Russland hat im Angriffskrieg gegen die Ukraine schon viele Waffen eingesetzt, aber keine davon so symbolisch aufgeladen wie die Oreschnik, die oft von Präsident Wladimir Putin gepriesene „neue Mittelstreckenrakete“. Jetzt erhärtet eine neue Analyse Vermutungen, die Oreschnik sei unpräzise und technologisch veraltet.Die private ukrainische Analyse- und Recherchegruppe Dallas Analytics hat nach eigenen Angaben eine Korrespondenz zwischen russischen Rüstungsunternehmern veröffentlicht, die das belegen soll. Demnach ist das Navigationsinstrument GU-503, das die Oreschnik im Flug stabilisieren soll, „technisch veraltet, viele Komponenten sind ausgefallen, und es gibt keinen Ersatz dafür, da sie nicht mehr hergestellt werden“.Der veröffentlichte Brief ist auf den 14. Mai vorigen Jahres datiert. Absender ist demnach der stellvertretende Direktor des Rüstungswerks „Progress“ in der Stadt Mitschurinsk 370 Kilometer südöstlich von Moskau, Adressat der Generaldirektor eines Optikwerks in der Stadt Asow im südwestrussischen Rostower Gebiet. Beide Werke entwickeln Bestandteile für russische Raketen, beide sind schon Ziele ukrainischer Drohnenangriffe geworden.Es geht auch um Putins RufIn dem Brief heißt es, dass Geräte zur Prüfung und Anpassung des Navigationssystems der Oreschnik „zu Beginn der Siebzigerjahre des 20. Jahrhunderts“ entwickelt worden seien und nicht mehr produziert würden. Es sei daher eine „vollständige Neugestaltung“ unter Verwendung moderner Bauteile erforderlich. Der Brief und die Angaben wirken authentisch, die Echtheit kann indes nicht abschließend geprüft werden.Ein Vertreter von Dallas Analytics sagt der F.A.Z., dass sein Team über eine Quelle im russischen Verteidigungsministerium, die Einblick in Beschaffungsprogramme habe, an den Brief gelangt sei. „Dieser Typ“ verstehe, dass „die aggressiven Bestrebungen Russlands gegen die Ukraine und gegen den Westen in die völlig falsche Richtung gehen“. Man habe seit 2014 ein Netzwerk an Kontakten in Russland aufgebaut, russische Sicherheitsdienste würden „verzweifelt versuchen, herauszufinden, wer diese Informationen weitergegeben hat“.Zweifel an der Effektivität gab es schon damalsEs war der Beginn einer Reihe schwärmerischer Auftritte Putins. Darin verglich er die kinetische Energie der Rakete, deren Name Haselnussstrauch bedeutet, mit der eines Meteoriten. „Ganze Seen“ entstünden am Einschlagsort, sagte Putin Ende November 2024, „alles, was im Zentrum ist, verwandelt sich in Asche“. Die Oreschnik sei „eine Präzisionswaffe und von hoher Stärke“. Kurz darauf schlug Putin ein „Hochtechnologieduell des 21. Jahrhunderts“ vor: Die Unterstützer der Ukraine sollten ein Objekt bestimmen, „sagen wir in Kiew“, dort Flugabwehrgeschütze konzentrieren, „und wir führen dagegen einen Schlag mit der Oreschnik und schauen, was sein wird“.Zweifel gab es schon damals. Nach dem ersten Angriff, der einem Rüstungswerk in der Stadt Dnipro galt, behaupteten Putin und sein Apparat, das Ziel sei zerstört worden. Die Schäden waren nach ukrainischen Angaben gering.Putin hielt aber an seiner Wunderwaffenrhetorik fest. Im Juni 2025 behauptete er, die Oreschnik, die sich „unter Gefechtsbedingungen sehr gut empfohlen“ habe, werde jetzt „in Serie produziert“. Nur wenige Wochen später sagte er, die erste serienmäßig hergestellte Rakete sei in Dienst gestellt worden.Eindrückliche Bilder, kaum FolgenZum zweiten Mal setzte Moskau die Oreschnik im Januar 2026 ein, nach Angaben des russischen Verteidigungsministeriums gegen ein Werk, das Kampfflugzeuge repariert, nach ukrainischen Vermutungen dagegen gegen einen unterirdischen Gasspeicher im Gebiet Lemberg (Lwiw). Wieder ohne ersichtliches Ergebnis.Ende Mai verschoss Russland zwei Oreschniks in einer Nacht. Die Einsätze liefern eindrückliche Bilder: Sechs Gefechtsköpfe hat die Rakete, die wiederum je sechs kleinere Submunitionen freisetzen. Wieder wurde nur Übungsmunition eingesetzt, wieder gab es wohl kaum Folgen. Nach ukrainischen Angaben beschädigte eine Oreschnik ein paar Garagen in der Stadt Bila Zerkwa im Kiewer Umland; die zweite Rakete, die demnach