Es ist keine günstige Ausgangsposition für die Karriere eines jungen Basketballspielers, in der anspruchsvollen Welt des amerikanischen Collegesports in einem Team zu landen, das bestenfalls gerade so mithalten kann. Für den Würzburger Hannes Steinbach aber war es wohl genau die richtige Zwischenstation in einer Karriere, die ihn am Dienstag geradewegs in die beste Liga der Welt führte.Denn zumindest die Scouts der Charlotte Hornets sahen in ihm einen Spieler, der aus dem Mittelmaß der Mannschaft der University of Washington herausragte: einen 2,11 Meter großen, 20 Jahre alten Center, der sich in seiner einzigen Saison in Seattle als bester Rebounder des Landes in seiner Altersgruppe empfahl. Sein Trainer Danny Sprinkle lobte ihn vor ein paar Wochen zum Abschied mit den Worten: „Er arbeitet hart und ist ein erstklassiger Mannschaftsspieler. Er hat sich kein einziges Mal darüber beschwert, dass er nicht oft genug den Ball bekam, um einen Korb zu machen.“Christian Anderson wird mit Isaiah Hartenstein verglichenDie Hornets wählten ihn aus, als sie als 14. der 30 NBA-Teams in der ersten Draftrunde an der Reihe waren. Sie sicherten sich die Dienste eines Nachwuchstalents, dem zugetraut wird, dass es sich in naher Zukunft gegen Figuren behaupten kann, die seit einer Weile das Spiel in der Liga prägen: den Serben Nikola Jokić (Denver Nuggets), den Franzosen Victor Wembanyama (San Antonio Spurs) oder den Griechen Giannis Antetokounmpo, den die Milwaukee Bucks einen Tag zuvor in einer spektakulären Tauschaktion an die Miami Heat abgegeben hatten.Zweiter Deutscher für die Hornets: Auch Christian Anderson wird von Charlotte ausgewählt.AP Photo/Yuki IwamuraKurz nach Steinbachs Auftritt in der Arena der Brooklyn Nets entschieden sich die Hornets aus dem Bundesstaat North Carolina an Position 18 noch für einen weiteren Deutschen: den 20 Jahre alten Guard Christian Anderson, der die Texas Tech University besucht hatte. Der in Atlanta geborene Deutsch-Amerikaner war gemeinsam mit Steinbach 2025 mit der deutschen U-19-Mannschaft WM-Zweiter geworden.Steinbachs Qualitäten werden gerne mit denen eines anderen deutschen Centers verglichen. Gemeint ist Isaiah Hartenstein, der ein paar Jahre brauchte, ehe er bei den Oklahoma City Thunder, seinem sechsten NBA-Team, das beste Umfeld für seine Fähigkeiten fand und vor einem Jahr als zweiter Deutscher nach Dirk Nowitzki die Meisterschaft gewann.Steinbachs Beziehung zu Nowitzki ist allerdings noch bemerkenswerter: Nicht nur kommen beide aus derselben Stadt, sein Vater Burkhard hatte einst auch zusammen mit dem späteren Star der Dallas Mavericks in einer Mannschaft gestanden. Der Sohn könnte nun ebenso wie Nowitzki eine wichtige Rolle im Nationalteam spielen, in dem nach beachtlichen internationalen Erfolgen ein Generationswechsel bevorsteht.Ein Spieler von der Größe Steinbachs kommt da sehr gelegen, um zusammen mit NBA-Profis wie Franz Wagner und Tristan da Silva von den Orlando Magic einen neuen Leistungskern zu bilden. Dass er sich weiter steigern wird, ist nach Ansicht seines Trainers in Seattle so gut wie garantiert. „Ich habe ehrlich nichts Schlechtes über ihn zu sagen“, ließ Sprinkle wissen. „An den Defiziten, die er jetzt noch hat“ – darunter die Beweglichkeit unter dem Korb –, „wird er arbeiten. Er wird sich zu einem ungeheuer guten Spieler entwickeln.“Steinbach hat gelernt, hart um jeden Rebound zu kämpfenDie richtige Einstellung, sagt Steinbach selbst, verdanke er seinem Vater. „Er war lange mein Trainer und hat mir beigebracht, dass ich ständig an meinem Spiel arbeiten und mich steigern muss.“ In der Jugend – etwa in der U 14 und der U 16 – lernte er aber noch ein paar Dinge mehr. Denn dort war er zeitweise nicht der Längste und nicht der körperlich Stärkste auf seiner Position. Das schärfte seinen Sinn dafür, hart um jeden Rebound zu kämpfen. „Das habe ich internalisiert“, sagte er einmal in einem Interview. Er versuchte beharrlich, sein Stellungsspiel zu verbessern. Was bei der Rebound-Arbeit half: Steinbach hat große, fangsichere Hände und verfügt über ein gutes Ballgefühl.Die University of Washington, an der sich in den frühen Achtzigerjahren schon zwei spätere NBA-Profis aus Deutschland empfohlen hatten, Detlef Schrempf und Christian Welp, und an der in den Neunzigerjahren auch der deutsche Rekord-Nationalspieler Patrick Femerling aktiv war, hatte auffallend großes Interesse an Steinbach. Der wiederum sah dort nach ersten Erfahrungen in der ersten Mannschaft der Würzburg Baskets eine gute Gelegenheit, sich früh an den amerikanischen Lebensstil zu gewöhnen – und auch an den etwas anderen Basketball, der dort gespielt wird. „Auf diese Weise kannst du dich besser auf die NBA vorbereiten“, sagte er bei seiner Ankunft im vergangenen Jahr.Pro Saison 4,6 Millionen Euro GehaltTatsächlich zeigen die Beispiele Dirk Nowitzki und Dennis Schröder, wie auch die vieler anderer europäischer Spitzenbasketballer, dass die Plattform des amerikanischen Collegesports für die Talentscouts in der NBA nicht mehr allein ausschlaggebend ist. Von wenigen Ausnahmen wie den Wagner-Brüdern abgesehen.Dirk Nowitzki schickte am Draftabend per Videoaufzeichnung Grüße nach Brooklyn, wo die Veranstaltung jedes Jahr im großen Stil fernsehgerecht inszeniert wird: „Hannes, herzlichen Glückwunsch. Noch ein Junge aus Würzburg in der Liga, unglaublich. Ich kenne dich schon seit deiner Geburt. Ich habe deinen Werdegang verfolgt und bin super stolz auf dich und darauf, wie du alles gemeistert hast.“ Dann witzelte er noch: „Ich bin so froh, dass du nicht die Athletik und die Hände deines Vaters geerbt hast.“ Die Reporterin Lisa Salters vom Sender ESPN hakte daraufhin gleich bei Burkhard Steinbach nach: „Wenn er seine Fähigkeiten nicht von Ihnen geerbt hat, woher hat er sie dann?“ Die Antwort kam prompt: „Von der Mutter.”Weil er in der ersten Draftrunde gezogen wurde, bekommt der Sohn auf jeden Fall einen Vertrag mit einer Laufzeit von mindestens zwei Jahren sowie ein für einen Einsteiger stattliches Gehalt: Pro Saison sind es 5,3 Millionen Dollar, umgerechnet 4,6 Millionen Euro.
NBA-Draft: Hannes Steinbach und Christian Anderson zu Charlotte Hornets
Der nächste Würzburger in der nordamerikanischen Basketballliga NBA: Hannes Steinbach, ausgewählt in der ersten Draftrunde, weckt große Hoffnungen. Begleitet wird er von Christian Anderson.










