Interview«Der Begriff Pauschalreise klingt altmodisch. Dabei ist das ein sehr modernes Produkt», sagt der Chef der deutschen TUIDie Pauschalreise gilt vielen als Relikt aus einer anderen Zeit. Doch gerade jetzt erlebe sie ein Comeback, sagt TUI-Chef Sebastian Ebel. Was Kriege und künstliche Intelligenz damit zu tun haben.24.06.2026, 05.30 Uhr7 LeseminutenDefinition Traumferien: TUI unterhält die «Mein Schiff»-Flotte, die sich vor allem an deutschsprachige Gäste richtet.Michael Bihlmayer / ImagoSebastian Ebel führt ein Geschäft, das ständig bedroht ist. Ob Pandemien, Kriege oder Waldbrände: Kaum eine Branche treffen Krisen so stark wie den Tourismus. Als im Februar die Angriffe im Nahen Osten losgingen, musste TUI innert weniger Tage 10 000 Gäste aus der Region zurückholen. Die Aktion kostete das Unternehmen 40 Millionen Euro.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Ebel begegnet solchen Rückschlägen mit norddeutscher Nüchternheit. «Wenn TUI etwas kann, dann ist es Krise», sagte er kürzlich. Seit 2022 ist er Chef des deutschen Konzerns, der mit eigenen Hotels, Kreuzfahrtschiffen und Fluggesellschaften zum grössten Reiseanbieter der Welt aufgestiegen ist.Herr Ebel, Sie führen den grössten Reisekonzern der Welt. Sind Sie persönlich lieber unterwegs oder zu Hause?Ich reise gerne, aber ich bin auch gern zu Hause. Nur eines wäre nichts für mich: ausschliesslich im Büro zu sitzen. Ich brauche den Kontakt zu den Menschen und den Destinationen.Auch jetzt? Die Welt wirkt derzeit nicht besonders einladend. Viele Menschen verbringen den Sommer lieber daheim.Es gibt Familien, die sich Ferien wegen der wirtschaftlichen Unsicherheit nicht mehr leisten können. Es gibt auch Menschen, die haben generell Angst vor den geopolitischen Spannungen. Ich persönlich würde deshalb nie auf Reisen verzichten. Im Gegenteil: Gerade in solchen Zeiten hilft es, andere Menschen verstehen zu lernen, auch ihre unterschiedlichen Meinungen.Sebastian EbelPDWie gut sind die Sommerferien gebucht?August und September haben noch Potenzial. Viele buchen dieses Jahr später. Bei all den Unsicherheiten entscheiden sie erst kurzfristig, ob und wohin sie verreisen.Der Iran-Krieg vermiest Ihnen das Geschäftsjahr. TUI hat den Ausblick gesenkt und die Umsatzprognose ausgesetzt. Auch die Aktie steht unter Druck.Es ist frustrierend. Wir haben in den vergangenen Jahren viel in die Transformation des Geschäfts investiert – in die IT, in den Kundenservice, neue Produkte und in unsere Mitarbeitenden. Wir hatten 14 Quartale mit immer besseren Ergebnissen und konnten sehen, dass die Verbesserungen wirken. Dann kommt ein solches externes Ereignis und nimmt einem den Lohn für diese Arbeit.Kann TUI den jüngsten Konflikten auch etwas Gutes abgewinnen?Vielen Kunden ist der Wert der Pauschalreise wieder bewusst geworden. Auf unseren Schiffen hatten wir über 80 Prozent Pauschalreisende und 15 bis 20 Prozent Gäste, die nur die Kreuzfahrt gebucht hatten. Wer wurde zuerst zurückgeholt? Die Kunden mit einer Pauschalreise. Sie waren ganz anders abgesichert. Das Gleiche galt für Gäste, die auf den Malediven festsassen. Wer eine Pauschalreise gebucht hatte, wurde von uns zurückgebracht. Wer nur das Hotel gebucht hatte, musste sich selbst um die Heimreise kümmern.Die Pauschalreise ist für viele ein Auslaufmodell. Sie behaupten nun das Gegenteil.Ja, das Segment ist in Europa sehr stabil.Trotzdem hat die Pauschalreise ein verstaubtes Image. Wer bucht das heute noch?Genau deshalb finde ich den