eine Fehlfunktion hatte, sei über russisch besetztem Gelände im ostukrainischen Donezker Gebiet niedergegangen.Auf die Bilder der Garagen von Bila Zerkwa folgte Hohn russischer Kriegsblogger. Zumal Russlands Verteidigungsministerium behauptet hatte, ausschließlich militärische Ziele und solche der ukrainischen Rüstungsindustrie angegriffen zu haben.Von einer Serienproduktion sprach Putin nun nicht mehrJetzt änderte Putin auf einmal seine Rhetorik. Anfang Juni sagte er während seines Wirtschaftsforums in Sankt Petersburg, er offenbare „ein großes, militärisches Staatsgeheimnis“: In der Ukraine habe es „faktisch keine im eigentlichen Sinne des Wortes militärische Anwendung der Oreschnik“ gegeben. Man habe „einfach dort zugeschlagen, wo es bequem war, die Ergebnisse anzuschauen“. Das betreffe „den Schuppen“ von Bila Zerkwa und „umso mehr“ einen „Hauptbefestigungsbezirk“ in der „Donezker Volksrepublik“, wie die Invasoren das 2022 annektierte, aber weiter nicht gänzlich von ihnen kontrollierte Gebiet nennen; Putin deutete damit entgegen der Kiewer Darstellung an, im Donezker Gebiet ein ukrainisches Militärziel angegriffen zu haben.Weiter erzählte er, nach den Schlägen habe man Drohnen losgeschickt, die „alles auf den Millimeter genau vermessen“ hätten. „Für uns ist das wichtig, um künftig über eine Anwendung der Oreschnik gegen vorgesehene Ziele zu entscheiden, unter anderem in städtischen Bebauungsgebieten.“ Von einer Serienproduktion sprach Putin jetzt nicht mehr. Auch nicht davon, dass die Rakete seit Ende vorigen Jahres in Belarus stationiert worden sein soll, das Moskau als militärischen Vorposten nutzt.Russland will fünf oder mehr Raketen pro Jahr herstellenDallas Analytics berichtet unter Berufung auf seinen Informanten, dass die russischen Hersteller die üblichen Qualitätschecks für die Oreschnik umgangen hätten, um Putins strenge Fristen einzuhalten. In dem Brief steht, dass es „unmöglich ist, Ihren Auftrag innerhalb des vorgegebenen Zeitrahmens zu erfüllen“. Weiter heißt es, dass die Stückkosten angesichts des begrenzten Auftragsvolumens „unerschwinglich hoch“ seien.Laut dem ukrainischen Auslandsnachrichtendienst SSRU will Russland erst in diesem Jahr in die Serienproduktion einsteigen und fünf oder mehr Raketen pro Jahr herstellen. Der Vertreter von Dallas Analytics sagt, dass Moskau nach Informationen der ukrainischen Sicherheitsdienste im vergangenen Jahr nur vier Oreschniks produziert und drei davon 2026 eingesetzt habe, zwei Ende Mai, eine im Januar. Die gesamte Stückzahl, heißt es, könne aufgrund nicht bekannter jüngerer Bestellungen höher liegen.Schon 2024 gingen die USA, die Ukraine und Fachleute davon aus, dass Putins neue Rakete nicht so neu ist: Sie basiere demnach auf der Technik älterer Flugkörper wie der RS-26 Rubesch. Der deutsche Raketenfachmann Markus Schiller ist daher nicht überrascht, dass die Oreschnik ein altes sowjetisches Navigationssystem verwende. „Die Oreschnik ist in einer langen Linie nur ein weiteres Glied der Raketenartillerie.“Sie sei nie als Präzisionswaffe gedacht gewesen, sagt Schiller, der an der Universität der Bundeswehr München zu Fernflugkörpern lehrt. Mit der Oreschnik wolle Russland nicht gezielt Kommandozentralen oder Raketensilos ins Visier nehmen. „Die Technik ist dafür gedacht, große Atomwaffen auf Städte zu schießen.“Die Rakete soll 5500 Kilometer weit fliegen können. Damit stellt die Waffe, selbst wenn sie mit einem alten Navigationssystem ausgestattet ist, eine potentielle Bedrohung für europäische Hauptstädte dar. Die Bundeswehr hat sich als erste Armee in Europa mit der israelisch-amerikanischen Raketenabwehr Arrow 3 gegen solche Angriffe gerüstet. Laut Fachleuten kann das System die Oreschnik vom Himmel holen. Der Chef der Luftwaffe, Holger Neumann, sagte bei der Inbetriebnahme im Osten Deutschlands: Arrow 3 sei eine „direkte Antwort“ auf neue Raketen Moskaus.
Putins Oreschnik: Die Rakete, die daneben zielt
Eine Analyse soll enthüllen, dass Russlands „neue Mittelstreckenrakete“ Oreschnik mit sowjetischer Technik fliegt. Putin hat seine Rhetorik bereits angepasst.






