Sehr hohe Decken, aufwendig verzierte Fassaden, Fenster in Kastenform: Manches Wohnhaus aus der Gründerzeit ist von außen hübsch anzusehen, weil es mit hochwertigen Materialien saniert worden ist. Solche Gebäude aus dem 19. und 20. Jahrhundert oder auch ältere Mehrfamilienhäuser haben aber Schwierigkeiten mit dem Schallschutz. „Vieles, was heute stört, war früher schlicht weniger präsent“, sagt David Goecke, Abteilungsleiter Akustik am Fraunhofer-Institut für Bauphysik (IBP). Damals waren die Bodenbeläge und die Lebensstile anders. Es gab weniger technische Installationen und weniger Verdichtung. „Die Wohnung war akustisch oft robuster, weil weniger Lärmquellen da waren, nicht weil die Gebäude so gut waren.“Er verweist darauf, dass Umfragen des Umweltbundesamtes zeigen, dass Geräusche aus der Nachbarschaft für viele Menschen ein relevantes Belastungsthema im Wohnumfeld sind. Der Krach tritt nicht flächendeckend in einem Gebäude auf, sondern konzentriert sich auf typische Bereiche, an denen Schall übertragen wird: vor allem auf Trittschall, Decken und Geräusche aus der Haustechnik, sagt Goecke.Das Thema Schallschutz spielt allerdings aus Sicht von Investoren eine eher untergeordnete Rolle, wenn es um den Kauf einer Immobilie geht. Laut Verwalter Thomas Rolf Hermes habe das keinen nennenswerten Einfluss auf die Erwerbsentscheidung. Er arbeitet für den Immobilienverwalter Frank, der 6000 eigene Wohnungen im Bestand hat und rund 15.000 weitere verwaltet.Stimmen, Schritte, SchreieSchwierig wird es mit dem Lärmschutz gerade in Altbauten, wenn die Immobilie energetisch modernisiert wird. Während Außenlärm durch Dämmung oft reduziert wird, verbreitet sich der Schall und die Wahrnehmung im Inneren. Energetische Sanierungen verändern nach den Worten des Akustikfachmanns Goecke das „akustische Gleichgewicht“ eines Gebäudes. Neue Fenster und eine dichtere Hülle senken den Außenlärm. Dadurch sinkt aber auch der gleichmäßige Hintergrundpegel, der innere Geräusche früher teilweise überdeckt hat. „Was von außen zunächst als Komfortgewinn erscheint, kann im Inneren dazu führen, dass Schritte, Türen, Installationsgeräusche oder Stimmen deutlich stärker auffallen.“Goecke verweist noch auf einen weiteren Punkt: Moderne Wärmeschutzverglasungen seien nicht automatisch auch akustisch optimal. Schalldämmung hängt in der Praxis stark von Faktoren wie Scheibenformat, Abstandshalter, Randverbund und Einbausituation ab. „Der Prüfstandswert nach Norm ist deshalb nicht immer deckungsgleich mit der Wirkung im realen Gebäude.“Handwerker im Reihenhaus: „Wirklich nachhaltige Sanierungen verbessern Energieeffizienz, Wohnkomfort und akustische Qualität.“Stefan NielandWer energetisch optimiere, ohne das konkrete Fenstersystem akustisch mitzudenken, riskiere neue Wahrnehmungsschwierigkeiten statt echter Wohnqualität. „Genau deshalb sollte Nachhaltigkeit im Gebäudebestand nicht nur energetisch verstanden werden: Wirklich nachhaltige Sanierungen verbessern Energieeffizienz, Wohnkomfort und akustische Qualität gemeinsam, statt Zielkonflikte in die Nutzung zu verlagern.“Dumpfe Töne sorgen für ÄrgerNicht alle Geräusche lassen sich einheitlich gut messen. Die Technik erfasse leise, gleichmäßige Töne gut, berichtet Bauphysiker Stefan Krcelic vom Beratungsunternehmen Drees & Sommer. „Dumpfe, tieffrequente Geräusche wie dröhnende Schritte oder plötzliche Impulse wie das Fallenlassen von Gegenständen bereiten Schwierigkeiten.“ Genau diese Geräusche störten viele Menschen aber stark. Ein Gebäude könne also baurechtlich alle Vorschriften erfüllen – und sich trotzdem unangenehm laut anfühlen. „Der Grund liegt im Ansatz der baurechtlichen Normung: Sie zielt auf Mindestschutz ab, nicht auf Wohnkomfort.“Schallschutz kann ins Geld gehen. Darauf weist eine Sprecherin der Stuttgarter Wohnungs- und Städtebaugesellschaft (SWSG) hin: Insbesondere in älteren Gebäuden seien Verbesserungen oft mit tiefgreifenden Eingriffen in die Konstruktion mit hohen Investitionen verbunden. Ein Beispiel sei der Einbau eines Estrichs: Er erhöhe den Fußbodenaufbau und damit die Lasten auf die Decke. Das zieht weitere Eingriffe nach sich: Tragende Bauteile brauchen statische Verstärkungen. Türstürze sind anzupassen und Fensterbrüstungen oder Geländer zu erweitern, um Absturzsicherungen weiterhin zu gewährleisten: „Solche Wechselwirkungen machen Schallschutzmaßnahmen im Bestand komplex und kostenintensiv.“Energetische Sanierung: Welche Rolle spielt der Lärmschutz für die Wohnungssuche?Picture AllianceBei bewohnten Modernisierungen seien Verbesserungen dagegen meist nur in begrenztem Umfang möglich, beispielsweise durch den Einbau neuer Fenster. „In denkmalgeschützten Gebäuden sind bauliche Eingriffe durch den Denkmalschutz zudem häufig so reglementiert, dass der Schallschutz nicht immer in dem technisch grundsätzlich möglichen Umfang optimiert werden kann“, sagt die Sprecherin.Laut ihr ist Schallschutz auf einem angespannten Wohnungsmarkt wie in Stuttgart nur einer von mehreren Faktoren. Für viele Haushalte stünden Verfügbarkeit, Lage und Miethöhe klar im Vordergrund. Ein hoher Schallschutzstandard sei selten das allein ausschlaggebende Kriterium.Ingenieur Goecke kann sich hingegen vorstellen, dass das Thema Lärm künftig gleichfalls eine größere Rolle bei der Wohnungssuche spielen könnte. „Viele Menschen verzeihen eine alte Küche“, sagt er. „Schlechten Schlaf verzeihen sie deutlich weniger.“Daher nimmt er an, dass Schallschutz wichtiger wird. Der Umbau sollte interdisziplinär und auch im Einklang mit Energieeffizienz, Ressourcenschonung und subjektiver Wahrnehmung erfolgen. „In einem angespannten Wohnungsmarkt wurde schlechte Akustik lange hingenommen“, sagt er. Doch mit steigenden Ansprüchen an Gesundheit, Homeoffice und akustischen Wohnkomfort wird sie zum messbaren Qualitätsfaktor.
Lärm im Altbau: Wenn die Waschmaschine stört
Krach von innen oder außen? Energetische Sanierungen dämpfen den Außenlärm, aber dafür wirken Geräusche im Haus lauter. Schutz ist vor allem im Altbau aufwendig.