Begriff Pauschalreise nicht gut. Er klingt altmodisch. Dabei ist das heute ein sehr modernes Produkt.Inwiefern?Mein Sohn hat für seine Hochzeitsreise nach Neuseeland und Australien eine Pauschalreise im Reisebüro gebucht. Ich war überrascht und habe ihn gefragt, warum. Er sagte: «Ich habe doch keine Lust, stundenlang im Internet zu suchen.»Es geht also um Bequemlichkeit?Ja. Bei grösseren Gruppen können es schnell einmal 15 oder 20 Personen sein, die reisen. Da habe ich doch keine Lust, 15 Flugsitze zu buchen. Es geht aber auch um Sicherheit. Wer krank wird oder in eine Krise gerät, ist abgesichert.Mit anderen Worten: Die Pauschalreise ist ein Erfolg, sie müsste einfach anders heissen.Unbedingt. Der Begriff ist angestaubt und unpassend. Wir suchen schon lange nach einer Alternative.Herr Ebel, Sie haben kürzlich erklärt, dass TUI in Chat-GPT integriert ist. Bucht künftig eine KI meine Ferien?Menschen suchen und buchen heute anders als noch vor zwei Jahren. Immer mehr Kunden beginnen ihre Suche bei Chat-GPT oder anderen KI-Modellen. Das gilt heute schon für Flüge und Hotels und künftig auch für Pauschalreisen.Was heisst das konkret?Heute werden Sie noch auf die Website einer TUI oder eines anderen Anbieters umgeleitet. Künftig wird die Buchung direkt dort möglich sein. Der Kunde bleibt im Buchungsprozess, alle Daten sind bereits ausgefüllt.Reisen ist aber etwas Emotionales. Ein Algorithmus hat kein Gespür für mein Fernweh.Wir sollten die Fähigkeiten der KI nicht unterschätzen. Diese Systeme lernen ständig dazu. Wenn sie merken, dass man ungeduldig wird, antworten sie schneller oder fragen weiter.Nutzen Sie künstliche Intelligenz auch für Dynamic Pricing?Ja, klar. Mit selbstlernenden Modellen kann ich ein viel besseres Pricing machen: Wo bin ich zu teuer? Wo sollte ich meinen Preis ändern?Auf Ihren Schiffen setzen Sie KI auch in den Küchen ein.Die KI sagt sehr genau vorher, was Gäste essen werden. Sie berücksichtigt sogar Faktoren wie das Wetter. An heissen Tagen essen wir anders als an kühlen. So können wir die Mengen laufend anpassen. Mit KI lassen sich bis zu 50 Prozent der Lebensmittelabfälle vermeiden.Mit welchen Kosteneinsparungen rechnen Sie dank KI?Im Rahmen der Transformation des Konzerns planen wir bis zum Geschäftsjahr 2028 Ergebnisverbesserungen von einem dreistelligen Millionenbetrag. Einen wesentlichen Teil dieser Verbesserungen werden wir durch KI‑gestützte Optimierungen und Automatisierung von Prozessen erzielen.Sie bauen den TUI-Konzern zu einem Freizeit-Ökosystem um. Künftig soll ich bei Ihnen nicht nur Ferien, sondern auch Ausflüge buchen. Warum?Für viele Kunden ist das Erlebnis entscheidend. Sie fragen zuerst nach dem besten Tauchgebiet, den schönsten Golfplätzen oder einer guten Hotelmarke. Der Ort kommt erst danach. Deshalb versuchen wir, Reise, Unterkunft und Erlebnisse stärker miteinander zu verbinden.Ihrem Konzern gehören mehr als 400 Hotels, künftig sollen es 600 sein. Warum investiert TUI überhaupt in eigene Hotels?Weil es sehr profitabel ist.So einfach ist das?Das Hotelgeschäft ist nicht automatisch profitabel. Viel hängt von der Lage ab und davon, für wen man gebaut hat. Unsere Hotels am Broadway in New York sind auf Feriengäste zugeschnitten, nicht auf Geschäftsreisende. Das führt zu Auslastungen von 80 bis 95 Prozent.Tourismus-Hotspot Korfu: Wo es mehr Touristen als Einheimische gibt, wird es oft kritisch.Michael Bihlmayer / ImagoAndernorts setzt TUI stark auf sogenannte Urlauber-Cluster. Klingt technisch. Worum