Es ist der 23. Juni 1993, als in der Hongkonger Wochenzeitschrift „Next“ ein explosiver Text erscheint, ein offener Brief an den Ministerpräsidenten der chinesischen Volksrepublik. Der Autor übt darin offen Kritik an Li Peng und dem Massaker auf dem Pekinger Tiananmen-Platz, über das bis heute in China nicht gesprochen werden darf. Die Schrift wird noch mehr zum Affront, als der Autor, Hongkongs Medienmogul Jimmy Lai, Li Peng als den „Sohn eines Schildkröteneis“ bezeichnet.Der ehemalige Eigentümer von „Apple Daily“, „Next Online“ oder „Sudden Weekly“ sitzt nun seit fast sechs Jahren unter unmenschlichen Bedingungen in Haft. Am Dienstagabend verlieh ihm die Deutsche Welle in Abwesenheit den „Freedom of Speech Award“ und würdigte seinen Einsatz für Presse- und Meinungsfreiheit. Lais Biografie steht exemplarisch für einen dringend benötigten Typus von Medienunternehmer; einen, der demokratische Werte - Offenheit, Widersprüchlichkeit und Rechtsstaatlichkeit - wirtschaftlichen Ambitionen überordnet, sie zu ihrer Bedingung sine qua non erhebt.Keine Insel, keine Gated-CommunityDabei hätte Lai, Jahrgang 1947, in den Neunzigerjahren eigentlich ein gutes Leben führen können. Als Neunjähriger hatte er noch am Bahnhof von Guangzhou die Koffer von reichen Chinesen getragen, mit 27 das Modelabel „Giordano“ gegründet, das bald börsennotiert war und sich schnell zu einem Goldesel entwickelte. Lai hätte die Füße hochlegen, die Lorbeeren seiner Arbeit ernten können.Doch er entschied sich dagegen; er kaufte sich keine Insel, zog nicht in eine Gated Community, baute sich kein abgeschottetes Anwesen. Stattdessen verschrieb er sich einem offenen Diskurs, kämpfte gegen den Autoritarismus der kommunistischen Partei an, über die Grenzen Hongkongs hinweg. Als Reaktion auf den offenen Brief schloss die chinesische Regierung alle „Giordano-Läden“ auf dem Festland; Lai verlor sein großes wirtschaftliches Standbein, widmete sich aber weiter dem Mediengeschäft.23 Stunden am Tag in EinzelhaftDiesem Typus steht heute in einigen Teilen der Welt ein skrupelloses Pendant gegenüber. In den USA etwa hat sich eine opportunistische IT-Clique aus dem Silicon Valley einem autoritären Präsidenten unterworfen, die auf Faktenchecks verzichtet und ihre Algorithmen so programmiert, dass sie zu einem Brandbeschleuniger für Hass und Häme werden. Währenddessen sitzen die Medienunternehmer mit Donald Trump zusammen zum Abendessen in Räumen, die der Präsident kürzlich mit Goldarmaturen versehen ließ. Lai hingegen „diniert“ in einem chinesischen Gefängnis; er zeigte Rückgrat, jetzt sind seine Zähne verfault, er verliert seine Fuß- und Fingernägel.„Jimmy verbringt 23 Stunden am Tag in Einzelhaft in einer Zelle ohne Klimaanlage“, mahnte die britische Journalistin Jodie Ginsberg in ihrer Laudatio zur Preisverleihung. Seiner Familie und seinen Freunden ist es verboten, den 78-Jährigen mehr als zweimal im Monat für etwa dreißig Minuten zu sehen - und dann nur vor einer Glasscheibe, ausschließlich über Telefon. Anders als die anderen Insassen, die in Gruppen Sport treiben können, dürfe Lai sich nur alleine in einer fünf auf zehn Meter großen Anlage bewegen, umgeben von Stacheldraht.Lais Tochter Claire nahm den Preis im alten Bonner Bundestag entgegen und sagte: „Ich habe ihn seit einem Jahr nicht mehr gesehen, aber er lacht mich immer noch an, wenn ich ihn hinter der Wand sehe.“ Lai hat für seinen Kampf für Demokratie nicht nur sein Unternehmen geopfert; die chinesische Regierung hat ihm auch die Nähe zu seiner Familie genommen.