehmen und für den Bereich Research zuständig. Diesem hat er von Anbeginn seiner Tätigkeit an besonderes Augenmerk zukommen lassen. Daraus erwuchs die prominente Position des Unternehmens in der Anwendung von Behavioral-, Neuro- und Evolutionary Finance. Cortés hat nicht nur als Vermögensverwalter und Analyst, sondern auch als Mitglied von Anlageausschüssen institutioneller Anleger über Jahrzehnte Erfahrungen mit den Finanzmärkten gesammelt. Er schreibt jeden zweiten Donnerstag eine Kolumne für The Market.