geht es da?Touristen fühlen sich dort wohl, wo auch die Einheimischen dem Tourismus positiv gegenüberstehen.Das heisst?Wenn wir eine Region entwickeln, brauchen wir eine gewisse Grösse. Ein einzelnes Hotel reicht nicht. Man braucht Flugverbindungen, Busse, lokale Lieferanten und ausgebildete Mitarbeitende. Erst dann entsteht eine Infrastruktur, die wirtschaftlich funktioniert.Und das sind dann diese Cluster?Genau. Auf den Kapverden haben wir heute elf eigene Hotels. Dadurch können wir Mitarbeitende ausbilden und mit lokalen Produzenten zusammenarbeiten. Dort muss die Nuss-Nougat-Crème nicht aus Deutschland kommen. Die Gäste schätzen lokale Produkte, und die Wertschöpfung bleibt in der Region.Das klingt fast nach Entwicklungshilfe.Es gibt einen sozialen Aspekt, aber auch einen kommerziellen. Solche Investitionen lohnen sich erst, wenn sie eine gewisse Grösse erreichen.An vielen beliebten Ferienorten wächst der Widerstand gegen den Massentourismus. Trägt TUI dafür Verantwortung?Natürlich tragen wir generell Verantwortung. Deshalb suchen wir den Dialog mit den Menschen vor Ort.Was ist aus Ihrer Sicht das grösste Problem?Vor allem bezahlbarer Wohnraum. Wenn junge Menschen auf den Kanaren keine Wohnung finden, weil Käufer aus dem Ausland deutlich mehr bezahlen können, dann ist das ein gesellschaftliches Problem.Und was unternimmt TUI dagegen?Wir haben beispielsweise angeboten, in Wohnraum – auch für unsere Mitarbeitenden – zu investieren. Das ist zwar nur ein Tropfen auf den heissen Stein. Aber wenn dadurch in den Sommermonaten 200 Wohnungen unter anderem für Polizisten oder Lehrer entstehen, hilft das immerhin ein bisschen.TUI wollte in Oman mehrere Hotels bauen, im Gegenzug sollte das Sultanat bei TUI einsteigen. Daraus wird vorerst nichts. Warum?Wegen des Krieges. Die vereinbarten Fristen waren nicht mehr einzuhalten.Ist das Projekt gestorben?Für den jetzigen Zeitpunkt ist es abgesagt. Ich hoffe, dass wir zeitnah wieder darüber sprechen können. Oman ist ein ganz anderer Tourismusmarkt als Dubai, und ich glaube weiterhin an das Potenzial des Landes.Wie sieht es mit dem Nahen Osten allgemein aus?Die Region braucht Frieden. Zurzeit stehen diese Länder nicht nur touristisch vor grossen Herausforderungen.Zwei Ihrer Kreuzfahrtschiffe waren Ende Februar im Persischen Golf unterwegs, als der Iran-Krieg ausbrach. Das ist der Worst Case.Die Schiffe waren auf einer siebentägigen Kreuzfahrt unterwegs und ausgebucht, als der Krieg begann und die Strasse von Hormuz gesperrt wurde. Insgesamt hatten wir an die 10 000 Gäste in der Region, auch in unseren Hotels, die wir zurückholen mussten.Das klingt nach einer logistischen Herausforderung.Die Aktion hat uns im Konzern im zweiten Quartal 40 Millionen Euro gekostet. Teilweise haben wir Gäste mit unseren eigenen Flugzeugen an der Grenze zwischen Saudiarabien und Dubai abgeholt. Es dauerte mehrere Tage, alle Menschen zurückzubringen.Das hätte auch schiefgehen können.Es hat gut geklappt. Alle Entscheidungen wurden kontrolliert vorbereitet. Die Schiffe nach acht Wochen endlich aus der Region herauszubekommen, war nur in einem sehr kurzen Zeitfenster möglich. Unseren Besatzungen und Kapitänen gebührt daher auch grosser Dank.Der Rundum-Reisekonzern: TUI bietet die ganze Wertschöpfungskette von Anreise, Aufenthalt und Aktivitäten vor Ort an. Im Bild ein Flugzeug der TUI Airways auf dem Weg von Ibiza nach Brüssel.Thierry Monasse / GettyPassend zum Artikel
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